Schwule Männer und ein Date bei Nacht
Als Fabian an diesem Abend auf die Uhr sah, wusste er bereits, dass es keine gute Idee war, noch hinzugehen.
Es war 21:17 Uhr, draußen hing feiner Nieselregen in der Luft, und auf seinem Bett lagen drei Hemden, die er nacheinander angezogen und wieder ausgezogen hatte. Das schwarze war zu geschniegelt. Das weiße wirkte zu bemüht. Das dunkelblaue war eigentlich perfekt, genau deshalb aber verdächtig.
Fabian stand in Socken auf dem Holzboden, sah auf das Chaos und fragte sich, warum ein simples Date sich immer anfühlte, als müsse er sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereiten, bei dem zusätzlich die Gefahr bestand, jemanden zu küssen.
Oder geküsst zu werden.
Oder gar nicht geküsst zu werden, was oft schlimmer war.
Er griff schließlich doch nach dem dunkelblauen Hemd. Nicht zu elegant, nicht zu lässig. Die Ärmel krempelte er zweimal hoch, als wäre das eine beiläufige Entscheidung und keine strategische Frage des Gesamteindrucks. Dann fuhr er sich durch die Haare, musterte sich im Spiegel und beschloss, dass es für einen Mittwochabend ausreichen musste.
Das Problem war nicht, dass Fabian keine Dates mochte.
Er mochte nur die ersten zwanzig Minuten nicht. Dieses gegenseitige Einschätzen, das vorsichtige Abtasten, die Unsicherheit, ob der andere einen wirklich interessant fand oder nur höflich blieb. Dazu kam, dass Fabian eine besondere Begabung dafür hatte, nach außen ruhig zu wirken, während in seinem Kopf bereits vier mögliche peinliche Situationen gleichzeitig durchgespielt wurden.
Sein bester Freund Niko nannte das „emotionalen Katastrophenschutz“.
Fabian nannte es lieber Vorbereitung.
Heute war es ein Date mit einem Mann namens Leo. Sie kannten sich nicht wirklich. Vor einer Woche hatten sie sich nachts zufällig in den Kommentaren unter einem Musikvideo auf einer Plattform gegenseitig dumme Witze geschrieben. Daraus waren erst Nachrichten geworden, dann Sprachnachrichten, dann diese seltsam angenehme Form von Schreiben, bei der man plötzlich merkte, dass man auf eine bestimmte Nachricht wartete.
Leo hatte eine tiefe, ruhige Stimme, die selbst in Sprachnachrichten klang, als wäre er zu nah am Ohr. Er arbeitete angeblich in einer kleinen Buchhandlung, las nachts, wenn er nicht schlafen konnte, und hatte einmal geschrieben:
Ich mag Männer, die klug wirken und dann beim zweiten Blick doch Chaos sind.
Fabian hatte die Nachricht fünfmal gelesen, obwohl er sofort geantwortet hatte:
Dann bist du bei mir statistisch ziemlich sicher.
Seitdem hatten sie fast jeden Abend geschrieben. Nicht pausenlos, nicht hektisch. Eher so, als würden sie beide dieselbe heimliche Vorfreude langsam auskosten. Heute nun das erste Treffen.
Nicht um acht, nicht geschniegelt mit Reservierung und übersichtlichem Weinwissen, sondern spät. Leo hatte geschrieben:
Lass uns was machen, das nach Nacht klingt.
21:45 Uhr beim alten Kino. Danach sehen wir weiter.
Fabian hatte zuerst gedacht, dass das bescheuert unkonkret war.
Dann hatte er zugesagt.
Jetzt zog er den Mantel an, steckte das Handy ein und verließ die Wohnung.
Die Stadt war glänzend dunkel, wie sie nach Regen oft wirkte. Straßenbahnen zogen Lichtstreifen durch nasse Kreuzungen, Schaufenster spiegelten sich auf dem Asphalt, und aus offenen Bars fiel dieses warme, goldene Licht, das alles für ein paar Sekunden schöner aussehen ließ. Fabian mochte die Stadt nachts mehr als am Tag. Tagsüber schien jeder irgendwohin zu wollen. Nachts wirkte alles, als würde es für einen Moment durchatmen.
