E-Boy Story Part 6 I didn't want to run away anymore

Ich glaube, Nähe verändert nicht nur, wie man über einen anderen Menschen denkt.
Sie verändert auch, wie man sich selbst sieht, wenn dieser Mensch gerade nicht da ist.
Das hatte ich vorher nicht verstanden. Ich dachte immer, Dating passiert hauptsächlich in den Momenten, in denen man sich trifft. Beim Spaziergang. Auf einer Bank. In einer Wohnung mit schlechter Pizza und einem Film, den niemand wirklich schaut. Bei einer Umarmung an einer Bahnstation, bei einem Kuss, bei einer Hand, die sich langsam in die eigene schiebt.
Aber ein großer Teil passiert danach.
Allein.
Wenn man wieder im eigenen Zimmer sitzt und merkt, dass man plötzlich anders mit sich spricht.
Früher war mein Spiegel oft so etwas wie ein Gegner. Ich stand davor und suchte Fehler. Haare falsch. Haut müde. Schultern zu angespannt. Outfit zu gewollt. Eyeliner ungleich. Nägel nicht sauber genug. Manchmal sah ich mich an und dachte nicht einmal bewusst etwas Gemeines. Es war mehr so ein inneres Grundrauschen aus Kritik. Eine Stimme, die sagte: Du bist noch nicht richtig. Noch nicht gut genug. Noch nicht die Version, die draußen bestehen darf.
Nach den letzten Treffen mit Niko wurde diese Stimme nicht still.
Aber sie wurde leiser.
Vielleicht, weil da jetzt eine andere Erinnerung danebenstand. Nicht als Ersatz für Selbstwert, so einfach ist es leider nicht. Kein Mensch küsst einem die Unsicherheit einfach weg. Aber wenn jemand dich anschaut, während du nicht perfekt bist, und nicht weggeht, dann bleibt davon etwas zurück. Ein kleines Gegengewicht. Ein Beweis gegen die härtesten Gedanken.
An diesem Sonntagmorgen stand ich im Bad, die Haare völlig zerzaust, ein altes schwarzes Shirt an, keine Ketten, keine Ringe, kein Eyeliner. Nur meine Nägel waren noch schwarz, an zwei Stellen leicht abgesplittert. Ich sah verschlafen aus. Weicher als sonst. Nicht besonders cool, nicht besonders geheimnisvoll.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit dachte ich nicht sofort, dass ich mich schnell verbessern muss.
Ich blieb einfach stehen.
Ich sah mich an.
Und ich fand den Anblick okay.
Nicht spektakulär. Nicht schön im dramatischen Sinne. Aber okay. Menschlich. Echt. Vielleicht sogar ein bisschen liebenswert, auch wenn ich dieses Wort für mich selbst immer noch schwer benutzen kann.
Niko hatte am Abend zuvor geschrieben, dass er am Montag wieder eine stressige Woche hat. Viel Arbeit, wenig Schlaf, mehrere Termine, irgendein Projekt, das offenbar seit Wochen brannte und trotzdem niemand löschen wollte. Wir hatten deshalb nicht direkt ein neues Treffen ausgemacht. Nur lose gesagt, dass wir uns bald sehen.
Bald.
Dieses Wort ist gefährlich.
Bald kann morgen bedeuten. Oder in drei Tagen. Oder irgendwann, wenn beide Zeit haben und keiner es ausspricht. Bald ist weich genug, um Hoffnung zu geben, aber ungenau genug, um alle Unsicherheit hineinzuschütten.
Ich merkte, wie ich wieder anfing, zu warten.
Nicht ständig. Nicht wie früher, als ich jede Nachricht zum Orakel gemacht habe. Aber doch. Ich schaute öfter aufs Handy, als ich wollte. Ich achtete darauf, wann er online war. Ich hasste, dass ich das tat, und tat es trotzdem. Ich wollte entspannt sein. Erwachsen. Locker. Jemand, der Nähe genießen kann, ohne direkt innerlich ein kleines Kontrollzentrum aufzubauen.
Aber ich war eben ich.
Und ich hatte lange gelernt, dass schöne Dinge jederzeit verschwinden können.
Montag verging ohne viel Kontakt. Nur ein kurzes Meme von ihm am Mittag, eine Sprachnachricht von mir am Abend, in der ich über einen Typen im Supermarkt erzählte, der zehn Minuten lang vor den Energy-Drinks stand, als müsste er eine Lebensentscheidung treffen. Niko reagierte mit einem lachenden Emoji und einem kurzen Satz. Normal. Nett. Kein Problem.
