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Schwules Blind Date mit überraschendem Ende

Schwules Blind Date mit überraschendem Ende

Als Noah die Nachricht zum dritten Mal las, fragte er sich erneut, warum er überhaupt zugesagt hatte.

Freitag, 19:30 Uhr, Bar Lumen. Schwarzes Hemd. Nicht weglaufen.
Liebe Grüße, dein Blind Date.

Darunter ein Smiley, als wäre das hier eine harmlose Sache und nicht der reinste Nervenkitzel für jemanden, der es gerade noch schaffte, beim Bäcker Blickkontakt zu halten, ohne innerlich zu sterben.

Noah lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Die Wohnung war still, nur das leise Summen seines Laptops und das ferne Rauschen der Straße drangen herein. Auf dem Bildschirm blinkte noch eine halbfertige Präsentation für einen Kunden, aber seine Gedanken waren längst nicht mehr bei Farben, Schlagwörtern und Conversion Rates.

Sie waren bei dem absurden Umstand, dass seine beste Freundin Jule ihn vor zwei Wochen heimlich bei einer Dating-Idee angemeldet hatte, die sie „endlich-mal-wieder-Leben-fühlen-Projekt“ genannt hatte.

„Du gehst zu wenig raus, du arbeitest zu viel und du tust immer so, als würdest du jemanden treffen wollen, aber sobald ein Mann auch nur gut riecht, flüchtest du in deine Wohnung“, hatte sie gesagt.

„Das ist unfair“, hatte Noah erwidert.

„Es ist präzise.“

Leider hatte sie recht.

Noah war siebenundzwanzig, lebte seit drei Jahren in der Stadt, hatte einen Job, der ganz okay war, eine Wohnung, die meistens aufgeräumt wirkte, und ein Liebesleben, das so trocken war, dass selbst Kakteen Mitleid gehabt hätten. Es lag nicht daran, dass er niemanden wollte. Im Gegenteil. Er wollte ziemlich dringend jemanden. Nur dieser ganze Weg dorthin machte ihn fertig. Das Schreiben, das Deuten, das peinliche Warten, das Gefühl, sich verkaufen zu müssen.

Also hatte Jule eines Abends sein Handy an sich genommen, mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die zu viele romantische Komödien gesehen hatte, und ein einziges Treffen für ihn organisiert. Ohne Foto. Ohne endlose Chats. Ohne die übliche Möglichkeit, sich vorher totzudenken.

„Du triffst ihn einfach“, hatte sie erklärt. „Zwei erwachsene Männer. Ein Drink. Ein Abend. Mehr nicht.“

Mehr nicht, dachte Noah jetzt und starrte auf die Nachricht, als könne sie ihm ein anderes Ende verraten.

Um 18:40 Uhr stand er schließlich im Bad und knöpfte zum zweiten Mal das schwarze Hemd auf und wieder zu. Das erste Mal hatte es geschniegelt ausgesehen. Das zweite Mal wirkte es besser. Weniger bemüht. Hoffentlich.

Er musterte sich im Spiegel. Dunkle Haare, leicht unordentlich. Braune Augen, die immer etwas zu ehrlich wirkten. Ein Gesicht, das er okay fand, bis er sich mit anderen verglich, und Schultern, die breiter waren, als man dachte, wenn er in Pullis herumlief.

„Du gehst hin, du trinkst ein Bier, du überlebst“, murmelte er.

Dann zog er die Jacke an, steckte das Handy ein und verließ die Wohnung.

Die Bar Lumen lag in einer Seitenstraße hinter dem Fluss, halb versteckt zwischen einem Plattenladen und einem kleinen Programmkino. Von außen sah sie unauffällig aus. Drinnen dagegen glühte alles in warmem Bernsteinlicht. Die Wände waren dunkel, die Musik angenehm tief im Hintergrund, und über der langen Theke hingen Lampen, die aussahen, als hätten sie Geheimnisse.

Noah blieb einen Moment an der Tür stehen, während sein Herz sich benahm, als hätte es gerade selbst einen doppelten Espresso bestellt. Es war gut besucht, aber nicht voll. Ein paar Gruppen, zwei Frauen bei Cocktails, ein älteres Paar mit Rotwein, mehrere Männer allein oder zu zweit. Unmöglich zu sagen, wer hier auf wen wartete.

Er strich über den Ärmel seines Hemds, ging hinein und bestellte am Tresen ein Pils, einfach weil das nach einem Mann klang, der nicht panisch war.

