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Femboy Geschichte Teil 3: Das erste richtige Date mit Milan

Femboy Geschichte zwischen Hoodie, Herzklopfen und Lippenstift

Heute war kein „wir treffen uns zufällig im Café“-Tag.

Heute war ein echtes Date.

Also so richtig. Mit Uhrzeit. Mit Treffpunkt. Mit diesem schrecklich schönen Gefühl, dass man den ganzen Tag eigentlich nichts anderes tut, als auf einen einzigen Moment hinzuarbeiten. Ich habe versucht, normal zu sein. Ich habe wirklich versucht, meinen Tag einfach durchzuziehen. Wäsche machen. Etwas essen. Nachrichten beantworten. Kurz aufräumen. Aber mein Kopf war komplett nutzlos.

Alles in mir war Milan.

Seine Stimme. Sein Lächeln. Die Art, wie er gestern seine Hand auf den Tisch gelegt hatte, ohne mich zu drängen. Dieser kleine Moment, als unsere Finger sich berührt hatten. Es war lächerlich, wie oft ich daran denken musste. Nur ein kleiner Finger. Kein Kuss, keine Umarmung, nichts Dramatisches. Und trotzdem hatte es sich angefühlt, als hätte mein Herz plötzlich begriffen, dass Nähe auch sanft sein kann.

Milan hatte gestern Abend noch geschrieben:

„Samstag? Kein Café diesmal. Ich plane etwas.“

Ich fragte natürlich sofort, ob ich Angst haben müsse.

Er schrieb:

„Nur vor meiner überragenden Date-Organisation.“

Und dann kam noch:

„Zieh etwas an, worin du dich wie du fühlst.“

Ich glaube, genau dieser Satz hat mich am meisten erwischt.

Nicht: Zieh etwas Schönes an.
Nicht: Mach dich hübsch.
Nicht: Sei so oder so.

Sondern: wie du.

Das klingt vielleicht klein, aber für mich war es riesig.

Ich stand heute bestimmt eine halbe Stunde vor meinem Kleiderschrank. Vielleicht länger. Ich wollte nicht zu viel. Aber auch nicht zu wenig. Ich wollte nicht aussehen, als hätte ich mich verkleidet. Aber ich wollte auch nicht wieder zurück in meine alte Unsichtbarkeit rutschen.

Am Ende wurde es eine schwarze, etwas engere Hose, ein weiches helles Oberteil und darüber eine kurze, schwarze Jacke. Dazu die silberne Kette, die langsam gefährlich nach Glücksbringer aussieht. Meine Haare habe ich bewusst etwas lockerer gestylt, nicht zu perfekt. Ein bisschen Concealer, ein bisschen Lip Tint, ein Hauch Rouge, den man wahrscheinlich nur sieht, wenn man weiß, dass er da ist.

Ich sah in den Spiegel und flüsterte: „Okay.“

Nicht, weil alles perfekt war.

Sondern weil ich heute nicht gegen mich kämpfen wollte.

Milan wartete an der kleinen Haltestelle am Park. Er stand da mit einem Becher Kaffee in der Hand und sah viel zu entspannt aus für jemanden, der mein Herz so durcheinanderbringt. Als er mich sah, hob er kurz die Hand.

„Hey, Feldstudie“, sagte er.

Ich musste sofort lachen. „Hey, Testperson.“

Er musterte mich kurz, aber wieder auf diese angenehme Art. Nicht gierig, nicht wertend. Eher so, als würde er Details bemerken, die ich mir extra ausgesucht hatte.

„Du siehst gut aus“, sagte er.

Ich wollte etwas Cooles sagen. Etwas Schlagfertiges. Etwas, das nach Hauptfigur klingt.

Stattdessen sagte ich: „Oh.“

Milan grinste. „Sehr eloquent.“

„Ich sammle mich noch.“

„Dafür habe ich Zeit.“

Und dann gingen wir los.