Mein Kopf machte natürlich trotzdem eins daraus.
Vielleicht war er weniger interessiert. Vielleicht hatte ich zu viel erzählt. Vielleicht war der Abend am Fluss für ihn nicht so wichtig gewesen wie für mich. Vielleicht war ich plötzlich anstrengend, weil ich nicht nur ästhetisch, sondern auch echt geworden war.
Ich wusste, dass diese Gedanken unfair waren.
Nicht nur ihm gegenüber.
Auch mir gegenüber.
Also tat ich etwas, das ich sonst vermieden hätte: Ich ging laufen, ohne Musik.
Normalerweise brauche ich Musik wie eine zweite Haut. Beats, Gitarren, Stimmen, irgendetwas, das meine Gedanken sortiert oder übertönt. Aber an diesem Abend ließ ich die Kopfhörer zu Hause. Ich wollte hören, was in mir los ist, auch wenn es unangenehm wird.
Die ersten Minuten waren schrecklich.
Nur mein Atem, meine Schritte, der Wind, ein paar Autos. Und darunter mein Kopf, der sofort sehr produktiv wurde mit Sorgen, Analysen und absurden Szenarien. Aber nach zwei Kilometern wurde es ruhiger. Mein Körper übernahm. Der Rhythmus wurde gleichmäßiger. Die Gedanken waren noch da, aber sie klebten nicht mehr so fest.
Ich lief am Fluss entlang, genau an der Stelle vorbei, an der Niko und ich ein paar Tage zuvor auf der Mauer gesessen hatten. Die Stadtlichter spiegelten sich wieder im Wasser, diesmal heller, weil der Himmel klarer war. Ich wurde langsamer, blieb kurz stehen und stützte die Hände in die Seiten.
Da war niemand außer mir.
Keine Hand in meiner. Kein Hoodie neben mir. Keine warme Schulter.
Und trotzdem fühlte ich mich nicht verlassen.
Das war neu.
Vielleicht hatte ich Nähe bisher oft mit Rettung verwechselt. Als müsste jemand anderes kommen und mir beweisen, dass ich richtig bin. Als wäre ein Kuss ein offizielles Dokument, das bestätigt: Du darfst so sein. Du bist liebenswert. Du bist nicht zu viel.
Aber so funktioniert es nicht.
Oder zumindest sollte es nicht so funktionieren.
Niko konnte mir schöne Momente schenken. Er konnte mich sehen, halten, küssen, neben mir sitzen. Aber er konnte nicht die Aufgabe übernehmen, mich dauerhaft vor meiner eigenen Unsicherheit zu retten. Das war nicht fair. Nicht für ihn. Und auch nicht für mich.
Ich musste lernen, bei mir zu bleiben.
Auch wenn er gerade nicht schreibt.
Auch wenn kein Date geplant ist.
Auch wenn ich nur allein am Fluss stehe, in Sportsachen, verschwitzt, ohne Eyeliner, ohne Ketten, ohne die Version von mir, die ich am liebsten fotografiere.
Ich ging langsam zurück. Aus dem Lauf wurde eher ein Spaziergang. Meine Haut war warm, die Luft kühl, und mein Kopf fühlte sich leerer an. Nicht gelöst. Aber sortierter.
Zu Hause duschte ich lange. Danach lackierte ich meine Nägel neu. Nicht, weil ich mich reparieren musste. Eher, weil ich dieses Ritual mochte. Schwarz, glänzend, sauber. Ein kleines Zeichen von mir an mich. Ich setzte mich danach in mein Zimmer, machte die violetten LEDs an und öffnete nicht sofort den Chat.
Stattdessen machte ich Musik an.
Dann räumte ich meinen Schreibtisch auf. Zumindest halb. Mehr Realismus muss sein.
Ich fand dabei ein altes Foto von mir, ausgedruckt, warum auch immer. Ich musste ungefähr sechzehn gewesen sein. Schwarzer Hoodie, Haare zu lang für die Familie und zu kurz für meinen damaligen Geschmack, Gesicht halb abgewandt. Keine Ringe, kein Eyeliner, kein echter Stil, nur der Anfang davon. Ich sah aus wie jemand, der unbedingt verschwinden und gleichzeitig gefunden werden will.
Ich hielt das Foto lange in der Hand.
Dieser Junge hatte keine Ahnung, wie es sich einmal anfühlen würde, mit zweiundzwanzig die Hand eines anderen Jungen zu halten. Er wusste nicht, dass er irgendwann nachts durch eine Stadt laufen würde, ohne sich für seine schwarzen Nägel zu entschuldigen. Er wusste nicht, dass jemand ihn küssen würde, nicht trotz seiner Weichheit, sondern vielleicht gerade weil sie da war.
