{"id":1987,"date":"2026-05-25T22:01:54","date_gmt":"2026-05-25T20:01:54","guid":{"rendered":"https:\/\/sissy-welt.de\/?p=1987"},"modified":"2026-05-11T22:05:35","modified_gmt":"2026-05-11T20:05:35","slug":"e-boy-geschichte-teil-3-zwischen-nachtbus-und-neuen-blicken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sissy-welt.de\/en\/e-boy-geschichte-teil-3-zwischen-nachtbus-und-neuen-blicken\/","title":{"rendered":"E-Boy Story Part 3 Between Night Bus and New Glances"},"content":{"rendered":"<p data-start=\"94\" data-end=\"152\">Ich glaube, manche Abende wirken erst sp\u00e4ter richtig nach.<\/p>\n<p data-start=\"154\" data-end=\"667\">Nicht sofort, nicht in dem Moment, in dem man noch mit Kopfh\u00f6rern im Ohr durch die Nacht f\u00e4hrt und die Scheiben der Bahn das eigene Spiegelbild zur\u00fcckwerfen. Nicht, wenn das Herz noch von Musik, N\u00e4he und zu viel Cola schneller schl\u00e4gt. Sondern erst am n\u00e4chsten Morgen, wenn alles wieder still ist. Wenn das Zimmer nicht mehr violett leuchtet, sondern vom grauen Tageslicht geflutet wird. Wenn die Klamotten vom Vorabend \u00fcber dem Stuhl h\u00e4ngen und aussehen, als h\u00e4tten sie mehr erlebt als man selbst zugeben m\u00f6chte.<\/p>\n<p data-start=\"669\" data-end=\"705\">So war es nach dem Konzert mit Niko.<\/p>\n<p data-start=\"707\" data-end=\"1051\">Ich wachte viel zu sp\u00e4t auf, noch halb in meinen Gedanken von der Nacht davor. Mein Kopf war schwer, meine Haare standen in alle Richtungen, und ein kleiner schwarzer Rest Eyeliner hing noch unter meinem Auge, obwohl ich mir sicher war, mich abgeschminkt zu haben. Offenbar hatte mein Gesicht beschlossen, den Abend als Beweisst\u00fcck zu behalten.<\/p>\n<p data-start=\"1053\" data-end=\"1095\">Auf meinem Handy war keine neue Nachricht.<\/p>\n<p data-start=\"1097\" data-end=\"1124\">Nur unser Chat von gestern.<\/p>\n<p data-start=\"1126\" data-end=\"1155\">Ich las ihn trotzdem nochmal.<\/p>\n<p data-start=\"1157\" data-end=\"1467\">Nicht, weil dort viel stand. Eigentlich waren es nur ein paar S\u00e4tze. Ich hatte geschrieben, dass ich zu Hause bin. Er hatte gefragt, ob der Zweiundzwanzigj\u00e4hrige in mir den Abend auch krass fand. Ich hatte Ja geschrieben. Mehr nicht. Keine gro\u00dfen Gest\u00e4ndnisse, kein Herz-Emoji, keine \u00fcbertriebenen Versprechen.<\/p>\n<p data-start=\"1469\" data-end=\"1536\">Und trotzdem f\u00fchlte sich dieser Chat an wie eine kleine offene T\u00fcr.<\/p>\n<p data-start=\"1538\" data-end=\"1996\">Ich blieb noch eine Weile im Bett liegen und dachte an seine Hand. Nicht auf diese kitschige Art, bei der man sofort Musik im Hintergrund h\u00f6rt und dramatisch aus dem Fenster schaut. Eher still. Verwundert. Als m\u00fcsste mein K\u00f6rper erst verstehen, dass das wirklich passiert war. Dass jemand meine Hand genommen hatte, mit den schwarzen N\u00e4geln, den Ringen, den kleinen Unsicherheiten, und sie nicht komisch fand. Nicht zu viel. Nicht falsch. Einfach meine Hand.<\/p>\n<p data-start=\"1998\" data-end=\"2518\">Fr\u00fcher hatte ich oft gedacht, wenn ich irgendwann so aussehen w\u00fcrde, wie ich aussehen wollte, dann w\u00e4re alles gel\u00f6st. Dann w\u00fcrde ich mich selbstbewusst f\u00fchlen, automatisch. Als k\u00f6nnte man Unsicherheit einfach mit einer Kette, einem guten Haarschnitt und Eyeliner \u00fcberschreiben. Aber so funktioniert es nicht. Stil kann eine T\u00fcr \u00f6ffnen, aber durchgehen muss man trotzdem selbst. Und hinter der T\u00fcr wartet nicht immer sofort Freiheit. Manchmal wartet dort erstmal noch mehr Angst, weil man pl\u00f6tzlich wirklich gesehen wird.