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Zwischen Hoodie und Herzklopfen: Eine Femboy Geschichte

Eine Femboy Geschichte

Ich hatte mir fest vorgenommen, heute ganz normal zu sein.

Das war natürlich schon der erste Fehler, denn jedes Mal, wenn ich mir vornehme, ganz normal zu sein, passiert irgendetwas, das mich daran erinnert, dass „normal“ bei mir ungefähr so stabil ist wie ein Kartenhaus bei offenem Fenster.

Es war Samstagabend, kurz nach sieben, und ich stand vor meinem Spiegel, während mein Zimmer aussah, als hätte ein sehr emotionaler Kleiderschrank explodiert. Auf dem Bett lagen drei Hoodies, zwei Röcke, eine schwarze Skinny Jeans, ein helles Shirt, das ich eigentlich immer mochte, und ein Oberteil mit viel zu langen Ärmeln, das ich heimlich mein „süß, aber nicht zu süß“-Oberteil nannte.

Ich wollte nur in dieses kleine Café in der Innenstadt. Mehr nicht. Kein großes Date. Kein dramatischer Abend. Nur ein Treffen mit Jannik, den ich vor ein paar Wochen über Freunde kennengelernt hatte. Er hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm einen Kakao trinken zu gehen, weil er angeblich „den besten Kakao der Stadt“ kannte.

Ich hatte natürlich locker geantwortet: „Klar, klingt gut.“

In Wahrheit hatte ich danach mein Handy aufs Bett geworfen und bin ungefähr fünf Minuten durchs Zimmer gelaufen wie jemand, der gerade erfahren hat, dass er morgen auf den Mond fliegt.

Jannik war nämlich nicht einfach irgendwer. Er war diese unangenehm schöne Sorte Mensch, die gar nicht merkt, wie schön sie ist. Dunkle Haare, ruhige Augen, ein Lächeln, das immer ein bisschen so aussah, als hätte er gerade einen Gedanken, den er noch nicht verraten wollte. Und das Schlimmste: Er war nett. Nicht auf diese anstrengende „Ich bin nett, bitte bemerke es“-Art. Sondern wirklich. Aufmerksam. Warm. Unaufdringlich.

Also stand ich jetzt da und versuchte herauszufinden, wie viel von mir ich zeigen konnte, ohne mich zu fühlen, als würde ich mit einem blinkenden Schild über dem Kopf durch die Stadt laufen.

Am Ende entschied ich mich für den schwarzen Rock, der knapp über den Knien endete, dazu eine dicke Strumpfhose, Sneaker und diesen weichen, hellen Hoodie, dessen Ärmel meine Hände fast komplett verschwinden ließen. Meine Haare hatte ich etwas fluffiger gestylt, nicht perfekt, eher absichtlich unabsichtlich. Ein bisschen Concealer, ein Hauch Lippenpflege, die nach Kirsche roch, und der kleine silberne Ohrring, den ich immer trug, wenn ich mich mutiger fühlen wollte.

Ich sah in den Spiegel.

Da war ich.

Nicht verkleidet. Nicht übertrieben. Nicht perfekt.

Aber irgendwie… richtig.

Trotzdem klopfte mein Herz viel zu laut, als ich die Wohnung verließ.

Auf dem Weg in die Stadt tat ich so, als würde ich ganz entspannt Musik hören. In Wirklichkeit bekam ich kaum mit, welches Lied lief. Ich achtete auf jeden Blick, jede Bewegung, jeden Menschen, der mir entgegenkam. Zwei Mädchen gingen an mir vorbei und lachten über irgendetwas auf ihrem Handy. Sofort dachte mein Kopf: Bestimmt über dich.

Dann sah ich, wie eines der Mädchen fast gegen einen Laternenpfahl lief, weil sie so sehr auf den Bildschirm starrte.

Okay. Vielleicht nicht über mich.

Das Café lag in einer kleinen Seitenstraße, warm beleuchtet, mit beschlagenen Fenstern und diesen viel zu gemütlichen Holztischen, an denen man automatisch tiefere Gespräche führen wollte. Vor der Tür blieb ich kurz stehen und atmete aus.

„Du kannst auch einfach wieder gehen“, flüsterte eine nervöse Stimme in mir.

„Oder du gehst rein und trinkst verdammt nochmal Kakao“, antwortete eine andere.

