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Schwul, heiß und plötzlich nicht mehr allein Geschichte

Geschichte von 3 schwulen Männern

Als Tarek an diesem Freitagabend die Wohnungstür hinter sich zuzog, war ihm bereits klar, dass er eigentlich zu Hause hätte bleiben sollen.

Nicht weil er keine Lust auf Menschen hatte. Das wäre sogar die angenehmere Erklärung gewesen. Nein, er hatte Lust auf Menschen. Auf Stimmen, auf Lichter, auf Musik, auf diesen warmen Sommerabend, der selbst die grauesten Straßenecken weicher aussehen ließ. Das Problem war nur, dass er in letzter Zeit auf eine ganz bestimmte Art Lust auf Menschen hatte. Genauer gesagt auf Männer. Auf Blicke, die einen eine Sekunde zu lang streiften. Auf dieses kleine, verräterische Herzklopfen, wenn man merkte, dass Interesse nicht nur eingebildet war. Auf Nähe, die nicht organisiert wirkte, sondern einfach passierte.

Und genau das war unerquicklich.

Denn Tarek war achtundzwanzig, vernünftig genug, um zu wissen, dass Sommernächte selten die besten Entscheidungen hervorbrachten. Tagsüber arbeitete er in einer kleinen Architekturagentur, zeichnete Linien, plante Räume und verbrachte erschreckend viel Zeit damit, anderen Leuten ihre Vorstellungen von Licht, Luft und Offenheit zu erklären, während sein eigenes Liebesleben eher aus halbfertigen Grundrissen bestand. Nicht komplett leer, aber auch nicht bewohnbar.

Seine Schwester sagte gern, Tarek sehe aus wie ein Mann, der jederzeit verliebt sein könnte und genau deshalb aufpasse, dass es bloß nicht passierte.

Er hatte nie gewusst, ob das beleidigend oder treffsicher war.

Heute jedenfalls hatte sein Freund Ben ihn fast gewaltsam überredet, mit in eine Bar zu kommen, die auf einem Dach über der Stadt lag. „Nur zwei Drinks“, hatte Ben gesagt. „Ein bisschen Luft, ein bisschen Sommer, ein bisschen Leben. Du wirkst seit Wochen, als würdest du auf die Pause-Taste drücken.“

Tarek hatte geantwortet, dass er einfach viel arbeite.

Ben hatte ihn angesehen und nur gemeint: „Ja. Und ich bin ein sehr kleiner Elefant.“

Jetzt stand Tarek also im Treppenhaus, fuhr sich mit einer Hand durch die dunklen Haare und überprüfte im Spiegel seines Handys, ob das schwarze T-Shirt unter dem offenen Hemd gut oder zu gewollt wirkte. Er entschied sich für gut genug, steckte das Handy weg und ging los.

Die Bar war auf dem Dach eines alten Bürogebäudes, das tagsüber so aussah, als würden darin Menschen über Steuerfragen streiten. Nachts jedoch führte ein enger Aufzug hoch zu einer offenen Terrasse mit Lampenketten, langen Holztischen, Palmen in Kübeln und dem Blick über eine Stadt, die in goldenem Licht flimmerte. Unten rauschten Autos, weiter hinten blinkte ein Kirchturm, und am Himmel hing noch der letzte Rest von Abendblau.

Ben war natürlich schon da, lehnte mit einem Drink an der Brüstung und grinste so breit, als habe er persönlich den Sonnenuntergang bestellt.

„Du hast es geschafft“, sagte er.

„Ich komme ungern zu spät.“

„Nein, du kommst ungern.“

Tarek zog eine Braue hoch. „Schön. Schon direkt zu Beginn beleidigend.“

„Nicht beleidigend. Beobachtend.“

Ben reichte ihm ein Glas. „Gin Tonic. Ich habe dir vertraut.“

Tarek nahm den Drink. „Das ist riskant.“

„Ich bin ein mutiger Mann.“

Sie standen eine Weile am Rand der Terrasse, tranken und redeten über Belangloses. Über eine Kollegin von Ben, die ihren Ex zurückwollte und dafür plötzlich mit Astrologie angefangen hatte. Über Tareks Chef, der in Grundrissen Dinge entdeckte, die physikalisch gar nicht existierten. Über das Wetter. Über Musik. Über alles, was ungefährlich war.