<\/p>\n<p data-start=\"2520\" data-end=\"2888\">Der Tag nach dem Konzert war ruhig. Ich trug nur eine Jogginghose und ein weites Shirt, keine Ketten, keinen Nagellack frisch gemacht, keinen perfekten Look. Nur ich, m\u00fcde und etwas weichgesp\u00fclt vom Vorabend. Trotzdem f\u00fchlte sich etwas ver\u00e4ndert an. Nicht \u00e4u\u00dferlich. Innerlich. Als h\u00e4tte ich einen weiteren kleinen Beweis gesammelt, dass mein Weg nicht l\u00e4cherlich war.<\/p>\n<p data-start=\"2890\" data-end=\"3374\">Mit zw\u00f6lf hatte ich meinen schwarzen Hoodie gebraucht, um mich zu verstecken. Mit f\u00fcnfzehn hatte ich einen einzigen Nagel lackiert und getan, als sei es ein Witz. Mit siebzehn hatte ich Eyeliner aufgetragen und wieder entfernt, weil ich Angst hatte, dass mein Gesicht pl\u00f6tzlich zu ehrlich wird. Mit achtzehn hatte ich eine neue Stadt genutzt wie einen Reset-Knopf. Und jetzt, mit zweiundzwanzig, sa\u00df ich da und merkte, dass ich nicht mehr nur ausprobieren wollte, wer ich sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p data-start=\"3376\" data-end=\"3410\">Ich war l\u00e4ngst dabei, es zu leben.<\/p>\n<p data-start=\"3412\" data-end=\"3992\">Am Nachmittag machte ich mich doch noch fertig. Nicht f\u00fcr ein Date, nicht f\u00fcr ein Konzert, nicht f\u00fcr ein Foto. Nur f\u00fcr mich. Ich duschte, f\u00f6hnte meine Haare halbherzig, zog eine schwarze Hose und ein lockeres Shirt an, dazu eine silberne Kette. Der Eyeliner blieb heute weg, aber die N\u00e4gel lackierte ich neu. Schwarz, diesmal sauberer als fr\u00fcher. Ich mochte diesen Moment inzwischen. Dieses langsame, konzentrierte Streichen des Pinsels. Fr\u00fcher hatte meine Hand dabei gezittert. Heute war es fast meditativ. Ein kleines Ritual. Ein Zeichen: Ich entscheide selbst, wie ich aussehe.<\/p>\n<p data-start=\"3994\" data-end=\"4399\">Sp\u00e4ter ging ich raus, nur zum Kiosk und dann noch ein St\u00fcck durch die Stadt. Die Luft war k\u00fchl, aber angenehm. Es war einer dieser fr\u00fchen Abende, an denen alles nach Alltag aussieht und sich trotzdem ein bisschen filmisch anf\u00fchlt, wenn man die richtige Playlist h\u00f6rt. Menschen gingen mit Einkaufstaschen an mir vorbei, Fahrr\u00e4der klapperten \u00fcber den Gehweg, irgendwo roch es nach Pommes und nassem Asphalt.<\/p>\n<p data-start=\"4401\" data-end=\"4434\">Ich merkte die Blicke, wie immer.<\/p>\n<p data-start=\"4436\" data-end=\"4891\">Manche waren kurz und neutral. Manche etwas l\u00e4nger. Einige vielleicht interessiert. Andere vielleicht irritiert. Fr\u00fcher h\u00e4tte ich versucht, jeden Blick zu deuten, als w\u00fcrde davon mein Wert abh\u00e4ngen. Heute bemerkte ich sie noch immer, aber sie bestimmten nicht mehr alles. Ich hatte gelernt, dass fremde Menschen oft nur schauen, weil Menschen eben schauen. Nicht jeder Blick ist ein Urteil. Und selbst wenn doch, muss nicht jedes Urteil bei mir einziehen.<\/p>\n<p data-start=\"4893\" data-end=\"4936\">Das klingt souver\u00e4ner, als ich mich f\u00fchlte.<\/p>\n<p data-start=\"4938\" data-end=\"4967\">Aber es stimmte ein bisschen.