Ich ging rein.

Jannik saß schon am Fenster. Als er mich sah, hob er die Hand und lächelte. Nicht überrascht. Nicht prüfend. Einfach ehrlich erfreut. Dieses Lächeln machte etwas mit mir, das ich nicht bestellt hatte.

„Hey“, sagte er, als ich mich ihm gegenüber setzte. „Schön, dass du da bist.“

„Hey“, sagte ich und zog die Ärmel über meine Hände. „Ich bin nur wegen des legendären Kakaos hier. Keine falschen Hoffnungen.“

Er grinste. „Gut. Dann muss ich mich weniger anstrengen.“

„Du wolltest dich anstrengen?“

„Ein bisschen.“

Ich hätte gern cool reagiert. Wirklich. Stattdessen wurde mein Gesicht warm, und ich tat so, als wäre die Karte plötzlich das interessanteste literarische Werk unserer Zeit.

Der Kakao kam in riesigen Tassen mit Sahne, Schokoraspeln und kleinen Marshmallows obendrauf. Komplett übertrieben. Komplett perfekt. Ich nahm einen vorsichtigen Schluck und verbrannte mir natürlich direkt die Zunge.

„Alles okay?“ fragte Jannik.

„Ja“, sagte ich tapfer. „Ich habe nur gerade gegen Kakao verloren.“

Er lachte. „Das passiert den Besten.“

„Also mir.“

„Genau. Den Besten.“

Ich musste lächeln. Es war dieses gefährliche Lächeln, bei dem man merkt, dass man gerade aufhört, sich zu verteidigen. Ich saß da, mit meinem Rock, meinem Hoodie, meinem viel zu schnellen Herz, und auf einmal fühlte es sich nicht mehr an, als müsste ich jede Sekunde erklären, warum ich so war, wie ich war.

Wir redeten über alles Mögliche. Über Filme, die wir mochten. Über schlechte Schul-Erinnerungen. Über Musik. Über die Frage, ob Pflanzen einen Namen brauchen. Jannik hatte einen Kaktus namens Bernd. Ich fand das erst absurd, dann ziemlich charmant. Er fragte mich, ob ich Haustiere hätte, und ich erzählte ihm von meiner früheren Katze, die grundsätzlich nur Menschen mochte, die sie ignorierten.

„Klingt nach einer starken Persönlichkeit“, sagte er.

„Sie hätte dich wahrscheinlich akzeptiert.“

„Das ist das schönste Kompliment des Abends.“

Irgendwann wurde das Gespräch leiser. Nicht unangenehm. Nur weicher. Draußen begann es zu regnen, und kleine Tropfen liefen über die Fensterscheibe. Das Licht der Straße verschwamm dahinter, als hätte jemand die Welt mit Aquarellfarben gemalt.

Jannik sah mich über seine Tasse hinweg an.

„Darf ich dir was sagen?“

Mein Magen machte diesen kleinen Sprung, den er immer machte, wenn ein Satz entweder wunderschön oder katastrophal werden konnte.

„Kommt drauf an“, sagte ich. „Ist es über Bernd?“

„Nein.“

„Dann ja.“

Er lächelte kurz, wurde dann aber wieder ernster. „Ich mag, wie du heute aussiehst.“

Ich sah auf meine Hände. Auf die Ärmel. Auf den Rand meiner Tasse. Überall hin, nur nicht direkt zu ihm.

„Danke“, sagte ich leise.

„Nicht nur das Outfit“, fügte er hinzu. „Du wirkst irgendwie… wie du selbst.“

Dieser Satz traf mich viel stärker, als ich erwartet hatte.

Ich wusste nicht sofort, was ich sagen sollte. Weil es so einfach klang. So selbstverständlich. Und doch war genau das für mich nie selbstverständlich gewesen. Ich hatte so oft versucht, mich kleiner zu machen. Weniger weich. Weniger verspielt. Weniger sichtbar. Als wäre ich für andere leichter zu akzeptieren, wenn ich vorher ein paar Farben aus mir herausradiere.

„Das ist gar nicht immer so leicht“, sagte ich schließlich.

Jannik nickte. „Glaube ich.“

Mehr sagte er nicht. Kein großes Nachfragen. Kein neugieriges Bohren. Kein „Aber warum?“ oder „Seit wann?“ oder „Was bedeutet das jetzt genau?“ Er ließ den Satz einfach stehen, als dürfte er atmen.

