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Femboy Geschichte zwischen Hoodie, Herzklopfen und Lippenstift

Femboy Geschichte zwischen Hoodie, Herzklopfen und Lippenstift

Heute war einer dieser Tage, die ganz normal anfangen und sich dann plötzlich anfühlen, als hätte jemand heimlich Glitzer über die Realität gestreut.

Ich bin morgens viel zu spät aufgewacht, natürlich. Mein Handy lag irgendwo zwischen Kissen, Ladekabel und einem alten schwarzen Hoodie, den ich eigentlich längst mal waschen sollte, aber der einfach zu gemütlich ist, um ihn aus meinem Leben zu verbannen. Draußen war alles grau, so ein typischer Tag, an dem man am liebsten gar nicht erst Mensch werden möchte. Aber irgendwie hatte ich heute dieses Gefühl in mir, dass ich nicht einfach wieder in Jeans und irgendeinem Shirt verschwinden wollte.

Also stand ich vor meinem Kleiderschrank und sah dieses eine Outfit an, das ich mir vor ein paar Wochen bestellt hatte: ein weicher, leicht oversized Pullover in Creme, dazu eine schwarze, schmale Hose und diese silberne Kette, die ich erst zweimal getragen hatte, weil sie mir immer ein bisschen „zu viel“ vorkam. Heute war sie genau richtig.

Ich weiß nicht, warum Kleidung manchmal so viel mit Mut zu tun hat. Eigentlich sind es nur Stoff, Farben, Formen. Und trotzdem kann ein Pullover sich anfühlen wie ein kleines Geständnis. Wie ein Satz, den man nicht laut ausspricht, aber den jeder sehen kann, der aufmerksam genug hinschaut.

Vor dem Spiegel habe ich lange gezögert. Meine Haare fielen heute ausnahmsweise gut, leicht wuschelig, aber auf eine Art, die nicht nach Chaos aussah, sondern nach Absicht. Ich habe ein bisschen Concealer benutzt, nur ganz dezent, und dann diesen hellen Lip Tint, der fast nicht auffällt. Fast. Aber ich wusste es. Und genau das hat gereicht, damit mein Herz schneller schlug.

Als ich später ins Café gegangen bin, war ich nervöser, als ich zugeben wollte. Es war nicht mal etwas Besonderes geplant. Ich wollte nur einen Kaffee trinken, vielleicht ein bisschen schreiben, vielleicht so tun, als wäre ich einer dieser Menschen, die ihr Leben im Griff haben und in Cafés produktiv sind. Spoiler: Ich bin keiner davon. Ich bestelle meistens etwas, starre dann dramatisch aus dem Fenster und schreibe drei Sätze, von denen ich zwei wieder lösche.

Aber heute war da dieser Typ.

Er saß am Fenster, mit einem Laptop vor sich und Kopfhörern um den Hals. Dunkle Haare, ruhige Augen, schwarzer Pulli, dieser entspannte Blick, als würde ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Ich hatte ihn schon mal gesehen, glaube ich. Oder vielleicht wollte mein Kopf das nur glauben, weil es romantischer klingt.

Ich setzte mich zwei Tische weiter, bestellte einen Cappuccino und versuchte, nicht ständig rüberzuschauen. Was natürlich hervorragend funktionierte. Also ungefähr drei Sekunden lang.

Irgendwann fiel mir mein Stift runter. Nicht dramatisch, nicht filmreif, einfach nur peinlich ungeschickt. Er rollte direkt in seine Richtung, und bevor ich reagieren konnte, hob er ihn auf.

„Ich glaube, der gehört dir“, sagte er.

Seine Stimme war warm. Nicht tief auf diese übertriebene Kinofilm-Art, sondern einfach angenehm. So eine Stimme, bei der man automatisch ein bisschen ruhiger wird.

Ich nahm den Stift und sagte: „Danke. Der hat offenbar mehr Mut als ich.“

Er grinste. „Dann sollte ich ihn vielleicht interviewen.“

Ich lachte, und leider war es kein cooles Lachen, sondern eher dieses kleine, überraschte Lachen, das einem rausrutscht, wenn man nicht vorbereitet ist. Aber er sah nicht so aus, als würde er mich dafür verurteilen. Im Gegenteil. Sein Blick blieb einen Moment länger bei mir hängen, genau lange genug, dass mein Gesicht warm wurde.