<\/p>\n<p data-start=\"4969\" data-end=\"5432\">Vor einem Schaufenster blieb ich stehen. Nicht absichtlich, eher weil meine Spiegelung mich kurz erwischte. Da stand ich: schwarze Haare, lockeres Shirt, Kette, dunkle N\u00e4gel, m\u00fcder Blick, Kopfh\u00f6rer um den Hals. Kein perfekter Social-Media-E-Boy, kein makelloser Anime-Charakter, keine Figur aus einem Musikvideo. Einfach ein junger Mann, der irgendwann beschlossen hatte, dass er weich und dunkel, sensibel und m\u00e4nnlich, auff\u00e4llig und unsicher zugleich sein darf.<\/p>\n<p data-start=\"5434\" data-end=\"5507\">Und pl\u00f6tzlich musste ich an den Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen denken, der ich einmal war.<\/p>\n<p data-start=\"5509\" data-end=\"5825\">Ich stellte ihn mir neben mir vor. Klein, unsicher, Kapuze tief im Gesicht, mit diesem vorsichtigen Blick, als w\u00fcrde er immer pr\u00fcfen, ob er irgendwo falsch ist. Ich glaube, er h\u00e4tte mich angestarrt. Vielleicht bewundert. Vielleicht verwirrt. Vielleicht h\u00e4tte er gefragt, ob wir \u00c4rger bekommen, wenn wir so rausgehen.<\/p>\n<p data-start=\"5827\" data-end=\"6006\">Und ich h\u00e4tte ihm wahrscheinlich gesagt: manchmal Kommentare, manchmal Blicke, manchmal Angst. Aber keinen \u00c4rger, der gr\u00f6\u00dfer ist als das Gef\u00fchl, sich st\u00e4ndig selbst zu verstecken.<\/p>\n<p data-start=\"6008\" data-end=\"6045\">Auf dem R\u00fcckweg vibrierte mein Handy.<\/p>\n<p data-start=\"6047\" data-end=\"6052\">Niko.<\/p>\n<p data-start=\"6054\" data-end=\"6303\">Nur eine kurze Nachricht. Er schrieb, dass er gerade wieder den Song vom Konzert h\u00f6re und dabei an gestern denken m\u00fcsse. Kein gro\u00dfes Drama, kein Liebesgest\u00e4ndnis. Nur dieser kleine Satz, der meinen ganzen Abend heller machte, als ich zugeben wollte.<\/p>\n<p data-start=\"6305\" data-end=\"6334\">Ich antwortete erst zu Hause.<\/p>\n<p data-start=\"6336\" data-end=\"6687\">Nicht sofort. Nicht, weil ich Spielchen spielen wollte, sondern weil ich den Moment kurz behalten wollte. Ich wollte nicht direkt wieder in Chatblasen springen, nicht sofort etwas Witziges formulieren, nicht den Zauber in einen schnellen Spruch verwandeln. Also legte ich das Handy auf den Tisch, machte mir Tee und setzte mich an meinen Schreibtisch.<\/p>\n<p data-start=\"6689\" data-end=\"7116\">Mein Zimmer sah im Abendlicht anders aus als nachts. Weniger cool, weniger \u00e4sthetisch, ehrlicher. Die LED-Streifen waren aus, die Manga im Regal standen schief, auf dem Tisch lag noch ein Ring, den ich gestern gesucht und nicht gefunden hatte. Mein Gaming-Controller klemmte halb unter einem Hoodie, daneben stand ein leeres Glas. Es war nicht perfekt. Aber es war mein Raum. Genau wie mein Stil nicht perfekt war, aber meiner.<\/p>\n<p data-start=\"7118\" data-end=\"7387\">Ich \u00f6ffnete die Kamera und sah mich auf dem Bildschirm. Fr\u00fcher h\u00e4tte ich sofort nach dem besten Winkel gesucht, das Licht ver\u00e4ndert, mein Gesicht kontrolliert, die Haare sortiert. Heute machte ich nur ein Bild. Ohne gro\u00dfe Pose. Ohne Filter. Ich sah m\u00fcde aus, aber echt.<\/p>\n<p data-start=\"7389\" data-end=\"7418\">Diesmal l\u00f6schte ich es nicht.<\/p>\n<p data-start=\"7420\" data-end=\"7810\">Danach schrieb ich Niko zur\u00fcck, dass ich den Song auch im Kopf habe. Mehr nicht. Ich wollte nicht zu viel schreiben. Ich hatte Angst, den Moment zu gro\u00df zu machen, obwohl er schon gro\u00df war. Vielleicht ist das mein altes Problem: Ich kann N\u00e4he entweder herunterspielen oder innerlich sofort ein ganzes Zukunftsszenario daraus bauen. Dazwischen zu bleiben, einfach im Jetzt, f\u00e4llt mir schwer.