„Ganz ruhig“, sagte er zu sich, als ihm das Glas hingestellt wurde.

„Das ist meistens ein Zeichen dafür, dass jemand überhaupt nicht ruhig ist.“

Noah drehte sich so abrupt um, dass er beinahe Bier verschüttet hätte.

Vor ihm stand ein Mann, vielleicht Anfang dreißig, groß, mit dunklem blondem Haar, einem markanten Mund und diesem seltsamen Blick, den manche Leute hatten, wenn sie gleichzeitig amüsiert und aufmerksam waren. Er trug tatsächlich ein schwarzes Hemd. Natürlich. Warum auch einfach.

„Sorry“, sagte Noah sofort. „Ich hab dich nicht gesehen.“

„Das hoffe ich doch“, sagte der Fremde trocken. „Sonst wäre dein Einstieg in dieses Blind Date erstaunlich hart.“

Noah blinzelte. Dann lachte er. Wirklich lachte er. Und der Mann grinste, als hätte er genau darauf gewartet.

„Du bist…“

„Henrik“, sagte er und reichte ihm die Hand. „Und du bist Noah. Zumindest laut Jule. Die übrigens erschreckend überzeugend darin ist, wildfremde Leute zu verkuppeln.“

Noah nahm die Hand. Warm. Fester Griff. Einen Tick länger als nötig. Genau lang genug, dass man es merkte und sich gleichzeitig einreden konnte, es sei Zufall.

„Sie ist schlimm“, sagte Noah.

„Sie ist effizient.“

Sie fanden einen kleinen Tisch in einer Nische am Fenster. Henrik bestellte einen Gin Tonic, Noah blieb erst mal beim Bier, und für einen kurzen Moment trat dieses unangenehme Gefühl ein, das bei Dates oft passierte, wenn der Anfang vorbei war und man beweisen musste, dass man auch einen Mittelteil hinbekam.

Komischerweise verschwand es fast sofort wieder.

Henrik redete nicht zu viel. Das war Noah sofort sympathisch. Er stellte Fragen, hörte wirklich zu, und wenn Noah nervös wurde und irgendeinen halblustigen Unsinn sagte, schaute Henrik ihn so an, als wäre genau das interessant.

Er arbeitete als Fotograf, hauptsächlich für Magazine und Kampagnen, zwischendurch auch freie Projekte. Er hatte früher in Hamburg gelebt, war vor einem Jahr hergezogen und kannte Jule über einen gemeinsamen Bekannten. Er hatte eine Stimme, die nicht laut war, aber hängen blieb, und diese unangenehme Wirkung, dass Noah während des Gesprächs immer öfter dachte, verdammt, er ist noch attraktiver, wenn er lächelt.

„Also“, sagte Henrik nach einer Weile und hob sein Glas leicht an, „was genau hat Jule über mich erzählt?“

Noah schnaubte. „Dass du angeblich lustig bist. Und groß. Das wurde auffällig oft erwähnt.“

„Sie hat bei dir erzählt, dass du so tust, als wärst du kühl, aber in Wahrheit weich wie warmer Kuchen.“

Noah starrte ihn an. „Sie hat was?“

Henrik nahm einen Schluck. „Nicht wortwörtlich. Aber sinngemäß.“

„Ich bringe sie um.“

„Bitte erst morgen. Ich will ihr noch schreiben, dass sie recht hatte.“

Noah blickte in sein Bier, damit Henrik nicht sah, wie sehr ihn dieser Satz traf. Nicht weil er groß war. Nicht weil er gut aussah. Sondern weil er es sagte, als wäre es gar kein großes Ding, jemanden zu mögen. Als dürfte das einfach passieren.

Mit dem zweiten Drink wurde alles leichter. Mit dem dritten auch gefährlicher.

Nicht gefährlich im schlechten Sinn. Mehr im Sinn von: Noah ertappte sich dabei, Henriks Hände zu beobachten, wenn er sprach. Den schmalen Silberring an seinem Finger. Die Art, wie sein Kragen ein wenig offenstand. Die kleine Falte neben seinem Mund, wenn er grinste. Dazu kam diese ruhige Selbstsicherheit, die gar nicht geschniegelt wirkte, sondern eher so, als sei Henrik einer von diesen Männern, bei denen man sofort wusste, dass man sich in ihrer Nähe entweder sehr wohl oder sehr durcheinander fühlen würde.