Das alte Kino lag am Rand des Viertels, halb zwischen Vergangenheit und Ausgehen, mit roten Leuchtbuchstaben über dem Eingang und einem Plakatkasten, in dem Filme beworben wurden, die kaum jemand kannte, aber dafür umso interessanter taten. Vor dem Eingang standen zwei Leute rauchend unter dem schmalen Vordach, ein Pärchen lachte über irgendetwas, und rechts daneben summte das Neonlicht eines Spätkaufs.
Fabian blieb kurz stehen, zog das Handy heraus und sah auf die Uhr.
21:43 Uhr.
Er schrieb keine Nachricht. Er wollte nicht als zu früh wirken. Auch nicht als zu nervös. Er steckte das Handy weg, schob die Hände in die Manteltaschen und sah scheinbar beiläufig auf die Straße, als wäre er genau der Typ Mann, der nachts entspannt an einem Kino wartete und nicht innerlich versuchte, seine Atmung gesellschaftsfähig zu halten.
„Du siehst aus, als würdest du entweder auf ein Date warten oder eine Bank ausrauben.“
Fabian drehte sich um.
Leo stand einen Schritt hinter ihm, mit schwarzer Jacke, dunklem Schal und leicht feuchten Haaren vom Regen. Er war größer, als Fabian erwartet hatte. Nicht viel, aber genug, dass Fabian es sofort registrierte. Sein Gesicht war noch attraktiver als auf dem einen verschwommenen Profilbild, das er irgendwann zwischen den Nachrichten entdeckt hatte. Markante Wangenknochen, dunkle Augen, ein Mund, der gefährlich gut darin zu sein schien, gleichzeitig ruhig und ironisch auszusehen.
Fabian fing sich als erstes an seinem eigenen Tonfall. „Kommt auf die Bank an.“
Leo grinste. „Gut. Dann bist du es wirklich.“
„Enttäuscht?“
„Im Gegenteil.“
Sie gaben sich nicht direkt die Hand. Es war eher dieses kurze, zögernde Näherkommen, das beide gleichzeitig bemerkten und dann in ein schiefes Lächeln retteten.
„Hi“, sagte Leo.
„Hi.“
Das war für ungefähr zwei Sekunden unerquicklich, dann sah Leo an Fabian hinunter, musterte das dunkelblaue Hemd unter dem Mantel und nickte leicht.
„Du hast das gute Hemd angezogen“, sagte er.
Fabian blinzelte. „Woher willst du wissen, dass das das gute ist?“
„Ich habe ein Gefühl für strategische Entscheidungen.“
„Das ist erschreckend.“
„Ich arbeite zwischen Büchern. Wir merken solche Dinge.“
Fabian lachte, und die Anspannung lockerte sich sofort ein wenig. Leo war genau wie in den Sprachnachrichten. Nicht laut, nicht geschniegelt charmant. Mehr auf diese trockene, gefährlich treffsichere Weise, bei der Fabian ständig das Gefühl hatte, der Mann vor ihm würde mehr bemerken, als eigentlich fair war.
„Also“, sagte Fabian. „Warum das Kino?“
Leo blickte kurz zum Leuchtschild hoch. „Weil erste Dates in normalen Bars so oft aussehen, als würden zwei Leute versuchen, möglichst unauffällig geprüft zu werden.“
„Und hier nicht?“
„Hier ist es wenigstens stilvoller beleuchtet.“
Fabian schnaubte. „Das ist dein großer Plan für die Nacht? Gute Beleuchtung?“
„Nicht nur. Ich dachte, wir sehen uns den Film gar nicht an.“
Fabian hob die Brauen. „Aha.“
Leo deutete mit dem Kopf auf die Seitenstraße neben dem Kino. „Da hinten gibt es ein kleines Nachtcafé. Offen bis zwei. Schlechtes Schild, guter Kaffee, seltsame Leute. Ich dachte, das passt besser.“
Fabian sah ihn kurz an. Dann nickte er. „Du hast das tatsächlich geplant.“
„Nur ungefähr. Ich wollte mir die Chance offenhalten, spontan geheimnisvoll zu wirken.“
„Und klappt es?“
Leo trat mit einem halben Lächeln einen Schritt näher. „Du bist noch da.“
Sie gingen los.
