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Femboy Geschichte Teil 2: Als Milan wieder schrieb

Femboy Geschichte zwischen Hoodie, Herzklopfen und Lippenstift

Ich habe heute Morgen so getan, als wäre ich ganz normal aufgewacht.

Bin ich aber nicht.

In Wahrheit war ich schon wach, bevor mein Wecker überhaupt eine Chance hatte, mich zu nerven. Mein Handy lag neben mir auf dem Kissen, als hätte ich es im Schlaf bewacht wie einen kleinen Schatz. Und ja, natürlich habe ich direkt nachgesehen, ob Milan geschrieben hatte. Ganz lässig natürlich. So lässig, dass ich mein Handy beinahe aus dem Bett geworfen hätte.

Da war keine neue Nachricht.

Nur unser Chat von gestern.

„Bist du gut nach Hause gekommen?“
„Ja. Und mein Stift auch.“

Ich starrte diese paar Zeilen an, als wären sie ein Liebesroman mit 800 Seiten. Es ist wirklich peinlich, wie viel Bedeutung ein Mensch in drei Nachrichten hineininterpretieren kann, wenn er nur genug Herzklopfen und zu wenig Schlaf hat.

Ich stand auf, zog mir erstmal wieder den schwarzen Hoodie über und ging in die Küche. Kaffee. Toast. Viel zu lange aus dem Fenster schauen. Das volle Programm. Trotzdem war da dieses kleine warme Gefühl in mir, das einfach nicht weggehen wollte. Wie ein Licht, das jemand nachts angelassen hat.

Gestern im Café hatte Milan gesagt, mein Stil würde mir stehen. Zwei Worte. Mehr nicht. Und trotzdem hörte ich sie immer wieder in meinem Kopf.

Steht dir.

Ich glaube, ich habe noch nie gemerkt, wie sehr ich manchmal darauf warte, dass jemand mich nicht nur duldet, sondern wirklich sieht. Nicht mit diesem prüfenden Blick. Nicht so, als müsste man mich einordnen, benennen, erklären. Sondern einfach so: Da bist du. Und das ist schön.

Gegen Mittag hielt ich es nicht mehr aus.

Ich schrieb ihm.

„Hat dein Laptop den gestrigen Kaffeetisch-Ausfall überlebt?“

Ich drückte auf Senden und bereute es sofort. Nicht, weil die Nachricht schlimm war. Sondern weil mein Gehirn offenbar nichts lieber macht, als harmlose Sätze nach dem Abschicken in Katastrophen zu verwandeln. Zu gewollt. Zu random. Zu wenig charmant. Zu viel ich.

Fünf Minuten keine Antwort.

Zehn Minuten keine Antwort.

Ich legte das Handy weg.

Hob es wieder auf.

Legte es weg.

Hob es wieder auf.

Irgendwann vibrierte es.

„Knapp. Er fordert Schmerzensgeld. Ich glaube, du schuldest ihm mindestens einen Kaffee.“

Ich saß da und grinste wie ein Idiot.

Nicht cool. Nicht geheimnisvoll. Einfach nur glücklich.

Wir schrieben eine Weile hin und her. Er war witzig, aber nicht auf diese anstrengende Art, bei der jemand jede Nachricht in eine Bühne verwandelt. Er schrieb ruhig, ein bisschen trocken, manchmal mit kleinen Seitenhieben, die mich zum Lachen brachten. Irgendwann fragte er, ob ich am Abend Zeit hätte.

Nur so.

„Vielleicht wieder Café? Oder Spaziergang? Oder beides, falls du mutig bist.“

Ich las diese Nachricht bestimmt fünfmal.

Dann schrieb ich: „Kommt drauf an. Muss ich dafür wieder einen Stift opfern?“

Er antwortete: „Nur, wenn das Date schlecht läuft.“

Date.

Da stand es.