<\/p>\n<p data-start=\"7812\" data-end=\"7867\">Aber vielleicht lernt man genau das mit zweiundzwanzig.<\/p>\n<p data-start=\"7869\" data-end=\"7910\">Nicht alles muss sofort definiert werden.<\/p>\n<p data-start=\"7912\" data-end=\"7990\">Nicht jeder sch\u00f6ne Abend muss direkt eine Geschichte mit festem Ende bekommen.<\/p>\n<p data-start=\"7992\" data-end=\"8052\">Nicht jede Hand, die einen h\u00e4lt, muss sofort Liebe bedeuten.<\/p>\n<p data-start=\"8054\" data-end=\"8090\">Aber sie kann trotzdem wichtig sein.<\/p>\n<p data-start=\"8092\" data-end=\"8633\">In den n\u00e4chsten Tagen dachte ich viel dar\u00fcber nach, was Niko gesagt hatte. Ob mein Style Schutz oder Ausdruck ist. Diese Frage blieb h\u00e4ngen wie ein Song, den man nicht absch\u00fctteln kann. Ich glaube, die ehrliche Antwort ist: beides. Mein schwarzer Hoodie sch\u00fctzt mich noch immer manchmal. Meine Ketten sind nicht nur Schmuck, sondern auch eine Art Haltung. Meine Haare im Gesicht sind manchmal Absicht, manchmal Versteck. Mein Eyeliner macht mich sichtbarer, aber auch st\u00e4rker, weil ich selbst entscheide, dass man meine Weichheit sehen darf.<\/p>\n<p data-start=\"8635\" data-end=\"8671\">Vielleicht ist das kein Widerspruch.<\/p>\n<p data-start=\"8673\" data-end=\"8715\">Vielleicht darf Ausdruck auch Schutz sein.<\/p>\n<p data-start=\"8717\" data-end=\"8889\">Vielleicht muss nicht alles, was einen sch\u00fctzt, eine Mauer sein. Manchmal ist es eher ein Mantel. Etwas, das man tr\u00e4gt, bis man warm genug ist, um darunter freier zu atmen.<\/p>\n<p data-start=\"8891\" data-end=\"9236\">Am dritten Abend nach dem Konzert verabredeten Niko und ich uns wieder. Nicht gro\u00df. Kein Konzert, keine B\u00fchne, keine laute Musik. Nur ein Spaziergang durch die Stadt und danach vielleicht Bubble Tea. Ich tat nach au\u00dfen so, als w\u00e4re das total entspannt. Innerlich fing mein Kopf nat\u00fcrlich sofort wieder mit seiner schlechten Theaterproduktion an.<\/p>\n<p data-start=\"9238\" data-end=\"9483\">Was ziehe ich an?<br data-start=\"9255\" data-end=\"9258\" \/>Ist es ein Date?<br data-start=\"9274\" data-end=\"9277\" \/>Ist es nur ein Treffen?<br data-start=\"9300\" data-end=\"9303\" \/>Soll ich Eyeliner tragen?<br data-start=\"9328\" data-end=\"9331\" \/>Zu viel? Zu wenig?<br data-start=\"9349\" data-end=\"9352\" \/>Was, wenn der Konzertabend nur wegen der Stimmung sch\u00f6n war?<br data-start=\"9412\" data-end=\"9415\" \/>Was, wenn wir n\u00fcchtern im Alltag pl\u00f6tzlich nicht mehr funktionieren?<\/p>\n<p data-start=\"9485\" data-end=\"9564\">Ich hasse, wie schnell aus Vorfreude ein kleiner Verwaltungsakt der Angst wird.<\/p>\n<p data-start=\"9566\" data-end=\"9857\">Am Ende entschied ich mich f\u00fcr eine dunkle, weite Hose, ein enges schwarzes Longsleeve, dar\u00fcber ein oversized Shirt mit Print, Ketten, Ringe und sauber lackierte N\u00e4gel. Der Eyeliner wurde dezenter als beim Konzert. Meine Haare fielen gut, was ich als seltenes Zeichen des Universums wertete.<\/p>\n<p data-start=\"9859\" data-end=\"10219\">Als ich Niko an der Haltestelle sah, war er nicht dramatisch anders als sonst. Hoodie, Jacke, lockige Haare, m\u00fcder Blick, der aber warm wurde, als er mich erkannte. Und genau das beruhigte mich. Kein gro\u00dfes Aufspielen, keine seltsame Ver\u00e4nderung, kein \u201eWas sind wir jetzt?