Das Café lag tatsächlich nur zwei Straßen weiter, fast unsichtbar zwischen einem geschlossenen Blumenladen und einer Bar, aus der dumpfer Bass drang. Innen war es schmal, mit alten Holztischen, tiefen roten Wänden und kleinen Lampen, die mehr Schatten als Licht machten. Es roch nach Kaffee, warmer Milch, Zimt und Regenjacken. Hinten am Fenster saß ein älterer Mann mit Zeitung, am Tresen diskutierten zwei Frauen leise, und aus den Lautsprechern kam irgendetwas Langsames mit Klavier.
„Okay“, sagte Fabian, als sie sich an einen kleinen Tisch in der Ecke setzten. „Das ist wirklich gut.“
Leo zog seine Jacke aus. „Ich weiß.“
Fabian hasste, wie gut Leo in dunklem Licht aussah.
Sie bestellten Cappuccino, obwohl es eigentlich zu spät dafür war. Fabian nahm außerdem irgendeinen Kuchen, weil Essen in Dates oft half, wenn einem plötzlich nichts mehr einfiel, auch wenn er bei Leo bereits nach drei Minuten ahnte, dass genau das heute nicht das Problem werden würde.
Es war sofort leicht zwischen ihnen. Nicht oberflächlich leicht, eher fließend. Als wäre das Gespräch dort schon gewesen und müsste nur fortgesetzt werden. Sie redeten über Musik, über absurde Kunden in Leos Buchhandlung, über Fabians Arbeit in einer kleinen Agentur, über den Unterschied zwischen Nachtmenschen und Leuten, die morgens wirklich freiwillig joggen. Leo behauptete, solche Menschen seien ihm grundsätzlich suspekt. Fabian stimmte zu.
„Du bist im echten Leben ruhiger als in deinen Nachrichten“, sagte Leo irgendwann.
Fabian rührte in seinem Kaffee, obwohl nichts mehr zu rühren war. „Ist das gut oder schlecht?“
„Beides reizvoll.“
„Das ist keine klare Antwort.“
„Ich weiß.“
Fabian sah hoch. „Und du bist im echten Leben noch schlimmer.“
Leo grinste. „Womit?“
„Mit dieser Art, Sachen zu sagen, bei denen man nicht genau weiß, ob man lachen oder dich länger anschauen sollte.“
Leo lehnte sich zurück. „Und wofür entscheidest du dich?“
Fabian hielt seinem Blick ein paar Sekunden stand. „Offenbar für beides.“
Leo lächelte nicht breit. Nur langsam. Genau das machte es schlimmer.
Später wurden aus Kaffee noch zwei Gläser Rotwein, obwohl Fabian sich vorgenommen hatte, nicht so zu wirken, als wolle er den Abend künstlich verlängern. Offenbar tat er genau das. Noch erstaunlicher war, dass Leo nicht einmal so aussah, als würde er es nicht merken. Im Gegenteil. Er wirkte, als sei es ihm ganz recht.
Gegen halb elf wurde das Café voller. Jemand lachte zu laut, Teller klirrten, die Tür ging ständig auf und wieder zu. Leo sah sich kurz um und beugte sich dann ein wenig vor.
„Wollen wir weiter?“
„Wohin?“
„Spazieren. Die Nacht ist zu gut, um nur drinnen zu sitzen.“
Fabian zog eine Braue hoch. „Und wenn das ein Trick ist?“
„Dann ein ziemlich altmodischer.“
Fabian nahm sein Glas, trank den letzten Rest und stellte es ab. „Na gut.“
Draußen hatte der Regen aufgehört. Die Straßen glänzten noch, und die Luft war kühl genug, dass Fabian sofort den Mantelkragen höher zog. Leo steckte die Hände in die Taschen und schlug den Weg Richtung Fluss ein, als wäre es selbstverständlich, dass Fabian neben ihm lief.