Nicht Treffen. Nicht Kaffee. Nicht „wir sehen uns halt nochmal“. Sondern Date. Ganz beiläufig, als wäre dieses Wort nicht gerade in meinem Kopf explodiert wie ein kleines Feuerwerk.

Ich sagte zu.

Natürlich sagte ich zu.

Und dann begann das Outfit-Drama.

Ich weiß nicht, warum mein Kleiderschrank in solchen Momenten immer aussieht wie ein Gegner in einem Bosskampf. Alles war plötzlich falsch. Die Hose zu langweilig. Der Pullover zu weich. Das Shirt zu eng. Die Jacke zu männlich. Die andere Jacke zu auffällig. Meine Haare machten sowieso, was sie wollten, und mein Spiegel hatte heute eine sehr kritische Energie.

Am Ende entschied ich mich für eine schwarze Hose, ein helles Shirt und darüber eine kurze, weiche Strickjacke, die ein bisschen verspielt wirkte, ohne dass ich mich komplett verkleidet fühlte. Dazu wieder die kleine Kette. Und diesmal auch ein Hauch Lip Tint, ein bisschen deutlicher als gestern.

Ich sah mich an.

Nicht perfekt.

Aber echt.

Und vielleicht sogar ein bisschen süß.

Allein diesen Gedanken zuzulassen, fühlte sich schon verboten an. Als müsste sofort jemand aus einer Ecke springen und sagen: „Entschuldigung, so darfst du dich nicht sehen.“ Aber niemand sprang. Nur ich stand da, mit klopfendem Herzen und einer kleinen Tasche über der Schulter.

Milan wartete schon vor dem Café.

Er trug eine dunkle Jacke, die Hände in den Taschen, und als er mich sah, lächelte er sofort. Nicht groß. Nicht übertrieben. Aber ehrlich.

„Hey“, sagte er.

„Hey“, sagte ich zurück, und natürlich war meine Stimme ungefähr eine halbe Oktave unsicherer als geplant.

Sein Blick glitt kurz über mein Outfit, blieb aber nicht unangenehm hängen. Er sah einfach hin, als würde er etwas Schönes bemerken.

„Der Stil entwickelt sich“, sagte er.

Ich wurde sofort rot. „Ich experimentiere wissenschaftlich.“

„Aha. Feldstudie?“

„Sehr seriös.“

„Dann bin ich wohl Testperson?“

„Vielleicht.“

Wir gingen erst ein Stück durch die Stadt. Es war kühl, aber nicht unangenehm. Die Straßen glänzten noch leicht vom Regen, und in den Schaufenstern spiegelten sich die Lichter. Irgendwie war alles wie gestern, nur größer. Jeder Schritt neben ihm fühlte sich gleichzeitig normal und völlig verrückt an.

Wir redeten über Musik, über alte Lieblingsspiele, über peinliche Kindheitsphasen und darüber, wie schwer es ist, online einen Namen zu wählen, der nicht nach 2012 klingt. Er erzählte, dass er früher immer dachte, er müsse besonders hart, besonders souverän, besonders unberührbar wirken. Ich sagte, dass ich früher dachte, ich müsste möglichst unsichtbar sein.

Da wurde er kurz still.

„Und heute?“, fragte er.

Ich sah auf den Boden. „Heute versuche ich, nicht mehr ganz so sehr zu verschwinden.“

Er nickte langsam.

„Gelingt dir.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Also sagte ich nichts. Manchmal ist Schweigen besser, weil Worte sonst nur stolpern würden.

Später landeten wir doch wieder im Café. Derselbe Tisch war frei. Unser Tisch, dachte ich, und erschrak über mich selbst. Man kann doch nach zwei Treffen noch keinen Tisch besitzen. Aber mein Herz war anderer Meinung.

Milan bestellte Tee, ich einen Cappuccino. Und diesmal blieb mein Stift in meiner Tasche. Sicher ist sicher.

„Schreibst du wirklich Tagebuch?“, fragte er irgendwann.