Er hatte tatsächlich etwas geplant. Erst spazierten wir durch den Park, der nach Regen und frischer Erde roch. Die Wege waren noch leicht feucht, und überall lagen kleine Pfützen, in denen sich der Himmel spiegelte. Es war nicht besonders warm, aber neben ihm störte mich das kaum. Manchmal liefen unsere Schultern fast gegeneinander, manchmal kamen unsere Hände sich gefährlich nahe, und jedes Mal tat mein Herz so, als wäre das ein international relevantes Ereignis.

„Darf ich dich was fragen?“, sagte Milan irgendwann.

Ich nickte, obwohl diese Frage grundsätzlich immer klingt, als würde gleich ein Endgegner auftauchen.

„Wann hast du gemerkt, dass du dich so ausdrücken möchtest? Also… femininer, weicher, so wie jetzt?“

Ich atmete langsam aus. Die Frage war nicht böse. Aber sie ging tief.

„Ich glaube, es war nicht ein Moment“, sagte ich. „Eher viele kleine. Früher fand ich bestimmte Sachen schön und hab mir sofort gesagt, dass sie nicht für mich sind. Kleidung. Schmuck. Dieses weiche Auftreten. Sogar wie man sitzt oder lacht. Als gäbe es überall unsichtbare Regeln.“

Milan hörte wirklich zu. Das merkte ich daran, dass er nicht sofort antwortete.

„Und irgendwann?“, fragte er.

„Irgendwann wurde es anstrengender, mich zu verstecken, als mich vorsichtig zu zeigen.“

Er sah mich von der Seite an.

„Das ist ein schöner Satz.“

Ich zuckte mit den Schultern, aber innerlich wurde ich warm. „Ist leider aus Versehen ehrlich.“

„Die besten Sätze sind meistens aus Versehen ehrlich.“

Wir gingen weiter, und ich hatte das Gefühl, dass mein Inneres ein kleines bisschen lockerer wurde. Als hätte ich ihm gerade nicht alles erzählt, aber genug, um nicht mehr nur eine hübsche Oberfläche zu sein. Genug, damit er die unsicheren Stellen sah. Und das Verrückte war: Er blieb trotzdem.

Nach dem Spaziergang führte er mich zu einem kleinen Laden, den ich noch nie bemerkt hatte. Eine Mischung aus Buchhandlung, Café und Secondhand-Ecke. Es roch nach Papier, Holz und Zimt. Überall standen kleine Lampen, alte Bücher, Postkarten, Kerzen und diese Dinge, die man eigentlich nicht braucht, aber sofort besitzen möchte, weil sie das Leben kurz poetischer machen.

„Ich dachte, das passt zu dir“, sagte Milan.

Ich sah mich um. „Weil ich aussehe wie jemand, der dramatisch in Notizbücher schreibt?“

„Ja.“

„Unverschämt.“

„Aber richtig.“

Leider hatte er recht.

Wir stöberten durch die Regale. Milan zog absichtlich die absurdesten Bücher heraus und las mir Titel vor, als wären sie große Literatur. Ich fand ein kleines Notizbuch mit dunkelblauem Einband und goldenen Sternen darauf. Es war kitschig. Sehr kitschig. Genau mein Problem.

„Kaufen“, sagte Milan sofort.

„Du weißt doch gar nicht, ob ich es brauche.“

„Du brauchst es.“

„Warum?“

„Weil du es seit dreißig Sekunden ansiehst, als hätte es deine Seele erkannt.“

Ich hielt das Notizbuch an mich. „Vielleicht ist meine Seele eben günstig verarbeitet und mit Sternchen bedruckt.“

„Dann ist sie immerhin hübsch.“

Ich tat so, als würde ich die Postkarten betrachten, damit er nicht sah, wie rot ich wurde.

Später setzten wir uns in die kleine Café-Ecke. Die Tische waren winzig, die Stühle ein bisschen unbequem, aber alles daran fühlte sich perfekt an. Milan bestellte Chai, ich heiße Schokolade, weil ich heute offenbar beschlossen hatte, komplett in eine romantische Herbstszene zu kippen, obwohl es gar nicht Herbst war.