Es war einer von diesen seltenen Nächten, in denen die Stadt nicht leer, aber auch nicht hektisch war. Menschen saßen noch draußen unter Heizstrahlern, irgendwo klingelte ein Fahrrad, aus offenen Fenstern drang Musik. Weiter unten am Wasser spiegelten sich Brückenlichter in langen, zitternden Linien auf der dunklen Oberfläche.
„Du hast gar nicht gefragt, warum ich eigentlich zugesagt habe“, sagte Leo nach einer Weile.
Fabian blickte zu ihm. „Soll ich?“
„Nur wenn du neugierig bist.“
„Ich bin neugierig. Ich wollte nur nicht verzweifelt wirken.“
Leo lachte leise. „Zu spät. Das mit dem guten Hemd hat dich verraten.“
Fabian stieß ihn leicht mit dem Ellbogen an. „Also? Warum ich?“
Leo schwieg einen Moment, als würde er die Antwort nicht leichtfertig geben wollen.
„Weil du in deinen Nachrichten nie so tust, als wärst du glatter, als du bist“, sagte er schließlich. „Du bist witzig, aber nicht geschniegelt witzig. Eher so, als würdest du Dinge genau beobachten und dann im richtigen Moment was sagen, das trifft.“
Fabian sah ihn von der Seite an. „Das klingt gefährlich konkret.“
„Ist es auch.“
„Und sonst?“
Leo lächelte schief. „Und ich mochte deine Stimme.“
Fabian spürte diese absurde kleine Wärme im Bauch, die er jedes Mal hasste, wenn sie aufkam, weil sie ihm sofort jede innere Distanz ruinierte.
„Meine Stimme?“
„Ja.“
„Das ist fast unverschämt romantisch.“
„Warte, ich kann es noch weniger romantisch formulieren. Ich fand, du klingst, als würdest du nachts bessere Wahrheiten sagen als tagsüber.“
Fabian blieb kurz stehen.
Leo bemerkte es und drehte sich halb zu ihm. „Was?“
Fabian schüttelte langsam den Kopf. „Du kannst sowas nicht einfach sagen.“
„Doch, offenbar schon.“
„Nein. Das ist genau die Sorte Satz, wegen der Leute dumme Entscheidungen treffen.“
Leo trat einen halben Schritt näher. „Welche zum Beispiel?“
Fabian sah ihn an. Die Luft um sie herum fühlte sich plötzlich anders an. Dicht. Erwartungsvoll. Die Gespräche vom Café, das Wasser, die Stadtlichter, alles trat einen kleinen Schritt zurück.
„Zum Beispiel länger mit dir weitergehen, obwohl sie längst merken, dass das hier kein normales erstes Date mehr ist“, sagte Fabian leiser.
Leo antwortete nicht sofort. Er sah Fabian nur an, lange genug, dass die Stille plötzlich etwas bekam, das nicht mehr harmlos war.
„Und ist das schlimm?“, fragte Leo schließlich.
Fabian lachte kurz, trocken. „Noch nicht.“
„Gut.“
Sie gingen weiter, aber langsamer.
Am Fluss gab es eine breite Treppe aus Stein, auf der im Sommer oft Leute saßen. Jetzt war sie fast leer. Nur weiter unten stand ein Paar eng beieinander und sprach leise. Leo deutete auf eine der oberen Stufen, und sie setzten sich. Unter ihnen zog das Wasser dunkel vorbei. Über ihnen lief die Brücke wie ein leuchtendes Band durch die Nacht.
Fabian mochte diesen Moment beinahe zu sehr. Vielleicht, weil er so unerwartet stimmig war. Vielleicht, weil Leo neben ihm schwieg, ohne dass es Druck machte. Vielleicht, weil erste Dates selten diesen Punkt erreichten, an dem Schweigen nicht wie ein Problem wirkte, sondern wie ein weiterer Teil des Abends.
„Woran denkst du?“, fragte Leo irgendwann.
