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Sissy Geschichte Lisa Teil 2 – Ich zeige mich mehr

Sissy Geschichte Lisa Teil 2

Ich hätte nie gedacht, dass sich nach diesem ersten Treffen so viel in mir verändert, obwohl eigentlich gar nichts Großes passiert ist. Es war kein besonderer Abend im klassischen Sinne, kein Moment, den man verfilmen würde, und trotzdem saß ich danach in meinem Zimmer und hatte das Gefühl, dass etwas in mir plötzlich ruhiger geworden ist. Dieses ständige Hinterfragen, dieses Gefühl, mich erklären zu müssen, mich rechtfertigen zu müssen, war auf einmal nicht mehr so laut wie vorher. Es war noch da, aber es hatte nicht mehr diese Kontrolle über mich.

In den Tagen danach habe ich mich oft im Spiegel angeschaut, aber nicht mehr so kritisch wie früher. Ich habe nicht mehr nach Fehlern gesucht oder nach Dingen, die „nicht passen“. Ich habe mich einfach angesehen und versucht zu verstehen, warum sich das alles plötzlich so anders anfühlt. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass Lisa nicht mehr nur diese Version von mir ist, die ich nur dann zulasse, wenn ich allein bin oder wenn ich mich bewusst dafür entscheide. Lisa war die ganze Zeit da, auch wenn ich sie versteckt habe. Und genau dieser Gedanke hat etwas in mir verändert.

Ich fing an, mich im Alltag vorsichtig mehr zu zeigen, ohne dass es direkt auffällt. Es waren kleine Dinge, die wahrscheinlich niemandem wirklich aufgefallen sind, aber für mich fühlten sie sich riesig an. Ein Oberteil, das etwas enger sitzt, ein Stoff, der sich weicher anfühlt, Farben, die ich früher nie gewählt hätte. Und manchmal, ganz dezent, ein bisschen Schminke. Nicht viel, wirklich nur so wenig, dass es für andere kaum sichtbar war, aber für mich hat es alles verändert. Es war, als würde ich mir selbst ein Zeichen geben, dass ich mich nicht mehr komplett verstecke.

Gleichzeitig wurde das Thema Dating für mich komplizierter. Nach diesem ersten positiven Erlebnis hatte ich das Gefühl, dass ich offener sein kann, aber ich habe auch schnell gemerkt, dass nicht jeder wirklich versteht, worum es mir geht. Viele sehen nur das Wort „Sissi“ oder haben ein bestimmtes Bild im Kopf, das gar nichts mit mir zu tun hat. Das hat mich am Anfang verunsichert, weil ich nicht wusste, ob ich mich mehr erklären muss oder ob ich vielleicht einfach nicht „richtig genug“ bin. Aber dann kam dieser Moment, der alles wieder ein Stück klarer gemacht hat.

Ich hatte ein zweites Treffen, und schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Es war nichts Offensichtliches, keine unhöflichen Worte oder so, aber es fühlte sich einfach oberflächlich an. Als würde ich angeschaut werden, aber nicht wirklich gesehen. Früher hätte ich versucht, das auszugleichen, hätte mich mehr angepasst, hätte versucht, irgendwie besser zu passen. Aber diesmal war es anders. Ich habe gemerkt, dass ich das nicht mehr will. Dass ich mich nicht mehr verbiegen möchte, nur damit jemand mich akzeptiert.

Ich bin früher gegangen, ruhig, ohne Drama, ohne große Worte. Und auf dem Weg nach Hause habe ich gemerkt, dass ich mich nicht schlecht fühle. Kein Zweifel, kein „hätte ich anders sein sollen“, kein Grübeln. Nur dieses klare Gefühl, dass ich etwas richtig gemacht habe. Dass ich mich selbst ernst genommen habe. Und genau das war neu für mich.

Seitdem fühlt sich alles ein kleines bisschen stabiler an. Nicht perfekt, nicht fertig, aber ehrlicher. Ich beginne langsam zu verstehen, dass mein Weg nicht darin besteht, jedem zu gefallen oder irgendeine Rolle perfekt zu erfüllen. Es geht darum, mich selbst zu verstehen und die Menschen zu finden, die mich so sehen, wie ich wirklich bin. Und Lisa ist dabei nicht mehr nur ein Teil, den ich verstecke, sondern ein Teil, den ich langsam anfange zu leben.

Ich weiß noch nicht genau, wohin mich das alles führt, aber ich weiß, dass ich nicht mehr zurück will. Nicht mehr in dieses Verstecken, nicht mehr in dieses ständige Hinterfragen. Lisa ist da, und ich lasse sie mehr und mehr zu. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem meine Geschichte wirklich beginnt.

Manchmal liege ich abends im Bett und denke darüber nach, wie lange ich eigentlich gebraucht habe, um mir selbst das alles zu erlauben. Es fühlt sich fast komisch an, dass etwas, das jetzt so selbstverständlich wirkt, früher so unmöglich schien. Ich glaube, der größte Unterschied ist gar nicht das, was ich nach außen zeige, sondern das, was sich in mir verändert hat. Dieses ständige Kontrollieren, dieses „Ist das okay?“, „Darf ich das?“ wird immer leiser. Und stattdessen kommt etwas anderes, etwas Ruhigeres – fast wie Vertrauen in mich selbst.

Ich merke auch, dass ich Lisa nicht mehr nur in bestimmten Momenten „an- und ausschalte“. Früher war das alles getrennt: Hier bin ich, und da ist Lisa. Jetzt verschwimmt das immer mehr. Es ist kein Schalter mehr, sondern eher ein Gefühl, das einfach da ist. Manchmal stärker, manchmal leiser, aber es gehört zu mir. Und genau das gibt mir eine Sicherheit, die ich früher nicht hatte.

Interessant ist auch, wie sich mein Blick auf andere verändert hat. Früher habe ich oft gedacht, dass alle genau hinschauen, alles bewerten, alles einordnen. Heute merke ich, dass die meisten viel mehr mit sich selbst beschäftigt sind, als ich gedacht habe. Und das nimmt Druck raus. Ich muss nicht perfekt sein. Ich muss nicht jedem gefallen. Ich muss nur ehrlich mit mir selbst sein.

Und trotzdem gibt es diese kleinen Momente, in denen die Unsicherheit wiederkommt. Wenn ich länger in den Spiegel schaue. Wenn ich ein neues Outfit ausprobiere. Wenn ich überlege, wie weit ich gehen will. Aber der Unterschied ist: Ich lasse mich davon nicht mehr stoppen. Ich nehme es wahr, aber ich gehe trotzdem weiter.

Vielleicht ist genau das der wichtigste Schritt bisher gewesen.

Nicht, keine Angst mehr zu haben.

Sondern weiterzugehen, obwohl sie noch da ist.

Und während ich das hier schreibe, merke ich, dass sich etwas in mir ruhig anfühlt. Nicht perfekt, nicht abgeschlossen – aber auf einem guten Weg. Lisa ist kein Geheimnis mehr, das ich verstecken muss. Sie ist ein Teil von mir, den ich immer besser verstehe.

Und ich glaube, ich bin gerade erst dabei, wirklich herauszufinden, wer ich eigentlich bin.


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