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Wie ich zum E-Boy wurde meine Geschichte

E-Boy wurde meine Geschichte

Ich war zwölf, als ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass ich irgendwie anders sein wollte, ohne genau zu wissen, wie.

Damals hätte ich niemals gesagt: „Ich werde mal ein E-Boy.“ Dieses Wort kannte ich noch nicht. Ich wusste nur, dass ich mich in normalen Klamotten oft langweilig fühlte. Jeans, irgendein T-Shirt, Turnschuhe, fertig. So liefen alle rum. In der Schule sah jeder irgendwie gleich aus, und wer anders aussah, wurde sofort kommentiert.

Ich war nicht der lauteste Typ. Nicht der krasse Klassenclown, nicht der Sportheld, nicht der, der immer Ärger machte. Ich war eher der Junge mit Kopfhörern, der in der Pause manchmal so tat, als müsste er dringend aufs Handy schauen, obwohl er einfach nicht wusste, wohin mit sich.

Mit zwölf bekam ich mein erstes richtiges Smartphone. Und plötzlich war da diese andere Welt. YouTube, Musikvideos, Gaming-Clips, Anime-Edits, später TikTok. Ich sah Jungs mit schwarzen Haaren, Ketten, Hoodies, Nagellack, Eyeliner, gestreiften Longsleeves und diesem Blick, der gleichzeitig müde, cool und verletzlich wirkte.

Ich fand das faszinierend.

Nicht nur, weil es cool aussah. Sondern weil diese Jungs so wirkten, als hätten sie einen Weg gefunden, ihre Unsicherheit in Stil zu verwandeln. Als könnte man zeigen: Ja, ich bin sensibel, ich bin vielleicht ein bisschen weird, ich höre traurige Musik, ich hänge zu viel online rum, aber ich mache daraus etwas Eigenes.

Ich wollte auch so aussehen.

Aber mit zwölf traute ich mich natürlich gar nichts.

Mein erster „Style-Wechsel“ war ein schwarzer Hoodie.

Mehr nicht.

Ein schwarzer Hoodie, den ich ständig trug, egal ob es warm war oder nicht. Meine Mutter fragte irgendwann, ob ich keine anderen Sachen mehr hätte. Doch, hatte ich. Aber der Hoodie fühlte sich sicher an. Wie eine Rüstung aus Stoff. Ich konnte die Kapuze hochziehen, die Hände in den Ärmeln verstecken und mich ein bisschen weniger beobachtet fühlen.

Mit dreizehn kamen die Haare.

Ich wollte sie länger wachsen lassen. Nicht lang-lang, aber so, dass sie mir ein bisschen in die Stirn fielen. Mein Vater sagte, ich sähe aus, als hätte ich den Friseur verpasst. Meine Oma wollte mir ständig die Haare aus dem Gesicht streichen. In der Schule nannten mich zwei Jungs irgendwann „Emo“, obwohl ich nicht mal genau wusste, ob ich das beleidigend finden sollte.

Ehrlich gesagt fand ich es heimlich gar nicht so schlimm.

Es klang nach einer Gruppe.

Nach einer Richtung.

Nach etwas anderem als „normal“.

Ich fing an, mehr Musik zu hören. Erst traurige Pop-Songs, dann Alternative, Emo-Rap, ein bisschen Punk, ein bisschen K-Pop, später elektronische Sachen. Ich baute mir Playlists für jede Stimmung. Eine für nachts. Eine für Wut. Eine für dieses Gefühl, wenn man nicht weinen will, aber auch nicht ganz trocken bleibt.

Mit vierzehn entdeckte ich Anime richtig.

Nicht nur die großen Serien, die jeder kannte. Ich mochte besonders die Figuren, die etwas Zerrissenes hatten. Die stillen, schönen, seltsamen Charaktere. Die, die nicht genau in eine Rolle passten. Manche waren hart und weich zugleich. Manche wirkten zerbrechlich, aber hatten innen etwas Starkes. Ich glaube, das hat mich geprägt, mehr als ich damals verstanden habe.