Fabian zog die Schultern leicht hoch. „Dass ich eigentlich nicht so schnell so entspannt mit Menschen bin.“
„Mit Männern oder generell?“
„Beides.“
„Und heute?“
Fabian sah auf das Wasser. „Heute fühlt es sich an, als müsste ich weniger aufpassen.“
Leo drehte leicht den Kopf zu ihm. „Das ist gut, oder?“
Fabian lächelte schwach. „Potentiell gefährlich. Aber gut.“
„Du nennst auffallend viele schöne Dinge gefährlich.“
„Berufskrankheit.“
„Welche?“
Fabian zog ein Bein an und legte den Arm darauf. „Ich denke gern schon an das Ende, bevor etwas richtig anfängt. Dann überrascht es mich nicht so.“
Leo schwieg. Nicht, weil er nichts wusste, sondern weil er die Worte sacken ließ.
„Und funktioniert das?“, fragte er dann.
„Manchmal.“
„Klingt nicht überzeugend.“
Fabian schnaubte leise. „Ist es auch nicht.“
Leo stützte die Unterarme auf die Knie. „Ich bin eher das Gegenteil. Ich merke schnell, wenn mir jemand gefällt. Und dann bin ich zu direkt.“
Fabian sah ihn an. „Ist das ein Geständnis?“
Leo erwiderte den Blick. „Vielleicht.“
„Du bist wirklich anstrengend.“
„Du bist noch da.“
„Das Argument zieht nicht ewig.“
„Für heute reicht’s.“
Fabian wollte darauf etwas Schlagfertiges sagen, aber genau in diesem Moment fuhr ein Boot weiter draußen langsam unter der Brücke hindurch und ließ das Wasser dunkler flackern. Das Licht bewegte sich über Leos Gesicht, über seine Wangen, seinen Mund, seine Augen. Fabian merkte erst zu spät, dass er ihn anstarrte.
Leo bemerkte es natürlich sofort.
„Du machst das schon wieder“, sagte er ruhig.
„Was?“
„Mich ansehen, als hättest du eine Frage, die du noch nicht stellst.“
Fabian atmete aus. „Vielleicht habe ich eher eine Antwort, die ich noch nicht sagen will.“
Leos Blick wurde wärmer. „Das gefällt mir besser.“
Fabian lachte leise, mehr über sich selbst als über Leo. „Du bist überhaupt nicht nervös, oder?“
„Doch“, sagte Leo. „Mehr als dir lieb wäre.“
„Merkt man nicht.“
„Das ist der Vorteil von dunklen Straßen und guter Beleuchtung.“
Fabian schüttelte grinsend den Kopf. Dann wurde er wieder still.
Es war unerquicklich, wie sehr er Leo bereits mochte. Nicht nur körperlich. Natürlich auch körperlich. Sehr sogar. Aber da war mehr. Diese Ruhe. Diese Direktheit. Die Art, wie er Fragen stellte, ohne daraus Verhöre zu machen. Die Art, wie er schwieg, ohne sich zu entziehen. Fabian spürte längst, dass dieser Abend in eine Richtung ging, die er gewöhnlich vermied, wenn sie ihm zu schnell zu wichtig wurde.
Genau deshalb sagte er irgendwann: „Ich glaube, ich mag dich.“
Leo drehte sich nicht überrascht zu ihm um. Eher aufmerksam.
„Ich glaube, ich dich auch“, sagte er.
Fabian verzog den Mund. „Das ist unfair ausgewogen.“
„Soll ich lügen und sagen, ich bin mir unsicher?“
„Bitte nicht.“
„Gut.“
Wieder dieses kurze Schweigen, aber diesmal war es nicht neutral. Es war geladen. Nicht laut, nicht dramatisch. Nur dicht genug, dass Fabian seinen Puls in den Fingerspitzen spürte.
Leo bewegte sich kaum, als er fragte: „Darf ich etwas sehr Ehrliches sagen?“
Fabian nickte.