Und genau dadurch konnte ich weiterreden.

„Manchmal habe ich Angst, dass Leute mich nur noch als irgendeine Schublade sehen. Femboy, süß, feminin, was auch immer. Als wäre das dann alles, was ich bin.“ Ich lächelte unsicher. „Dabei bin ich auch chaotisch, manchmal mürrisch, ziemlich schlecht im Zurückschreiben und emotional abhängig von gutem Kakao.“

„Das ist ein sehr komplexes Gesamtpaket“, sagte Jannik.

„Absolut.“

„Ich mag Gesamtpakete.“

Ich sah ihn an. Diesmal wirklich.

Sein Blick war ruhig. Warm. Da war kein Spott darin, keine Unsicherheit, kein Abstand. Nur diese sanfte Offenheit, die mich fast mehr nervös machte als jedes Kompliment.

Nach dem Café liefen wir noch ein Stück durch die Stadt. Der Regen hatte aufgehört, aber alles glänzte. Die Pflastersteine, die parkenden Autos, die dunklen Fenster der kleinen Läden. Ich ging neben Jannik, und jedes Mal, wenn unsere Hände sich fast berührten, tat mein Herz so, als wäre es gerade in eine dramatische Filmszene geraten.

An einer Ampel blieb er stehen und sah zu mir rüber.

„Du bist sehr still geworden.“

„Ich bin konzentriert.“

„Worauf?“

„Nicht komisch zu wirken.“

Jannik zog eine Augenbraue hoch. „Wie läuft’s?“

„Mittelmäßig.“

Er lachte leise. Dann sagte er: „Ich finde dich nicht komisch.“

„Das sagen Leute immer kurz bevor sie etwas Komisches entdecken.“

„Dann freue ich mich drauf.“

Ich stieß ihn leicht mit der Schulter an. Es war eine kleine Bewegung, verspielt und fast mutig. Er stieß zurück, genauso leicht. Danach gingen wir ein paar Schritte weiter, und plötzlich war seine Hand neben meiner. Nicht zufällig. Nicht ganz. Ich hätte so tun können, als merke ich es nicht.

Stattdessen nahm ich sie.

Oder vielleicht nahm er meine.

Eigentlich war es egal.

Seine Finger schlossen sich warm um meine, und ich schaute geradeaus, als wäre die leere Straße vor uns unfassbar spannend. Innerlich war ich natürlich komplett erledigt. Aber auf die schöne Art. Auf diese Art, bei der man gleichzeitig lachen und weinen könnte, weil etwas Kleines so groß wird, wenn man lange darauf gewartet hat.

„Ist das okay?“ fragte er leise.

Ich nickte. „Ja.“

Dann, nach einem Moment: „Sehr okay.“

Wir liefen bis zu einer kleinen Brücke, unter der ein schmaler Kanal entlangfloss. Die Stadt war ruhiger geworden. Über uns hing der Himmel dunkelblau, und irgendwo spiegelte sich eine Lichterkette aus einem Restaurant im Wasser.

Ich lehnte mich ans Geländer. Jannik stellte sich neben mich, immer noch meine Hand in seiner.

„Ich hatte vorhin fast abgesagt“, gestand ich.

„Warum?“

„Weil ich dachte, vielleicht ist das alles zu viel. Ich zu viel.“

Er drehte sich zu mir. „Du bist nicht zu viel.“

Ich lachte unsicher. „Das kannst du nach einem Kakao noch gar nicht wissen.“

„Dann formuliere ich es anders.“ Er sah mich an, und diesmal wurde seine Stimme ganz ruhig. „Ich möchte nicht, dass du weniger du bist, damit ich mich wohler fühle.“

Für einen Moment sagte ich nichts.

Dieser Satz war kein Feuerwerk. Keine große Liebeserklärung. Keine kitschige Szene mit Geige im Hintergrund. Aber er war genau das, was ich gebraucht hatte. Vielleicht sogar mehr.

Ich sah auf unsere Hände. Seine Daumen bewegten sich ganz leicht über meinen Handrücken, vorsichtig, als würde er fragen, ohne die Frage laut zu stellen.

„Du bist gefährlich gut mit Sätzen“, murmelte ich.