Ich begann, auf meine Kleidung zu achten.

Schwarze Jeans. Oversized-Shirts. Ein gestreiftes Longsleeve unter einem T-Shirt. Vans-ähnliche Sneaker. Eine billige Kette, die nach zwei Wochen schon verfärbt war. Ich fand sie trotzdem großartig. Ich sah im Spiegel nicht plötzlich perfekt aus, aber ich sah wenigstens ein bisschen nach der Version von mir aus, die ich online bewunderte.

In der Schule wurde es nicht sofort leichter.

Manche fanden es cool. Manche fanden es peinlich. Manche sagten gar nichts, aber schauten. Und Blicke können manchmal lauter sein als Sprüche.

Ich tat so, als wäre mir alles egal.

War es nicht.

Jeder Kommentar blieb hängen. Wenn jemand sagte: „Warum läufst du so rum?“, dann lachte ich und sagte: „Warum nicht?“ Aber innerlich nahm ich den Satz mit nach Hause, legte ihn unter mein Kissen und dachte nachts darüber nach.

Mit fünfzehn lackierte ich mir zum ersten Mal die Nägel schwarz.

Nur an einem Wochenende. Nur allein in meinem Zimmer.

Ich saß auf dem Boden, die Flasche Nagellack zwischen den Knien, und meine Hand zitterte so sehr, dass ich mehr Haut als Nagel erwischte. Es sah schrecklich aus. Wirklich katastrophal. Aber als ich fertig war und meine Hände ansah, bekam ich dieses komische warme Gefühl im Bauch.

Als hätte ich eine Tür geöffnet.

Am Montag entfernte ich alles wieder.

Dann, ein paar Wochen später, ließ ich einen Nagel lackiert.

Nur den kleinen Finger.

Ich sagte, es sei eine Challenge gewesen. Eine dumme Wette. Irgendeine Ausrede. Aber eigentlich wollte ich sehen, ob die Welt untergeht.

Tat sie nicht.

Ein paar Leute machten Sprüche. Ein Mädchen aus meiner Klasse sagte: „Sieht eigentlich cool aus.“ Dieser Satz reichte, damit ich den ganzen Tag so tat, als wäre ich völlig entspannt, während ich innerlich kleine Feuerwerke zündete.

Mit sechzehn wurde ich mutiger.

Ich hatte inzwischen einen kleinen Kreis online. Leute aus Discord, Gaming-Freunde, ein paar aus TikTok-Kommentaren, mit denen man irgendwann privat schrieb. Dort war ich weniger vorsichtig. Dort konnte ich Bilder von Outfits schicken, ohne sofort Angst zu haben, dass es am nächsten Morgen in der Schule herumgeht. Ich lernte Menschen kennen, die auch irgendwo zwischen Emo, Anime, Gaming, Queerness, Fashion und „Ich weiß nicht genau, was ich bin, aber bitte lass mich ausprobieren“ lebten.

Das tat gut.

Sehr gut sogar.

Ich fing an, Fotos von mir zu machen. Erst ohne Gesicht. Spiegelbilder, Hoodie, Kette, schwarze Nägel, Handy vorm Gesicht. Dann mit halbem Gesicht. Dann irgendwann komplett. Ich hasste jedes zweite Bild und liebte jedes dritte für ungefähr fünf Minuten. Danach fand ich wieder alles falsch.

Aber ich übte.

Nicht nur Posen. Auch mich selbst auszuhalten.

Mit siebzehn kaufte ich meinen ersten Eyeliner.

Das war ein Level, auf das ich nicht vorbereitet war.

Nagellack war schon mutig, aber Eyeliner fühlte sich nochmal persönlicher an. Nägel konnte man noch als Style verkaufen. Eyeliner im Gesicht war schwieriger zu verstecken. Ich probierte ihn abends aus, kurz bevor ich duschen wollte. Nur ein bisschen unter den Augen, so leicht verwischt. Ich sah aus wie jemand, der entweder sehr cool oder sehr müde war. Vielleicht beides.