Er fragte mich nach meinem Lieblingsfilm. Ich fragte ihn nach seinem schlimmsten Date. Er erzählte von einem Treffen, bei dem sein Gegenüber die ganze Zeit über Kryptowährungen und Proteinpulver gesprochen hatte. Ich erzählte von einem Date, bei dem ich so nervös war, dass ich aus Versehen „Danke, gleichfalls“ gesagt hatte, als der Kellner „Guten Appetit“ wünschte.

Milan lachte so sehr, dass er sich kurz die Hand vor den Mund halten musste.

„Das ist süß“, sagte er.

„Nein, das ist sozialer Totalschaden.“

„Süßer sozialer Totalschaden.“

Ich schüttelte den Kopf. „Du hast einen sehr fragwürdigen Geschmack.“

„Offensichtlich“, sagte er und sah mich dabei so direkt an, dass ich plötzlich vergaß, wie man trinkt.

Ich hob die Tasse. Senkte sie wieder. Hob sie nochmal. Absolut souverän.

Irgendwann fragte Milan: „Darf ich dir etwas schenken?“

Ich blinzelte. „Was?“

Er stand auf, ging zum Regal mit den Notizbüchern und kam mit dem dunkelblauen Sternchenbuch zurück.

„Für deine Forschung“, sagte er. „Damit du deine Ergebnisse ordentlich dokumentieren kannst.“

Ich wollte protestieren. Wirklich. Ich wollte sagen, dass das nicht nötig ist, dass er mir nichts kaufen muss, dass ich das selbst kann. Aber er sah so vorsichtig dabei aus. Nicht großspurig. Nicht, als wolle er beeindrucken. Eher so, als wolle er etwas Kleines tun und hoffen, dass es richtig ankommt.

Also sagte ich leise: „Danke.“

Milan legte das Notizbuch vor mich. „Vielleicht bekommt die Testperson ja irgendwann ein gutes Zwischenergebnis.“

Ich strich mit den Fingern über den Einband. „Die Testperson schneidet bisher erstaunlich gut ab.“

„Nur erstaunlich?“

„Ich muss objektiv bleiben.“

„Hart, aber fair.“

Wir blieben lange dort. Viel länger, als geplant war. Draußen wurde es langsam dunkel, und die Fensterscheiben spiegelten die warmen Lichter im Laden. Irgendwann merkte ich, dass unsere Knie unter dem kleinen Tisch aneinanderstießen. Erst dachte ich, es wäre Zufall. Dann zog keiner von uns weg.

Wieder so ein kleiner Moment.

Nur ein Knie an einem Knie.

Und trotzdem wurde der ganze Raum anders.

Milan sah mich an. „Ist das okay?“

Ich nickte. „Ja.“

Meine Stimme war leiser als sonst.

Sein Blick wurde weich. „Gut.“

Keine großen Worte. Kein Druck. Nur dieses stille Fragen und Antworten. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich genau das gebraucht hatte: jemanden, der nicht einfach nimmt, sondern wartet, ob ich mitkomme.

Nach dem Café gingen wir noch ein Stück durch die Stadt. Ich hielt das neue Notizbuch in meiner Tasche fest, als wäre es ein Beweisstück. Ein Beweis dafür, dass dieser Tag wirklich passiert war.

Vor einem kleinen Schaufenster blieben wir stehen. Dort standen alte Lampen, Vasen, seltsame Figuren und ein Spiegel mit goldenem Rand. Wir spiegelten uns darin nebeneinander. Milan in seiner dunklen Jacke. Ich mit meiner Kette, meinem weichen Blick und dieser leichten Röte, die einfach nicht verschwinden wollte.

„Wir sehen aus wie Nebenfiguren in einem Indie-Film“, sagte ich.

„Nebenfiguren? Schon wieder?“

„Okay. Vielleicht Hauptfiguren.“

„Danke.“

Dann wurde es still.

Nicht unangenehm. Eher dieses stille Ziehen, wenn beide spüren, dass der Moment größer werden könnte. Ich sah ihn im Spiegel an, dann direkt. Seine Augen wanderten kurz zu meinen Lippen und wieder zurück. Mein Herz machte einen Sprung, als hätte es irgendwo einen Cheatcode gefunden.

„Ich würde dich gern küssen“, sagte Milan leise. „Aber nur, wenn du das auch möchtest.“

Ich glaube, mein Gehirn hat für zwei Sekunden komplett aufgehört zu funktionieren.