„Seit ungefähr einer halben Stunde denke ich darüber nach, wie es wäre, dich zu küssen.“
Fabian sah auf seine eigenen Hände, dann wieder hoch. „Nur seit einer halben Stunde?“
Jetzt lachte Leo, richtig. „Na gut. Seit dem Café. Vielleicht seit dem Kino. Zufrieden?“
Fabian musste gegen sein eigenes Grinsen ankämpfen. „Ein bisschen.“
Leo lehnte sich minimal näher. „Und du? Denkst du auch über dumme Entscheidungen nach?“
Fabian sah ihn an und wusste, dass das der Moment war. Der Punkt, an dem man ausweichen konnte. Einen Witz machen. Das Thema auf später verschieben. Den Abend schön finden und doch kontrolliert halten.
Stattdessen sagte er leise: „Ich denke vor allem darüber nach, dass du mich wahrscheinlich küsst, wenn ich jetzt nicht aufhöre, dich so anzusehen.“
Leo schwieg einen Herzschlag lang. Dann hob er die Hand und strich Fabian mit den Fingerspitzen eine nasse Haarsträhne von der Stirn. Diese kleine Berührung fuhr Fabian so deutlich durch den Körper, dass er für eine Sekunde den Atem verlor.
„Dann hör nicht auf“, murmelte Leo.
Der Kuss war weder stürmisch noch zögernd. Er war genau richtig. Warm, ruhig, klar. Als hätten beide längst gewusst, wie sich dieser Moment anfühlen sollte. Leo küsste ihn erst sanft, fast prüfend, dann ein wenig tiefer, und Fabian küsste zurück, ohne den geringsten Rest Vorsicht. Seine Hand fand ganz von selbst Leos Jackenkragen, dann seinen Nacken, und Leo rückte näher, bis ihre Schultern sich berührten und die Nacht ringsum nur noch Kulisse war.
Als sie sich lösten, lächelte Fabian atemlos in die Dunkelheit zwischen ihnen.
„Okay“, sagte er.
Leo neigte den Kopf leicht. „Okay gut?“
Fabian lachte leise. „Gefährlich gut.“
„Da ist es wieder.“
„Beschwer dich nicht. Du wusstest, worauf du dich einlässt.“
Leo küsste ihn noch einmal, kürzer diesmal, aber mit einem kleinen Lächeln gegen seinen Mund. „Ich hoffe es.“
Sie blieben noch eine Weile auf den Stufen sitzen, näher als vorher, mit Schultern, die sich nun nicht mehr zufällig berührten. Das Gespräch wurde danach nicht verkrampfter, sondern im Gegenteil weicher. Ehrlicher. Als hätte der Kuss nichts zerstört, sondern nur die letzte dünne Schicht Höflichkeit abgetragen.
Fabian erzählte Leo von seiner letzten Beziehung, die zu vernünftig geendet hatte, um wirklich abgeschlossen zu wirken. Leo sprach über das Alleinsein, das er meistens mochte, bis es ihm an manchen Abenden doch auf die Nerven ging. Fabian gab zu, dass er erste Dates oft schon im Kopf sabotierte, bevor überhaupt etwas schiefgehen konnte. Leo meinte, das passe zu dem Mann, der das gute Hemd trug und trotzdem so tat, als wäre ihm alles egal.
„Du hast wirklich Freude daran, mich damit aufzuziehen, oder?“, fragte Fabian.
„Sehr.“
„Schön. Ich habe übrigens gemerkt, dass du viel zu oft Dinge sagst, die absichtlich unter die Haut gehen.“
Leo sah ihn an. „Nicht absichtlich.“
„Ach nein?“
„Na gut“, sagte Leo. „Nicht nur absichtlich.“
Fabian musste lachen.
Es war kurz nach Mitternacht, als sie aufstanden und weitergingen. Nicht zurück, nicht direkt nach Hause. Einfach weiter durch die nassen Straßen, vorbei an Bars, Schaufenstern, Taxilichtern und stillen Hauseingängen. Irgendwann kaufte Leo in einem Spätkauf noch zwei Flaschen Wasser, weil der Wein und die Nachtluft sie beide trocken gemacht hatten. Danach landeten sie in einer fast leeren Seitenstraße mit alten Häusern und hohen, dunklen Fenstern, wo der Regen aufhörte, die Stadt plötzlich leiser wurde und sich alles ein wenig unwirklich anfühlte.