Bei Noah war es beides.

„Du siehst mich schon wieder so an“, sagte Henrik irgendwann.

Noah hob den Blick. „Wie?“

„Als würdest du überlegen, ob du gleich eine Ausrede brauchst oder noch einen Drink.“

„Und wenn?“

Henrik lächelte langsam. „Dann hoffe ich auf den Drink.“

Noah hätte darauf etwas Schlagfertiges sagen sollen. Stattdessen nahm er sein Glas und trank. Henrik lachte leise.

Später wechselten sie den Tisch, weil eine größere Gruppe hereinkam und die Nische brauchte. Danach standen sie eine Weile an der Theke. Dann draußen vor der Tür, weil Henrik eine rauchen wollte, was Noah überraschend wenig störte, obwohl er Rauchen sonst hasste. Vielleicht, weil Henrik selbst das auf eine Weise tat, die nicht nach Coolness aussah, sondern nach Pause.

Die Nacht war mild. Die Straße glänzte noch leicht vom Regen des Nachmittags. Im Kino gegenüber wechselte gerade die Vorstellung, Leute drängten lachend hinaus, irgendwo klirrten Fahrräder gegen Metallständer.

Henrik lehnte an der Hauswand, die Zigarette zwischen zwei Fingern, und sah Noah an, als wären sie plötzlich ganz allein.

„Na?“, fragte er.

„Na was?“

„Bereust du’s?“

Noah schob die Hände in die Jackentaschen. „Dass ich gekommen bin?“

Henrik nickte.

Noah sah ihn einen Moment nur an. Dieses Gesicht im Licht der Straßenlaterne. Diese Ruhe. Diese wachsende Spannung zwischen ihnen, die längst nicht mehr nur eingebildet war.

„Nein“, sagte er ehrlich. „Überhaupt nicht.“

Henrik zog an der Zigarette, blies den Rauch zur Seite und lächelte. „Gut.“

Dann wurde es still.

Nicht unangenehm. Nur voll. Voll mit all den Dingen, die keiner sagte. Dass sie sich mochten. Dass sie sich attraktiv fanden. Dass sich seit der ersten Minute etwas aufgebaut hatte, das inzwischen so spürbar war, dass sogar die Nachtluft sich daran hätte stoßen können.

Henrik warf die Zigarette weg und trat sie aus.

„Ich hätte jetzt zwei Möglichkeiten“, sagte er.

„Ach ja?“

„Ich könnte sehr vernünftig sein, mich für den Abend bedanken und dir morgen schreiben.“

Noah spürte, wie sich etwas in seinem Bauch zusammenzog. „Und die andere?“

Henrik trat einen halben Schritt näher. „Ich könnte ehrlich sein und zugeben, dass ich seit ungefähr einer Stunde darüber nachdenke, dich zu küssen.“

Noah atmete ein, aber nicht wieder richtig aus.

Da war es. Direkt. Ohne Spielchen. Ohne diese mühsamen Andeutungen. Einfach da.

„Das ist ziemlich ehrlich“, sagte er, und seine Stimme klang ein wenig tiefer als sonst.

„Ich fotografiere schlecht unter Unsicherheit.“

„Und ich funktioniere schlecht unter Druck.“

Henriks Mund zuckte. „Dann will ich’s dir leichter machen. Du musst gar nichts. Ich mag nur keine Ratespiele.“

Noah sah auf Henriks Mund und hasste sich dafür, wie offensichtlich das wahrscheinlich war.

„Und wenn ich sage, dass ich auch darüber nachgedacht habe?“

„Dann“, sagte Henrik, „müsste ich mich sehr zusammenreißen, cool zu bleiben.“

Noah lachte leise. Mehr aus Nervosität als aus allem anderen. Aber das Lachen brach die Spannung nicht. Es machte sie nur wärmer.

Henrik hob die Hand, langsam genug, dass Noah hätte ausweichen können, und strich ihm mit den Fingerspitzen eine unsichtbare Falte vom Kragen. Diese kleine Berührung jagte Noah mehr durch den Körper als sie dürfte.

„Du bist wahnsinnig nervös“, murmelte Henrik.

„Du auch“, sagte Noah.

Henrik grinste. „Stimmt.“

Der Kuss war nicht überstürzt. Genau das machte ihn so intensiv. Henrik legte eine Hand an Noahs Wange, hielt kurz inne, als wollte er ihm die letzte Sekunde zum Umentscheiden geben, und küsste ihn dann weich, ruhig, warm.