Ich machte ein Foto.

Dann noch eins.

Dann löschte ich beide.

Dann holte ich sie aus dem Papierkorb zurück.

An einem Samstag ging ich damit raus. Nur in die Stadt, nur kurz, nur mit einem Freund, der selbst immer aussah, als hätte er gerade ein Musikvideo verlassen. Er sagte nur: „Steht dir.“

Mehr nicht.

Und manchmal sind genau diese zwei Worte genug.

Mit achtzehn war ich offiziell erwachsen, aber innerlich immer noch ein unsicherer Junge mit zu vielen Tabs im Kopf.

Ich zog für Ausbildung oder Studium in eine andere Stadt. Neuer Ort, neue Menschen, neue Chance. Niemand kannte die alte Version von mir. Niemand wusste, dass ich früher versucht hatte, möglichst normal auszusehen. Ich konnte einfach auftauchen mit schwarzen Nägeln, Kette, längeren Haaren, Oversized-Hoodie und diesem leicht dunklen Augen-Make-up, als wäre ich schon immer so gewesen.

Das war befreiend.

Und gleichzeitig komisch.

Denn plötzlich bekam ich Komplimente.

Nicht nur online. Auch draußen.

„Cooler Style.“
„Deine Haare sehen nice aus.“
„Woher ist die Kette?“
„Du hast voll den TikTok-E-Boy-Vibe.“

Da war das Wort.

E-Boy.

Am Anfang wusste ich nicht, ob ich lachen sollte. Es klang ein bisschen nach Schublade. Nach Meme. Nach jemandem, der traurig in die Kamera schaut und dabei eine Kette trägt. Aber je öfter ich es hörte, desto weniger störte es mich.

Vielleicht, weil es stimmte.

Ich war internetgeprägt. Ich mochte Gaming, Anime, dunkle Kleidung, Musik, die andere als dramatisch bezeichneten, Schmuck, Nagellack und weiche Looks. Ich mochte es, ein bisschen geheimnisvoll zu wirken, auch wenn ich in Wahrheit nur nicht wusste, wie man normal Small Talk macht.

Mit neunzehn begann ich, meinen Stil bewusst zu bauen.

Nicht mehr nur aus Unsicherheit heraus, sondern mit Freude.

Ich lernte, welche Schnitte mir stehen. Oversized oben, schmaler unten. Schwarze Cargo-Hosen. Netz- oder Ringdetails. Silberne Ketten. Ringe. Layering. Kaputte Jeans, aber nicht zu gewollt. Hoodies, die weich fallen. Shirts mit Prints, die nach Musik, Anime oder Skatepark aussehen. Manchmal ein Crop-Top unter einer offenen Jacke, wenn ich besonders mutig war. Manchmal nur komplett schwarz, weil komplett schwarz selten versagt.

Meine Haare wurden mein wichtigstes Projekt.

Mittelscheitel, messy, leicht länger, manchmal dunkelbraun, einmal fast schwarz gefärbt. Ich verbrachte absurd viel Zeit damit, so auszusehen, als hätte ich keine Zeit damit verbracht. Das ist vermutlich die ehrlichste Definition von Style.

Mit zwanzig merkte ich, dass es nicht nur um Aussehen ging.

E-Boy sein war für mich kein Kostüm mehr. Es war eine Art, meine weichen Seiten nicht zu verstecken. Ich durfte sensibel sein. Ich durfte schön sein wollen. Ich durfte Schmuck tragen, ohne mich dafür zu erklären. Ich durfte traurig aussehen, obwohl ich gute Tage hatte. Ich durfte stark sein, ohne hart zu wirken.

Und ja, natürlich gab es dumme Kommentare.