Die Bar füllte sich weiter. Zwei Frauen in hellen Kleidern lachten am Tisch hinter ihnen, irgendwo klirrten Eiswürfel, aus den Lautsprechern kam ein Song mit tiefer Basslinie und träger Sommermelodie. Es roch nach Zitronenschalen, Parfum, warmem Holz und dieser seltsamen Mischung aus Stadt und Nacht, die alles ein bisschen nach Möglichkeit schmecken ließ.

Tarek war gerade halb dabei zuzugeben, dass die Aussicht tatsächlich ziemlich gut war, als Ben mitten im Satz stockte und mit einem Blick an ihm vorbei sah.

„Oh“, sagte er.

Tarek kannte dieses Oh. Es war Bens Tonfall für alles, was entweder teuer, attraktiv oder sozial unerquicklich werden konnte.

„Was?“, fragte Tarek.

Ben nahm einen Schluck und antwortete dann viel zu neutral: „Nichts. Nur ein Mann.“

Tarek verdrehte die Augen. „Herzlichen Glückwunsch. Du bist in einer Bar. Da kommt das vor.“

„Ja, aber der hier…“

Ben hob kaum sichtbar das Kinn, und obwohl Tarek sich vorgenommen hatte, auf keinen Fall sofort hinzusehen, tat er genau das.

Am anderen Ende der Terrasse, halb im Licht einer Lampe und halb im dunkleren Schatten dahinter, stand ein Mann allein am Tresen. Groß, helles Leinenhemd, gebräunte Unterarme, dunkles Haar, das aussah, als wäre es nie ganz geschniegelt und genau deshalb unfair gut. Er sprach gerade mit dem Barkeeper, lachte kurz über irgendetwas und drehte sich dabei leicht zur Seite.

Das Profil traf Tarek so unmittelbar, dass er augenblicklich so tat, als interessiere ihn die Skyline brennend.

„Bitte sag nichts“, murmelte er.

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Dein Gesicht schreit bereits.“

Ben grinste. „Nur, damit wir das korrekt einordnen. Du hast ihn also auch gesehen.“

Tarek nippte an seinem Drink. „Es gibt dort offensichtlich einen Mann. Ja.“

„Und?“

„Und was?“

„Oh, komm schon. Du bist sonst nicht so auffällig still.“

Tarek atmete langsam durch. Das war das Problem mit Freunden, die einen lange genug kannten. Sie brauchten nicht viel. Einen halben Blick. Einen minimal anderen Tonfall. Eine zu genau gewählte Gleichgültigkeit.

„Er ist attraktiv“, sagte Tarek schließlich.

Ben strahlte, als hätte Tarek soeben vor Zeugen ein Verbrechen gestanden. „Siehst du.“

„Bitte benimm dich nicht wie ein Labrador.“

„Ich bin lediglich froh, dass dein Kreislauf noch funktioniert.“

Tarek stieß ihn leicht mit dem Ellbogen an, was Ben nur noch amüsierter machte.

Der Mann am Tresen hatte inzwischen sein Getränk bekommen und ging langsam über die Terrasse in Richtung der freien Tische. Tarek versuchte, nicht noch einmal hinzusehen. Er versuchte es so auffällig, dass Ben leise lachte.

„Du bist wirklich schlimm“, murmelte Tarek.

„Nein, du bist heiß und plötzlich nicht mehr allein.“

Tarek drehte den Kopf. „Was?“

Ben hob unschuldig die Schultern. „Klang wie ein billiger Buchtitel. Aber irgendwie passend.“

Tarek wollte gerade etwas erwidern, da hörte er rechts von sich eine Stimme.

„Entschuldigung, ist hier noch frei?“

Tarek drehte sich um.

Natürlich war er es.

Von nahem war der Mann noch schlimmer. Nicht geschniegelt perfekt, eher auf eine Weise attraktiv, die lebendig wirkte. Ein markanter Mund, dunkle Augen, die sofort aufmerksam aussahen, leicht gebräunte Haut und diese Art zu stehen, bei der man merkte, dass jemand keinen Raum einnahm, um Eindruck zu machen, sondern weil sein Körper einfach wusste, wohin er gehörte.

Er hielt ein Glas in der Hand und deutete mit einem Blick auf die zwei freien Stühle an ihrem Tisch.