Noah spürte zuerst nur Überraschung. Dann Erleichterung. Dann dieses völlig verräterische Prickeln, das vom Brustkorb bis in die Fingerspitzen wanderte. Er küsste zurück, erst vorsichtig, dann mit mehr Sicherheit, und Henrik zog ihn ein wenig näher, bis Noah die Wärme seines Körpers durch Jacke und Hemd spüren konnte.

Als sie sich lösten, musste Noah lächeln. Er konnte gar nicht anders.

„Okay“, sagte er atemlos. „Das war…“

„Ja“, sagte Henrik.

Noah schüttelte den Kopf. „Du könntest ruhig etwas unbeeindruckter tun.“

„Keine Chance.“

Sie gingen nicht sofort auseinander. Sie spazierten noch ein Stück am Fluss entlang, ohne genau zu wissen, wohin. Das Gespräch wurde ruhiger, aber irgendwie intimer. Sie erzählten sich von schlechten Dates, alten Ängsten, albernen Gewohnheiten. Noah gestand, dass er vor ersten Küssen meist völlig den Verstand verlor. Henrik gab zu, dass er zu schnell Nähe zuließ und sich dafür früher oft geärgert hatte.

„Und heute?“, fragte Noah.

Henrik sah ihn von der Seite an. „Heute fühlt es sich nicht wie ein Fehler an.“

Noah antwortete nichts. Er steckte nur eine Hand aus der Jackentasche, und Henrik nahm sie, ganz selbstverständlich, als hätten sie das schon öfter gemacht.

Es war fast Mitternacht, als sie an einer kleinen Brücke stehen blieben. Unter ihnen zog das dunkle Wasser langsam vorbei, die Stadtlichter zitterten darin wie verstreute Goldfäden.

„Ich sollte langsam nach Hause“, sagte Noah, obwohl er das Gegenteil meinte.

„Ich weiß.“

Aber Henrik ließ seine Hand nicht los.

„Normalerweise“, sagte Noah nach einem Moment, „bin ich nach einem ersten Date komplett erschöpft. Ich gehe nach Hause und zerdenke alles. Jeden Satz. Jeden Blick.“

„Das klingt unerquicklich.“

„Ist es auch.“

„Und heute?“

Noah sah ihn an. „Heute weiß ich nur, dass ich dich wiedersehen will.“

Henrik lächelte nicht sofort. Er schaute ihn einfach an, mit einer Intensität, die Noah beinahe nervös gemacht hätte, wenn sie sich nicht gleichzeitig so gut angefühlt hätte.

„Gut“, sagte Henrik dann. „Weil ich dir sonst nachgelaufen wäre.“

Noah schüttelte grinsend den Kopf. „Wie charmant bedrohlich.“

„Ich bin vielseitig.“

Sie küssten sich noch einmal. Kürzer diesmal, aber vertrauter. Danach brachte Henrik ihn bis zur Straßenbahn. Als die Bahn einfuhr, zog Noah die Stirn kraus.

„Das ist der Teil, den ich nicht mag“, sagte er.

„Abschiede?“

„Wenn ein Abend gut war und man plötzlich wieder normal wirken soll.“

Henrik trat einen Schritt näher und beugte sich leicht zu ihm. „Dann wirk nicht normal.“

Noah sah ihn an.

„Schreib mir, wenn du zuhause bist“, sagte Henrik.

„Mach ich.“

„Und morgen.“

„Auch.“

Die Türen der Bahn öffneten sich zischend. Noah stieg ein, drehte sich noch einmal um, und Henrik stand tatsächlich da, die Hände in den Taschen, mit diesem Blick, der halb ruhig und halb gefährlich war. Noah hob die Hand. Henrik nickte nur leicht. Dann schlossen sich die Türen.

In der Bahn grinste Noah in die Fensterscheibe wie ein Idiot.

Zu Hause war es kurz nach halb eins. Er zog Schuhe und Jacke aus, ließ das Handy auf den Küchentisch fallen, holte sich ein Glas Wasser und bemerkte erst dann, dass eine neue Nachricht eingegangen war.

Ich finde übrigens, Jule hat dich unterverkauft.

Noah lachte leise.

Sie wird unerträglich, wenn sie erfährt, dass du sowas schreibst.

Die Antwort kam fast sofort.

Dann erzählen wir’s ihr einfach nie.
Oder erst bei unserer Hochzeit.