„Nur bei schönem Wetter.“

„Es hat geregnet.“

„Dann liegt’s wohl an dir.“

Ich verdrehte die Augen, aber ich konnte mein Lächeln nicht verstecken. „Das war schlimm.“

„Ein bisschen.“

„Mach weiter.“

Er lachte. Und dann standen wir einfach da. Keine Eile. Keine Erwartung. Nur die kühle Abendluft, das Wasser unter uns und dieses Gefühl, dass zwischen zwei Menschen manchmal ein Raum entstehen kann, in dem man plötzlich leichter atmet.

Als wir uns später verabschiedeten, war ich nervöser als am Anfang des Abends. Das fand ich unfair. Ich hatte schließlich schon das Café, den Kakao, den Regen, das Händchenhalten und mindestens drei gefährliche Komplimente überlebt.

Jannik stand vor meiner Haustür und sah mich an.

„Ich würde dich gern wiedersehen“, sagte er.

„Auch wenn ich Kakao nicht trinken kann, ohne mich zu verletzen?“

„Gerade deshalb.“

„Und wenn ich beim nächsten Mal noch komischer bin?“

„Dann bringe ich Bernd mit. Der ist schlimmer.“

Ich lachte. „Dein Kaktus?“

„Mein emotionaler Support-Kaktus.“

„Okay. Dann ja.“

Sein Lächeln wurde weicher. „Ja?“

„Ja. Ich würde dich auch gern wiedersehen.“

Wir standen einen Moment zu lange voreinander. Dieser Moment, in dem beide wissen, dass jetzt irgendetwas passieren könnte, aber keiner will derjenige sein, der es kaputt macht. Ich spürte mein Herz bis in die Fingerspitzen.

Jannik beugte sich ein kleines Stück vor. Langsam genug, dass ich hätte zurückweichen können.

Ich blieb.

Der Kuss war zart. Warm. Ein bisschen unbeholfen, weil wir beide lächeln mussten. Seine Hand lag kurz an meiner Wange, meine Finger hielten sich an seinem Jackenärmel fest, als wäre das vollkommen normal und nicht absolut lebensverändernd.

Als er sich löste, sah er mich an, als müsste er sich den Moment merken.

„Gute Nacht“, sagte er leise.

„Gute Nacht“, sagte ich.

Ich ging hoch in meine Wohnung, zog die Tür hinter mir zu und blieb im Flur stehen. Einfach so. Mit Schuhen. Mit Jacke. Mit diesem dummen, glücklichen Lächeln im Gesicht.

Später stand ich wieder vor meinem Spiegel. Der Hoodie war etwas verrutscht, meine Haare waren vom Regen und vom Wind nicht mehr ganz so fluffig, und der Rock hatte eine Falte, die vorher definitiv nicht da gewesen war.

Aber ich sah mich an und dachte nicht: War ich zu viel?

Ich dachte: Ich war da.

Ich war wirklich da.

Nicht versteckt hinter einer neutralen Version von mir. Nicht glattgebügelt für den Komfort anderer. Nicht halb entschuldigt, halb unsichtbar.

Ich war weich. Verspielt. Nervös. Mutig. Chaotisch. Ich war ein Femboy in einem hellen Hoodie, mit Kirschlippenpflege, Herzklopfen und Kakao-Trauma.

Und ich war glücklich.

Nicht perfekt glücklich. Nicht endgültig angekommen. Aber für diesen Abend genug.

Vielleicht beginnt Liebe nicht immer mit großen Worten. Vielleicht beginnt sie mit einer warmen Tasse, einem Blick, der nicht ausweicht, und einer Hand, die sich genau dann neben deine legt, wenn du gerade glaubst, dich wieder verstecken zu müssen.

Ich legte den kleinen silbernen Ohrring auf meinen Nachttisch, kroch ins Bett und zog die Decke bis zur Nase.

Mein Handy vibrierte.

Eine Nachricht von Jannik.

„Bernd fragt, wann unser nächstes Date ist.“

Ich lachte so leise, dass es fast nur ein Ausatmen war.

Dann schrieb ich zurück:

„Sag Bernd, er soll sich gedulden. Aber nicht zu lange.“

Und während draußen noch ein paar Regentropfen vom Dach fielen, schlief ich mit dem Gefühl ein, dass ich vielleicht nicht weniger geliebt werde, wenn ich mehr ich selbst bin.

Vielleicht sogar genau dann.

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