Ein paar Minuten später fragte er, ob der Platz an meinem Tisch frei sei. Ich sagte ja, obwohl mein Kopf innerlich sofort alle Systeme hochfuhr. Alarm. Situation romantisch. Bitte Haltung bewahren. Nicht verschlucken. Nicht komisch winken. Nicht aus Versehen den Kaffee umwerfen.

Er hieß Milan.

Wir redeten erst über banale Dinge. Kaffee. Wetter. Musik. Serien, die wir angefangen, aber nie beendet haben. Dann über Games, über alte Lieblingssongs, über die seltsame Kunst, sich online selbstbewusst zu fühlen und im echten Leben plötzlich nicht zu wissen, wohin mit den Händen.

Und irgendwann fragte er: „Ist das dein Stil? Also… heute?“

Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich mich verteidigen musste. Diese Frage kann alles bedeuten. Sie kann neugierig sein. Oder spöttisch. Oder gefährlich weich.

Aber Milan sah mich nicht seltsam an. Er sah mich einfach an.

Also sagte ich: „Vielleicht. Ich finde es noch heraus.“

Er nickte langsam. „Steht dir.“

Mehr sagte er nicht. Nur diese zwei Worte. Aber sie trafen mich irgendwo tief, wo ich gar nicht damit gerechnet hatte. Nicht, weil ich Bestätigung brauche. Zumindest rede ich mir das gerne ein. Sondern weil es manchmal so gut tut, gesehen zu werden, ohne gleich erklärt werden zu müssen.

Ich glaube, das war der Moment, in dem aus einem normalen Nachmittag etwas anderes wurde.

Wir saßen fast zwei Stunden dort. Mein Cappuccino wurde kalt, sein Laptop ging irgendwann in den Standby-Modus, und keiner von uns tat so, als müssten wir dringend irgendwo hin. Draußen wurde es langsam dunkel, und im Fenster spiegelten sich die Lichter aus dem Café. Ich sah mich darin kurz selbst: den weichen Pullover, die Kette, die etwas glänzenden Lippen, meine nervösen Finger um die Tasse.

Und plötzlich fand ich mich nicht komisch.

Nur echt.

Als wir gingen, standen wir vor dem Café noch einen Moment nebeneinander. Diese kleine, unbeholfene Pause, in der beide wissen, dass der Abschied noch nicht ganz passieren soll.

„Ich fand das schön“, sagte Milan.

„Ich auch“, antwortete ich, viel zu schnell.

Er lächelte. „Vielleicht machen wir das nochmal? Ohne flüchtenden Stift als Eisbrecher?“

Ich musste grinsen. „Der Stift wird enttäuscht sein, aber ja.“

Dann tauschten wir Nummern. Ganz ruhig eigentlich. Trotzdem fühlte es sich an, als hätte ich gerade eine Szene aus einem Film betreten, nur ohne perfekte Beleuchtung und ohne Soundtrack. Obwohl… vielleicht war der Soundtrack einfach mein Herz, das komplett übertrieben hat.

Zu Hause habe ich mich wieder vor den Spiegel gestellt. Nicht, um mich zu prüfen. Nicht, um zu schauen, ob etwas falsch war. Sondern weil ich diesen Tag festhalten wollte.

Ich sah nicht aus wie jemand anderes.

Ich sah aus wie ich.

Vielleicht ein bisschen mutiger. Vielleicht ein bisschen weicher. Vielleicht ein bisschen mehr so, wie ich innerlich schon länger bin.

Und dann kam seine Nachricht.

„Bist du gut nach Hause gekommen?“

Nur ein einfacher Satz. Und trotzdem habe ich ihn dreimal gelesen, bevor ich geantwortet habe.

Ich schrieb: „Ja. Und mein Stift auch.“

Er schickte ein lachendes Emoji zurück.

Ich weiß, das ist nichts Großes. Kein dramatisches Liebesgeständnis, kein Feuerwerk, kein Kuss im Regen. Aber vielleicht sind die schönsten Anfänge genau so. Leise. Zufällig. Mit einem Cappuccino, einem rollenden Stift und jemandem, der sagt: „Steht dir.“

Und vielleicht reicht das für heute vollkommen.

Gute Nacht, liebes Tagebuch.

Heute war ich ein bisschen sichtbarer.

Und es hat sich gar nicht so falsch angefühlt.

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