\u201c. Nur ein Mensch, den ich mochte, und der offenbar gern Zeit mit mir verbringen wollte.<\/p>\n<p data-start=\"10221\" data-end=\"10644\">Wir liefen lange durch die Stadt. Es gab weniger Dialoge als beim ersten Treffen. Nicht, weil es unangenehm war, sondern weil wir beide nicht st\u00e4ndig reden mussten. Manchmal kommentierten wir Dinge im Vorbeigehen: einen Hund mit viel zu viel Selbstbewusstsein, ein h\u00e4ssliches Plakat, eine Gruppe Jugendlicher, die aussah, als k\u00e4me sie direkt aus einem schlechten Musikvideo. Aber viel passierte einfach zwischen den S\u00e4tzen.<\/p>\n<p data-start=\"10646\" data-end=\"10983\">Unsere Schultern ber\u00fchrten sich ab und zu. Keiner wich sofort aus. Einmal streifte seine Hand meine, und ich sp\u00fcrte wieder dieses kleine elektrische Ziehen. Doch diesmal wartete ich nicht darauf, dass er fragt. Ich bewegte meine Finger langsam n\u00e4her, bis sie seine ber\u00fchrten. Es war fast nichts. Und trotzdem war es f\u00fcr mich ein Schritt.<\/p>\n<p data-start=\"10985\" data-end=\"11016\">Kurz darauf nahm er meine Hand.<\/p>\n<p data-start=\"11018\" data-end=\"11093\">Nicht mit gro\u00dfem Moment. Nicht mit Ansage. Einfach so, als w\u00e4re es richtig.<\/p>\n<p data-start=\"11095\" data-end=\"11513\">Wir gingen weiter. Hand in Hand. Durch Stra\u00dfen, die ich kannte, die sich aber pl\u00f6tzlich ver\u00e4ndert anf\u00fchlten. Als h\u00e4tte jemand eine neue Ebene dar\u00fcbergelegt. Dieselben L\u00e4den, dieselben Ampeln, dieselben Menschen, aber ich war anders darin. Sichtbarer. Weniger allein. Nicht mehr nur der Typ, der seinen Stil als Schutzschild tr\u00e4gt, sondern jemand, der neben einem anderen Menschen gehen kann, ohne die Hand wegzuziehen.<\/p>\n<p data-start=\"11515\" data-end=\"11577\">Ich merkte, dass ich nicht die ganze Zeit stark wirken musste.<\/p>\n<p data-start=\"11579\" data-end=\"11611\">Das war vielleicht das Sch\u00f6nste.<\/p>\n<p data-start=\"11613\" data-end=\"11963\">Bei Niko musste ich nicht dauerhaft cool sein. Ich musste nicht diese perfekte, geheimnisvolle E-Boy-Fassade halten. Ich durfte lachen, wenn etwas dumm war. Ich durfte kurz unsicher werden. Ich durfte still sein. Ich durfte gut aussehen wollen und trotzdem zugeben, dass mich ein Blick manchmal trifft. Ich musste nicht entweder hart oder weich sein.<\/p>\n<p data-start=\"11965\" data-end=\"11988\">Ich durfte beides sein.<\/p>\n<p data-start=\"11990\" data-end=\"12379\">Sp\u00e4ter sa\u00dfen wir mit Bubble Tea auf einer Bank in der N\u00e4he eines kleinen Parks. Es war schon dunkel, aber die Laternen machten das Licht weich. Der Tee war zu s\u00fc\u00df, meine Finger kalt, seine Hand warm. Ich lehnte mich irgendwann ein St\u00fcck zur\u00fcck und sah in den Himmel, obwohl man kaum Sterne sah. Nur Wolken, Stadtlicht und dieses dunkle Blau, das nachts alles ein bisschen unwirklich macht.<\/p>\n<p data-start=\"12381\" data-end=\"12739\">Ich dachte daran, wie lang der Weg hierher gewesen war. Von zw\u00f6lf bis zweiundzwanzig. Zehn Jahre, in denen ich immer wieder kleine Entscheidungen getroffen hatte, die nach au\u00dfen vielleicht banal wirkten. Einen Hoodie tragen. Haare wachsen lassen. Einen Nagel lackieren. Ein Foto nicht l\u00f6schen. Mit Eyeliner rausgehen. Auf ein Konzert gehen. Eine Hand halten.