„Wo musst du eigentlich hin?“, fragte Leo.
Fabian nannte seinen Stadtteil.
Leo verzog leicht das Gesicht. „Andere Richtung.“
„Ja.“
Das kleine Wort hing einen Moment zwischen ihnen.
„Unpraktisch“, sagte Leo.
„Allerdings.“
Sie blieben an einer Ecke stehen, über ihnen war ein Balkon voller dunkler Pflanzen, irgendwo summte ein offenes Neonzeichen. Fabian merkte, dass er diesen Abschied nicht mochte, noch bevor er wirklich da war. Diese seltsame Rückkehr in normale Bewegungen, wenn ein Abend gerade erst begonnen hatte, besonders zu werden.
„Ich hasse diesen Teil immer“, sagte er.
Leo zog eine Braue hoch. „Welchen?“
„Wenn man so tut, als wäre es ganz unkompliziert, jetzt auseinanderzugehen.“
Leo sah ihn lange an. Dann nickte er, als hätte Fabian etwas ausgesprochen, das er selbst längst dachte.
„Dann tu nicht so“, sagte er.
Fabian lachte leise. „Leicht gesagt.“
„Nein“, sagte Leo. „Eher leicht gemeint.“
Er trat näher, hob eine Hand an Fabians Wange und küsste ihn noch einmal. Diesmal langsamer. Inniger. Nicht wie ein erster Kuss, sondern wie ein Versprechen, dass es nicht der letzte bleiben würde.
Fabian lehnte die Stirn kurz gegen seine. „Das hilft nicht beim Auseinandergehen.“
„War auch nicht mein Ziel.“
„Du bist unerquicklich.“
„Und du bleibst.“
Fabian schüttelte lachend den Kopf. „Nur weil du recht hast, macht es das nicht besser.“
Leo lächelte. Dann zog er sein Handy aus der Tasche, sah kurz darauf und steckte es wieder weg. „Ich könnte jetzt etwas Vernünftiges sagen wie Schreib mir, wenn du zuhause bist.“
„Und stattdessen?“
„Stattdessen sage ich lieber, dass ich dich morgen wiedersehen will.“
Fabian spürte sofort dieses warme, unvernünftige Ziehen unter den Rippen.
„Morgen schon?“
Leo nickte. „Ja. Ich habe keine Lust, aus so einem Abend erst eine drei Tage lange Taktikübung zu machen.“
Fabian musterte ihn. „Und wenn ich beschäftigt bin?“
„Dann leide ich dramatisch und trinke allein Kaffee.“
„Das klingt auffallend manipulativ.“
„Danke.“
Fabian grinste. Dann sagte er, ehe sein vorsichtiger Teil dazwischenfunken konnte: „Ich will dich auch morgen sehen.“
Etwas in Leos Blick wurde stiller. Fast weicher. Es war nur ein kleiner Ausdruck, aber Fabian merkte ihn sofort und mochte ihn mehr, als vernünftig war.
„Gut“, sagte Leo leise.
Sie küssten sich noch einmal an dieser Straßenecke, und diesmal war es Fabian, der ihn zuerst näher zog. Danach gingen sie tatsächlich auseinander. Fabian drehte sich auf halbem Weg noch einmal um. Leo stand immer noch da, eine Hand in der Jackentasche, die andere locker an der Seite, und sah ihm nach, als wäre genau das gerade der einzig logische Platz für ihn.
Fabian hob kurz die Hand. Leo nickte nur, dieses kleine, sichere Nicken, das in Fabians Kopf noch lange blieb.
Zu Hause war es fast eins. Fabian zog Mantel und Schuhe aus, ließ das Handy auf den Küchentisch fallen, trank Wasser direkt aus der Flasche und setzte sich schließlich auf die Bettkante, als müsste sein Körper erst wieder aufholen, was sein Kopf schon wusste.
Es war kein normales Date gewesen.