„Willst du ein Mädchen sein?“
„Bruder, was ist das für ein Look?“
„TikTok hat dich kaputt gemacht.“
„Mach mal normal.“

Früher hätten mich solche Sätze tagelang verfolgt. Mit zwanzig trafen sie mich noch immer, aber sie blieben nicht mehr so tief stecken. Ich hatte inzwischen genug Menschen gefunden, die verstanden, dass Stil kein Geständnis ist, für das man sich rechtfertigen muss.

Manchmal ist Stil einfach ein Zuhause, das man am Körper trägt.

Mit einundzwanzig hatte ich meinen Look gefunden, aber nicht endgültig. Eher wie eine Sprache, die ich fließender sprechen konnte.

An manchen Tagen war ich dunkel und edgy. Schwarzer Mantel, Ringe, Eyeliner, Kopfhörer, Blick auf den Boden. An anderen Tagen eher soft: heller Oversized-Pullover, Kette, leichtes Make-up, Haare fluffig, fast romantisch. Manchmal sportlicher. Manchmal androgyner. Manchmal komplett chaotisch.

Ich hörte auf, mich zu fragen, ob ich „richtig“ E-Boy bin.

Das ist sowieso Quatsch.

Man wird nicht E-Boy wie man einem Verein beitritt. Es gibt keinen Ausweis, keine Prüfung, keinen geheimen Discord-Rat, der entscheidet, ob dein Eyeliner ausreichend traurig ist.

Für mich bedeutete es: Ich nehme diese ganzen Einflüsse aus Internet, Musik, Gaming, Anime, Mode und Gefühl und mache daraus meine eigene Version.

Mit zweiundzwanzig sehe ich heute in den Spiegel und erkenne den Jungen von damals noch immer.

Den Zwölfjährigen mit dem schwarzen Hoodie, der sich nicht traute, anders zu sein, aber heimlich genau davon träumte.

Den Dreizehnjährigen mit den Haaren im Gesicht.

Den Vierzehnjährigen, der Anime-Figuren bewunderte, weil sie nicht eindeutig in eine Rolle passten.

Den Fünfzehnjährigen mit dem schlecht lackierten kleinen Finger.

Den Siebzehnjährigen, der Eyeliner auftrug und dachte, er würde viel zu viel wagen.

Den Achtzehnjährigen, der in einer neuen Stadt zum ersten Mal nicht erklären musste, warum er so aussieht.

Sie sind alle noch in mir.

Nur heute verstecke ich sie nicht mehr.

Heute trage ich schwarze Boots, eine weite Hose, ein enges Longsleeve unter einem oversized Bandshirt, zwei Ketten, drei Ringe und schwarzen Nagellack. Meine Haare fallen mir immer noch manchmal ins Gesicht. Der Eyeliner ist nicht perfekt, aber deutlich besser als früher. Auf meinem Handy sind Playlists für jede Stimmung, und in meinem Zimmer stehen Manga neben Proteinpulver, Gaming-Controller neben Haarwachs, Parfum neben Energy-Drink-Dosen.

Ich bin kein Klischee.

Aber ich bin auch nicht beleidigt, wenn jemand sagt: „Du bist voll der E-Boy.“

Dann lächle ich meistens und sage: „Ja, kann sein.“

Denn vielleicht stimmt es.

Vielleicht bin ich ein E-Boy geworden, weil ich irgendwann verstanden habe, dass ich nicht härter werden muss, um echter zu sein. Dass man weich, dunkel, verspielt, sportlich, sensibel, online, romantisch, chaotisch und trotzdem männlich sein kann. Oder einfach man selbst.

Und wenn ich dem Jungen von damals etwas sagen könnte, dem Zwölfjährigen mit dem schwarzen Hoodie und dem unsicheren Blick, dann wäre es wahrscheinlich:

Du musst nicht sofort wissen, wer du bist.

Zieh erstmal den Hoodie an.

Der Rest kommt Schritt für Schritt.

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