Noah starrte auf das Display.

Er wusste, dass es ein Witz war. Natürlich war es ein Witz. Aber es war einer dieser Witze, die nur halb Witz waren und zur anderen Hälfte aus Hoffnung bestanden.

Er tippte zurück.

Langsamer, Fotograf. Erst zweites Date.

Drei Punkte erschienen. Verschwanden. Erschienen wieder.

Fair. Dann sage ich nur:
Ich will dich morgen sehen.

Noah lehnte sich gegen die Küchenzeile und spürte dieses warme, absurde Ziehen unter den Rippen.

Ich dich auch.

Er schlief schlecht. Nicht im schlimmen Sinn. Mehr so, als wäre sein Kopf zu voll von Henriks Stimme, den Küssen vor der Bar, dem Spaziergang am Fluss, dem Blick an der Bahn. Als hätte sein Körper keine Lust, diesen Abend schon loszulassen.

Am nächsten Morgen klingelte es um neun.

Noah blinzelte verwirrt auf den Wecker, zog sich ein Shirt über und tappte barfuß zur Tür. Wer zum Teufel klingelte samstags um neun?

Er öffnete.

Davor stand Jule, geschniegelt wie immer, mit Sonnenbrille im Haar und einer Bäckertüte in der Hand. Neben ihr stand Henrik.

Noah brauchte zwei Sekunden zu lang.

„Was macht ihr hier?“

Jule schob sich an ihm vorbei. „Guten Morgen auch. Ich bringe Croissants und will Ruhm.“

Henrik blieb in der Tür stehen, in Jeans, hellem T-Shirt und mit diesem beinahe schuldbewussten Grinsen, das Noah sofort weich machte.

„Sie hat mir geschrieben, dass du vermutlich zu höflich wärst, mir abzusagen, wenn ich spontan vorbeikomme“, sagte Henrik.

„Und ich hatte recht“, sagte Jule stolz.

Noah schloss die Tür langsam. „Ich verstehe gar nichts.“

Jule stellte die Tüte auf den Küchentisch, drehte sich zu ihm und legte theatralisch eine Hand auf die Brust.

„Dann kommt jetzt das überraschende Ende, mein Lieber.“

Noah sah zwischen ihr und Henrik hin und her. „Bitte was?“

Henrik fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Vielleicht hätten wir das gestern schon sagen sollen.“

Noah hob eine Braue. „Was genau?“

Jule seufzte genervt, als würde sie mal wieder alles selbst retten müssen. „Henrik hat dich schon mal gesehen. Vor Wochen. Im Buchladen am Markt. Du hast mit einem Stapel viel zu teurer Magazine an der Kasse gestanden und dich mit dem Verkäufer über irgendein Cover gestritten.“

Noah starrte Henrik an. Langsam kehrte eine Erinnerung zurück. Ein Mann am anderen Ende des Ladens. Groß. Helles Hemd. Ein kurzer Blick, der seltsam hängen geblieben war. Dann war er weg gewesen.

„Du warst das?“

Henrik nickte. „Ich hab dich gesehen und dachte nur, verdammt.“

Jule grinste wie eine übermotivierte Kupplerin aus der Hölle. „Dann hat er mich später auf einer Geburtstagsfeier gefragt, ob ich zufällig weiß, wer der Typ aus dem Buchladen war.“

Noah brauchte einen Moment. Dann noch einen.

„Moment. Das Blind Date war gar nicht blind?“

„Für dich schon“, sagte Jule.

„Jule!“

„Was denn? Du hättest niemals zugestimmt, wenn ich gesagt hätte, dass da ein sehr attraktiver Mann ist, der dich seit Wochen süß findet. Du wärst doch kollabiert.“

Das war leider erschreckend plausibel.

Noah sah wieder zu Henrik. „Du kanntest mich also?“

„Nicht wirklich“, sagte Henrik ruhig. „Ich wusste nur, wie du aussiehst. Und dass ich dich gern kennenlernen wollte. Der Rest war echt. Jede Frage. Jeder Satz. Jede Nervosität.“

Jule hob die Hände. „Ich habe mein Werk getan. Ich gehe jetzt, bevor ihr mich hasst oder küsst, und beides muss ich heute nicht sehen.“

Sie drückte Noah einen Kuss auf die Wange, warf Henrik einen warnenden Fingerzeig zu und verschwand, bevor Noah sie am Ärmel packen konnte.

Dann war es still.