Nicht nur, weil es spät war oder weil die Stadt so gut ausgesehen hatte oder weil Leo auf unerquicklich charmante Weise zu direkt gewesen war. Es war etwas anderes gewesen. Diese seltene Art von Abend, die nicht nach Performance roch. Nicht nach Zeigen und Prüfen. Sondern nach echtem Gegenüber. Nach Anziehung, ja, aber auch nach Ruhe. Nach dem Gefühl, weniger aufpassen zu müssen.
Sein Handy vibrierte.
Bist du angekommen oder soll ich dramatisch werden?
Fabian lachte leise.
Bin da. Und du?
Die Antwort kam sofort.
Auch.
Und ich finde, das war viel zu gut für nur einen Mittwoch.
Fabian legte den Kopf leicht schief, während er las. Dann tippte er zurück.
Finde ich auch.
Fast unvernünftig gut.
Leo schrieb.
Dann machen wir morgen weiter unvernünftig.
Fabian starrte einen Moment aufs Display. Dann grinste er in die leere Wohnung wie ein Vollidiot.
Deal.
Am nächsten Abend trafen sie sich wieder.
Nicht geschniegelt, nicht vorsichtig. Leo kam mit einem Buch vorbei, das Fabian angeblich unbedingt lesen musste. Fabian hatte Wein da, etwas zu spät gekocht, und die Musik war zu leise, bis Leo einfach aufstand und sie lauter machte. Sie aßen auf dem Sofa, redeten bis nach Mitternacht und küssten sich irgendwann zwischen leerem Glas und halbwarmen Nudeln so, als wären sie beide längst an einem Punkt angekommen, an dem Zurückhaltung nur noch umständlich gewesen wäre.
Aus dem Abend wurde noch ein Abend. Dann ein Wochenende. Dann die erste Nacht, die nicht mehr nur aus Zeit, sondern schon aus Vertrautheit bestand. Leo ließ Zahnpasta bei Fabian stehen. Fabian tat irgendwann so, als falle es ihm gar nicht auf, dass Leo die Tassen in seiner Küche bereits so benutzte, als gehörte ihm ein kleiner Teil davon.
Wochen später saßen sie wieder nachts am Fluss auf denselben Steinstufen. Diesmal ohne Unsicherheit. Ohne erstes Abtasten. Leo hatte den Arm hinter Fabian abgelegt, und Fabian lehnte halb an ihm, während das Wasser dunkel unter der Brücke vorbeizog.
„Weißt du noch“, sagte Leo, „wie geschniegelt du am Kino getan hast, als würdest du überhaupt nicht warten?“
Fabian schnaubte. „Ich war die Ruhe selbst.“
„Natürlich.“
„Und du warst überhaupt nicht selbstzufrieden, als du bemerkt hast, dass ich das gute Hemd anhabe.“
Leo grinste. „Stimmt. Ich war bezaubernd bescheiden.“
Fabian drehte den Kopf zu ihm. „Du bist immer noch unerquicklich.“
Leo küsste ihn kurz auf die Stirn. „Und du immer noch hier.“
Fabian sah auf die Lichter im Wasser. Dann lächelte er.
Manche Geschichten fingen tagsüber an, mit Kaffee und klaren Worten. Diese hier hatte die Nacht gebraucht. Das späte Kino, den Regen, die nassen Straßen, die falschen Ausreden, die richtigen Blicke. All das, was die Dunkelheit oft leichter machte, nicht weil sie Dinge versteckte, sondern weil sie manchen Wahrheiten erlaubte, weicher ans Licht zu kommen.
Er hob den Kopf und sah Leo an. „Eigentlich war das eine ziemlich dumme Idee.“
Leo zog leicht die Brauen hoch. „Welcher Teil?“
„Ein Date bei Nacht. Unter der Woche. Mit einem Mann, der viel zu schnell unter die Haut geht.“
Leo lächelte langsam. „Und? Bereust du’s?“
Fabian rückte näher an ihn heran, legte eine Hand in seinen Nacken und küsste ihn so ruhig, als hätte er alle Antworten längst.
Dann murmelte er gegen seinen Mund: „Keine Sekunde.“

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