Nicht, weil ich es nicht wollte.

Sondern weil er es so schön gefragt hatte.

So einfach. So respektvoll. So gefährlich zärtlich.

Ich nickte erst. Dann merkte ich, dass Nicken vielleicht zu wenig war.

„Ja“, sagte ich. „Ich möchte.“

Milan kam langsam näher. Wirklich langsam. Als gäbe er mir bei jedem Zentimeter die Möglichkeit, mich anders zu entscheiden. Aber ich blieb. Mehr noch: Ich kam ihm entgegen.

Der Kuss war kurz.

Ganz sanft.

Kein Feuerwerk im kitschigen Sinne. Eher wie eine Kerze, die plötzlich angezündet wird. Warm. Flackernd. Echt.

Seine Lippen waren weich, und für diesen einen Moment gab es keine Straße, keine Menschen, keine Unsicherheit. Nur ihn. Nur mich. Nur dieses kleine Ja zwischen uns.

Als wir uns voneinander lösten, sah Milan fast genauso nervös aus wie ich.

Das beruhigte mich irgendwie.

„Zwischenergebnis?“, fragte er leise.

Ich atmete aus und konnte nicht anders, als zu lächeln.

„Sehr vielversprechend.“

Er lachte leise. Dann nahm er meine Hand.

Nicht nur mit dem kleinen Finger diesmal. Richtig. Seine Finger schoben sich vorsichtig zwischen meine, und ich hielt sie fest. Erst zögerlich, dann sicherer.

Wir liefen noch bis zur Haltestelle. Hand in Hand. Ich dachte die ganze Zeit, dass bestimmt alle starren. Vielleicht taten sie es. Vielleicht auch nicht. Aber zum ersten Mal war es mir nicht wichtig genug, um loszulassen.

An der Haltestelle standen wir dicht nebeneinander. Der Bus sollte in fünf Minuten kommen. Fünf Minuten sind viel zu wenig, wenn man gerade erst gelernt hat, wie sich die Hand von jemandem anfühlt, den man mag.

„Ich will dich wiedersehen“, sagte Milan.

„Das ist gut“, sagte ich. „Weil ich sonst das Notizbuch zurückgeben müsste.“

„Erpressung mit Schreibwaren. Stark.“

„Ich bin gefährlicher, als ich aussehe.“

„Das glaube ich sofort.“

Der Bus kam.

Natürlich kam er. Busse haben kein Gespür für romantisches Timing.

Bevor ich einstieg, drückte Milan meine Hand noch einmal. „Schreib mir, wenn du zu Hause bist?“

„Ja.“

Dann stieg ich ein, setzte mich ans Fenster und sah ihm nach. Er blieb stehen, bis der Bus losfuhr. Nicht dramatisch winkend. Nur da. Und irgendwie war genau das schöner.

Zu Hause habe ich das neue Notizbuch aus meiner Tasche geholt und auf den Schreibtisch gelegt. Es sieht dort aus, als hätte es schon immer dahin gehört.

Ich habe den ersten Satz hineingeschrieben:

„Heute hat mich jemand geküsst, als wäre ich nichts, wofür man sich entschuldigen muss.“

Danach musste ich kurz aufhören.

Weil ich gemerkt habe, dass ich fast weine.

Nicht traurig. Nicht überfordert. Eher, weil sich etwas in mir gelöst hat, das sehr lange fest war.

Vielleicht ist Dating nicht immer laut. Vielleicht ist es nicht immer dieses schnelle, wilde, perfekte Ding, das man aus Filmen kennt. Vielleicht ist es manchmal ein Spaziergang nach Regen, ein kleines Notizbuch mit Sternen, ein Knie unter einem wackeligen Tisch und jemand, der fragt, bevor er näherkommt.

Heute war ich nicht nur sichtbar.

Heute wurde ich gehalten.

Nur an der Hand.

Aber trotzdem.

Gute Nacht, liebes Tagebuch.

Ich glaube, Milan ist nicht mehr nur eine Nebenfigur.

Und ich vielleicht auch nicht.


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