<\/p>\n<p data-start=\"12741\" data-end=\"12791\">Von au\u00dfen sind das keine gro\u00dfen Heldengeschichten.<\/p>\n<p data-start=\"12793\" data-end=\"12826\">Aber innen waren es Revolutionen.<\/p>\n<p data-start=\"12828\" data-end=\"12842\">Jede einzelne.<\/p>\n<p data-start=\"12844\" data-end=\"13077\">Und vielleicht besteht Erwachsenwerden nicht aus einem gro\u00dfen Moment, in dem man pl\u00f6tzlich wei\u00df, wer man ist. Vielleicht besteht es aus vielen kleinen Momenten, in denen man aufh\u00f6rt, sich f\u00fcr einzelne Teile von sich zu entschuldigen.<\/p>\n<p data-start=\"13079\" data-end=\"13371\">Als ich sp\u00e4ter nach Hause kam, zog ich die Ketten ab, legte die Ringe in die kleine Schale und betrachtete meine H\u00e4nde. Der schwarze Lack gl\u00e4nzte noch. An einem Finger war eine winzige Macke, wahrscheinlich vom \u00d6ffnen des Bubble-Tea-Bechers. Ich mochte diese Macke. Sie machte den Abend real.<\/p>\n<p data-start=\"13373\" data-end=\"13428\">Ich stellte mich vor den Spiegel und sah mich lange an.<\/p>\n<p data-start=\"13430\" data-end=\"13444\">Nicht pr\u00fcfend.<\/p>\n<p data-start=\"13446\" data-end=\"13460\">Nicht suchend.<\/p>\n<p data-start=\"13462\" data-end=\"13475\">Eher dankbar.<\/p>\n<p data-start=\"13477\" data-end=\"13822\">Da war kein fertiger Mensch. Kein perfekter E-Boy, kein perfekter Mann, kein perfekt geformtes Ich. Da war jemand, der noch immer lernt. Jemand, der manchmal Angst hat und trotzdem rausgeht. Jemand, der fr\u00fcher dachte, anders zu sein sei gef\u00e4hrlich, und heute langsam merkt, dass es noch gef\u00e4hrlicher gewesen w\u00e4re, sich selbst nie kennenzulernen.<\/p>\n<p data-start=\"13824\" data-end=\"13875\">Niko schrieb sp\u00e4ter noch, dass der Abend sch\u00f6n war.<\/p>\n<p data-start=\"13877\" data-end=\"13916\">Ich antwortete, dass ich das auch fand.<\/p>\n<p data-start=\"13918\" data-end=\"13947\">Dann legte ich das Handy weg.<\/p>\n<p data-start=\"13949\" data-end=\"13973\">Diesmal blieb es liegen.<\/p>\n<p data-start=\"13975\" data-end=\"14213\">Nicht, weil mir seine Nachricht egal war. Sondern weil ich den Abend nicht festhalten musste, als w\u00fcrde er sonst verschwinden. Er war passiert. Er war in mir. In meinen H\u00e4nden, in meinem Blick, in dieser kleinen Ruhe, die ich selten habe.<\/p>\n<p data-start=\"14215\" data-end=\"14458\">Vielleicht werde ich morgen wieder unsicher sein. Vielleicht werde ich wieder zu lange vor dem Spiegel stehen und mich fragen, ob der Eyeliner zu viel ist. Vielleicht wird es Tage geben, an denen ich den Hoodie wieder wie eine R\u00fcstung brauche.<\/p>\n<p data-start=\"14460\" data-end=\"14477\">Aber heute nicht.<\/p>\n<p data-start=\"14479\" data-end=\"14525\">Heute f\u00fchlt er sich nicht wie eine R\u00fcstung an.<\/p>\n<p data-start=\"14527\" data-end=\"14562\" data-is-last-node=\"\" data-is-only-node=\"\">Heute f\u00fchlt er sich an wie Zuhause.<\/p>\n<p data-start=\"12528\" data-end=\"12563\" data-is-last-node=\"\" data-is-only-node=\"\"><strong><a href=\"https:\/\/www.kupid.ai\/create-ai-girlfriend?src_ref=ba2935559\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erstelle deinen KI-Freund oder deine KI-Freundin mit dieser APP *<\/a><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich glaube, manche Abende wirken erst sp\u00e4ter richtig nach. 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