Ich hätte ihm gern gesagt, dass er durchhalten soll.
Dass es nicht plötzlich leicht wird, aber echter.
Dass die Kommentare nicht ganz verschwinden, aber ihre Macht verlieren.
Dass er nicht härter werden muss, um sicherer zu sein.
Am Dienstag schrieb Niko weniger.
Und diesmal versuchte ich, es auszuhalten.
Ich antwortete nicht sofort auf alles. Nicht als Spiel. Nicht, um künstlich interessant zu wirken. Sondern weil ich merkte, dass ich sonst wieder in dieses alte Muster rutsche: schauen, warten, interpretieren, mich anpassen. Ich wollte mich nicht in eine Version verwandeln, die nur noch darauf reagiert, wie viel Aufmerksamkeit gerade kommt.
Das war schwerer, als es klingt.
Ich zockte am Abend mit Leuten aus Discord. Normalerweise war das einfach Ablenkung, aber diesmal tat es wirklich gut. Wir spielten schlecht, lachten viel, einer schrie so dramatisch ins Mikro, dass ich kurz Tränen in den Augen hatte. Ich merkte, dass mein Leben nicht verschwand, nur weil Niko gerade beschäftigt war.
Das klingt so selbstverständlich.
Für mich war es das nicht immer.
Später kam doch eine Nachricht von ihm. Er schrieb, dass sein Tag komplett chaotisch war und er am liebsten drei Tage schlafen würde. Kein süßer Satz, kein Flirt, nichts, was man in einen romantischen Screenshot verwandeln könnte. Nur Alltag.
Und ich mochte es.
Weil es echt war.
Ich schrieb ihm, dass er schlafen soll und dass ich ihm keinen schlechten Film empfehle, weil er schon genug leidet. Er schickte ein müdes lachendes Emoji und schrieb, dass er mich gern am Freitag sehen würde, wenn ich Zeit habe.
Freitag.
Ein konkretes Wort.
Plötzlich wurde mein Zimmer heller.
Ich merkte sofort, wie Freude durch mich ging. Und diesmal ließ ich sie zu, ohne sie direkt zu verhören. Ich schrieb ja. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einfach ja.
Am Freitag trafen wir uns wieder.
Nicht bei ihm. Nicht bei mir. Sondern in einem kleinen Laden, der tagsüber Café und abends manchmal Bar war, mit warmem Licht, Pflanzen, alten Sesseln und Musik, die so tat, als wäre sie zufällig perfekt ausgewählt. Ich kam etwas früher, weil ich natürlich immer noch ich bin. Diesmal trug ich eine schwarze Hose, Boots, ein weiches dunkles Shirt und darüber eine offene Jacke. Mehr Schmuck als beim letzten Mal, aber nicht übertrieben. Eyeliner dezent. Haare messy, aber kontrolliert messy. Die Kunstform meines Lebens.
Als Niko hereinkam, spürte ich dieses warme Ziehen sofort wieder.
Aber es war anders als früher.
Nicht mehr dieses panische: Bitte finde mich gut.
Eher: Da bist du.
Das war schöner.
Wir setzten uns in eine Ecke, bestellten Getränke und redeten zuerst über banale Dinge. Seine Woche. Meine Runde im Game. Ein Song, der uns beiden nicht aus dem Kopf ging. Ich beobachtete ihn dabei weniger ängstlich als sonst. Ich suchte nicht ständig nach Beweisen, dass er noch Interesse hat. Ich war einfach dort.
Nicht perfekt ruhig.
Aber ruhiger.
Irgendwann erzählte ich ihm von meinem Lauf ohne Musik. Von dem Moment am Fluss. Davon, dass ich gemerkt hatte, wie schnell ich mich manchmal in Unsicherheit verliere, wenn etwas schön wird. Es fiel mir nicht leicht, das zu sagen. Aber ich wollte es nicht verstecken.
Niko hörte zu, wie er immer zuhörte, wenn es wichtig wurde. Still, aufmerksam, ohne mich zu unterbrechen.
Er sagte nicht viel. Nur, dass er froh ist, wenn ich ihm solche Dinge sage. Dass er manchmal selbst Angst hat, nicht genug zu geben, weil er in stressigen Wochen schnell in sich verschwindet. Dass es nichts mit mir zu tun hat, wenn er weniger schreibt. Dass er aber versteht, wenn sich Schweigen trotzdem groß anfühlt.