Henrik stand noch immer nahe der Tür und sah ihn an, diesmal weniger souverän als am Abend zuvor.

„Bist du sauer?“, fragte er.

Noah verschränkte die Arme, mehr um sich einen Moment zu geben als aus Wut. „Ich bin… überrascht.“

„Verständlich.“

„Das war also dein überraschendes Ende? Dass du mich schon kanntest?“

Henrik lächelte schief. „Nein. Ehrlich gesagt nicht.“

Noah blinzelte. „Es gibt noch mehr?“

Henrik trat einen Schritt näher. Dann noch einen.

„Das überraschende Ende ist“, sagte er leise, „dass ich eigentlich nie an sowas glaube. An dieses sofortige Klicken. An Abende, nach denen man am nächsten Morgen schon wieder vor der Tür stehen will. Ich halte mich normalerweise zurück. Aber heute früh bin ich aufgewacht und wusste nur, dass ich entweder sehr mutig oder sehr dumm sein werde.“

Noah sagte nichts. Sein Herz schlug schon wieder viel zu laut.

Henrik atmete kurz aus. „Also gut. Ich bin hier, weil ich dir nicht erst bis morgen oder nächste Woche schreiben wollte, dass ich das mit dir ernsthaft weiter kennenlernen möchte. Nicht locker nebenher. Nicht als nette Geschichte. Sondern richtig.“

Noah spürte, wie sein ganzer Körper gleichzeitig leicht und schwer wurde.

„Das ist ein bisschen viel für einen Samstagmorgen“, sagte er, aber seine Stimme verriet ihn völlig.

„Ich weiß.“

„Und du bringst auch noch Croissants mit, damit ich nicht klar denken kann.“

„Taktik.“

Noah musste lachen. Dann trat er näher, bis kaum noch Platz zwischen ihnen war.

„Ich bin nicht sauer“, sagte er.

Henrik hob leicht die Brauen. „Nein?“

„Nein. Ich finde nur, dass du mich heute definitiv noch einmal küssen musst, damit ich entscheiden kann, ob ich dir diese hinterlistige Buchladen-Geschichte verzeihe.“

Henrik grinste dieses langsame, ruinöse Grinsen. „Das klingt fair.“

Der Kuss in Noahs Flur war anders als der vor der Bar. Weniger zögernd. Weniger neu. Dafür tiefer, wärmer, mit diesem Gefühl, dass aus Anziehung gerade etwas wurde, das bleiben wollte. Noah legte eine Hand in Henriks Nacken, Henrik zog ihn näher, und für einen langen Moment vergaßen beide die offenen Croissants, die durchgeknallte Verkupplungsaktion und alles andere.

Als sie sich lösten, ruhte Henriks Stirn kurz an Noahs.

„Nur damit du’s weißt“, murmelte Henrik, „ich hätte dich auch ohne Jule irgendwann angesprochen.“

„Wann?“

„Wahrscheinlich in drei Jahren, wenn ich genug Mut gesammelt hätte.“

Noah lachte so weich, dass es beinahe wehtat.

Dann gingen sie in die Küche, setzten Kaffee auf, rissen die Bäckertüte auf und standen irgendwann nebeneinander am Fenster, die Stadt noch halb verschlafen vor sich, während zwischen ihnen bereits etwas still und sicher wuchs.

Ein Blind Date, dachte Noah, sollte eigentlich mit einer Frage anfangen.

Wer bist du.
Was suchst du.
Passt das mit uns.

Dieses hier hatte seltsamerweise anders funktioniert. Als hätte die Antwort sich schon im ersten Blick versteckt und nur darauf gewartet, eingeholt zu werden.

Henrik stieß mit seiner Schulter leicht gegen Noahs. „Woran denkst du?“

Noah nahm einen Schluck Kaffee und sah zu ihm.

„Dass ich gestern dachte, die Überraschung wäre der Kuss vor der Bar.“

Henrik lächelte. „Und jetzt?“

Noah stellte die Tasse ab, zog Henrik an sich und küsste ihn noch einmal, langsam genug, dass die Morgenluft drumherum warm wurde.

„Jetzt“, sagte er leise, „glaube ich, die Überraschung ist eher, dass ich dich vielleicht schon viel länger gesucht habe, als ich wusste.“

Henriks Blick wurde weich.

Draußen fuhr die Stadt langsam hoch. Drinnen begann etwas Neues.

Und diesmal lief keiner weg.

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