Ich verschluckte mich fast. „Wie kommst du darauf?“

„Gestern. Dein Notizbuch. Du hast geschrieben, als wäre die Welt kurz leiser geworden.“

Ich sah auf meine Tasse. „Manchmal schreibe ich Dinge auf, die ich laut nicht so gut sagen kann.“

„Über mich?“

Er sagte es mit einem Grinsen, aber ganz leicht. Nicht drängend.

Ich grinste zurück. „Vielleicht bist du schon als Nebenfigur erwähnt.“

„Nur Nebenfigur? Hart.“

„Du musst dir die Hauptrolle erst verdienen.“

Er lehnte sich zurück, als hätte ich ihn ernsthaft herausgefordert. „Okay. Challenge accepted.“

Und wieder dieses Lachen. Dieses leichte, warme Lachen zwischen uns, das sich anfühlte wie ein Ort, an dem ich bleiben könnte.

Irgendwann, als wir beide kurz nichts sagten, legte er seine Hand auf den Tisch. Nicht aufdringlich. Nicht direkt nach meiner. Nur da. Offen. Ruhig. Als würde er mir die Entscheidung lassen, ob ich die kleine Entfernung zwischen uns überbrücken wollte.

Ich sah seine Hand an.

Dann meine.

Meine Finger waren kalt.

Mein Herz nicht.

Ganz langsam legte ich meine Hand neben seine. Erst nur daneben. So nah, dass sich unsere kleinen Finger fast berührten. Ich wartete darauf, dass ich Panik bekam. Dass ich mich zurückzog. Dass irgendeine innere Stimme mir sagte, ich würde zu viel sein.

Aber es passierte nicht.

Milan bewegte seinen kleinen Finger ein winziges Stück.

Unsere Finger berührten sich.

Nur kurz.

Und trotzdem wurde alles in mir still.

Es war kein großer Moment für die Welt. Niemand im Café drehte sich um. Keine Musik setzte ein. Die Bedienung brachte irgendwo einen Kuchen. Ein Löffel klirrte. Draußen fuhr ein Bus vorbei.

Aber für mich war es, als hätte jemand eine Tür geöffnet.

Nicht weit.

Nur einen Spalt.

Aber dahinter war Licht.

Als wir uns später verabschiedeten, war es schon dunkel. Vor dem Café standen wir wieder in dieser kleinen Pause, die irgendwie schon zu uns gehörte. Milan sah mich an, und ich merkte, dass ich heute weniger ausweichen wollte.

„Ich fand das wieder schön“, sagte er.

„Ich auch.“

„Sehr wissenschaftlich schön?“

Ich musste lachen. „Extrem seriös ausgewertet.“

Er kam einen halben Schritt näher. Nicht zu nah. Nur nah genug, dass ich seine Wärme spürte.

„Dann sollten wir die Studie fortsetzen.“

Ich nickte. „Unbedingt.“

Für einen Moment dachte ich, er würde mich küssen. Oder ich ihn. Oder das Universum würde endlich mal klare Regieanweisungen geben. Aber stattdessen lächelte er nur, hob kurz die Hand zum Abschied und ging.

Und weißt du was, Tagebuch?

Ich war nicht enttäuscht.

Vielleicht hätte ein Kuss den Moment perfekt gemacht. Vielleicht aber auch zu schnell. So blieb da dieses Knistern, dieses Versprechen, dieses zarte Vielleicht.

Zu Hause zog ich meine Strickjacke nicht sofort aus. Ich setzte mich aufs Bett, nahm mein Notizbuch und schrieb diesen Eintrag fast in einem Zug.

Meine Hand zittert immer noch ein bisschen.

Nicht vor Angst.

Eher vor Aufregung.

Heute habe ich Milans Finger berührt.

Nur kurz.

Aber manchmal reicht eine winzige Berührung, damit man merkt, dass man gar nicht so allein ist, wie man dachte.

Gute Nacht, liebes Tagebuch.

Morgen bin ich vielleicht wieder unsicher.

Aber heute fühle ich mich gesehen.


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