Ich glaube, das war der Moment, in dem ich ihn nicht mehr nur als jemanden sah, der mich beruhigt.
Sondern als jemanden, der selbst unsicher sein kann.
Das machte ihn nicht kleiner.
Es machte ihn echter.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Schwärmerei und Nähe. Schwärmerei macht den anderen oft zu einer Figur. Schön, interessant, begehrenswert, fast perfekt. Nähe zeigt irgendwann den Menschen darunter. Müde, beschäftigt, manchmal überfordert, manchmal ungeschickt, aber anwesend.
Und ich mochte diesen Menschen.
Sehr.
Später gingen wir noch ein Stück durch die Stadt. Es hatte leicht geregnet, und die Straßen glänzten. Ich liebte dieses Licht: Neon in Pfützen, Autoscheinwerfer, dunkle Fenster, warme Cafés, Menschen unter Kapuzen. Alles sah aus wie ein Musikvideo, aber ich fühlte mich nicht mehr wie jemand, der darin performen muss.
Niko nahm meine Hand.
Nicht dramatisch.
Nicht neu.
Aber jedes Mal noch schön.
Wir liefen lange, ohne Ziel. Manchmal redeten wir, manchmal nicht. Ich spürte die Wärme seiner Hand und gleichzeitig meine eigene Mitte. Das war das Neue. Ich war nicht nur bei ihm. Ich war auch bei mir.
An einer roten Ampel sah ich unser Spiegelbild in einem Schaufenster. Zwei Jungs in dunklen Klamotten, einer mit schwarzen Nägeln, beide etwas müde, beide irgendwie weich im kalten Stadtlicht. Früher hätte ich sofort geprüft, ob ich gut aussehe. Ob mein Profil stimmt. Ob meine Haare liegen. Ob wir zusammen ein Bild ergeben, das andere verstehen können.
Diesmal dachte ich nur: Das sind wir.
Nicht perfekt.
Aber echt.
Als wir uns später verabschiedeten, küsste er mich länger als sonst. Nicht wild, nicht übertrieben, aber mit einer Ruhe, die mir durch den ganzen Körper ging. Ich legte eine Hand an seine Jacke, hielt mich kurz daran fest und merkte, dass ich nicht aus Angst hielt, sondern aus Wunsch.
Das ist ein Unterschied.
Ein wichtiger.
Auf dem Heimweg hörte ich wieder Musik. Nicht, um die Welt auszublenden. Eher, um den Abend sanft mitzunehmen. Im Fenster der Bahn sah ich mein Spiegelbild und musste leicht lächeln. Schwarze Haare, dunkle Augen, Ketten, Nagellack, müde Lippen, die noch einen Kuss erinnerten.
Zu Hause stellte ich mich nicht sofort vor den Spiegel.
Ich legte erst meine Sachen ab, trank Wasser, setzte mich aufs Bett und atmete einfach.
Dann schrieb ich Niko:
„Heute war schön. Ruhiger. Auf gute Art.“
Er antwortete später:
„Fand ich auch. Ich mag es, wenn du bei dir bist.“
Dieser Satz blieb lange in mir.
Nicht: Ich mag deinen Look.
Nicht: Ich mag deine Bilder.
Nicht: Ich mag, wie du wirkst.
Sondern: wenn du bei dir bist.
Vielleicht ist das der schönste Satz, den mir bisher jemand geschrieben hat.
Ich glaube, Teil 6 ist der Teil, in dem ich anfange zu verstehen, dass Nähe nicht bedeuten darf, mich selbst zu verlieren. Dass ich nicht weniger fühlen muss, um sicher zu sein. Dass ich nicht cooler wirken muss, wenn ich Angst habe. Dass ich nicht jede Pause als Ablehnung lesen muss.
Und dass mein Stil zwar ein Teil von mir ist, aber nicht die ganze Aufgabe tragen muss.
Ich darf schwarz tragen, weil ich es liebe.
Ich darf Ketten tragen, weil sie schön sind.
Ich darf Eyeliner tragen, weil meine Augen dann aussehen, wie ich mich manchmal fühle.
Aber ich muss mich nicht immer perfekt zusammensetzen, damit jemand mich mögen darf.
Manchmal reicht es, wenn ich da bin.
Mit Hoodie.
Mit Macken im Nagellack.
Mit zu vielen Gedanken.
Mit dem Mut, nicht wegzulaufen.
Und heute, glaube ich, bin ich ein kleines Stück geblieben.
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