Ben warf Tarek innerhalb einer halben Sekunde einen Blick zu, der ungefähr bedeutete: Wenn du das jetzt ruinierst, kann ich dir nicht mehr helfen.

„Ja“, sagte Tarek. „Klar.“

„Danke.“

Der Mann setzte sich. Nicht direkt neben Tarek, sondern schräg gegenüber. Genau weit genug, um höflich zu sein. Genau nah genug, dass Tarek sein Parfum wahrnahm, warm und sauber, mit etwas Holz und etwas Sommer darin.

Ben brauchte ungefähr sieben Sekunden, um sich einzumischen. „Ich bin Ben.“

Der Fremde lächelte. „Jonah.“

Tarek hasste, wie gut der Name passte.

„Tarek“, sagte er und hob sein Glas leicht an.

„Freut mich.“

Dieses Freut mich war unerquicklich ruhig. Nicht geschniegelt, nicht aufgesetzt, eher so, als würde Jonah tatsächlich meinen, was er sagte.

Sie kamen ins Gespräch, zuerst zu dritt, dann immer mehr so, dass Ben nur noch gelegentlich etwas einwarf, während Jonah und Tarek sich fast automatisch miteinander verknoteten. Jonah arbeitete als Fotograf, allerdings nicht für Hochzeiten oder geschniegelt inszenierte Kampagnen, wie Tarek zunächst vermutete, sondern viel für Reportagen, Magazine und manchmal auch freie Projekte. Er war erst vor einem halben Jahr wieder in die Stadt gezogen, nachdem er länger in Lissabon gelebt hatte. Er sprach nicht schnell, aber aufmerksam, und jedes Mal, wenn Tarek etwas sagte, hatte er das seltsame Gefühl, wirklich gehört zu werden.

„Architektur also“, sagte Jonah und drehte langsam das Glas in der Hand. „Das erklärt einiges.“

Tarek hob die Brauen. „Was denn genau?“

„Du schaust dich so um, als würdest du innerlich ständig Räume vermessen.“

Ben prustete in sein Getränk.

Tarek sah Jonah an. „Das ist eine erstaunlich unhöfliche Analyse für jemanden, den ich seit vier Minuten kenne.“

Jonahs Mund zuckte. „Dann formuliere ich um. Du wirkst aufmerksam. Sehr sogar.“

„Das ist nur die elegante Variante.“

„Ich bin Fotograf. Wir arbeiten mit Varianten.“

Ben räusperte sich theatralisch. „Ich werde mir noch einen Drink holen.“

Tarek warf ihm einen Blick zu, der bedeutete bleib hier, du Verräter. Ben antwortete nur mit einem Lächeln, das bedeutete absolut nicht, und verschwand Richtung Bar.

So saßen sie plötzlich zu zweit da.

Für einen winzigen Moment hätte es unerquicklich werden können. Dieses klassische erste Schweigen, in dem beide prüfen, ob das Gespräch nur mit Beistand funktionierte oder auch allein. Doch genau das passierte nicht. Jonah lehnte sich leicht zurück, sah Tarek an und sagte:

„Dein Freund hält nicht viel von subtiler Zurückhaltung, oder?“

Tarek lachte. „Er hält sie für Zeitverschwendung.“

„Verstehe.“

„Und du?“

Jonah nahm einen Schluck. „Ich kann subtil sein. Wenn es sich lohnt.“

Tarek schüttelte leicht den Kopf. „Das war schon wieder so ein Satz.“

„Was für einer?“

„Einer, der absichtlich lässig klingt, aber trotzdem hängen bleibt.“

Jonah lächelte langsam. „Dann scheint er funktioniert zu haben.“

Die Musik wechselte, tiefer Bass, langsamer Beat. Um sie herum wurde es voller, wärmer, lauter. Aber zwischen ihnen war plötzlich etwas ganz Merkwürdiges ruhig. Nicht still. Ruhig. Als würde der Rest der Bar vorhanden bleiben, aber nicht mehr wirklich wichtig sein.

„Bist du oft hier?“, fragte Jonah.

„Nein“, sagte Tarek. „Eigentlich gehe ich selten aus. Zumindest nicht so.“

„So?“

Tarek zuckte leicht mit den Schultern. „Sommerabend. Dachterrasse. Menschen, die besser aussehen, als sie wahrscheinlich sollten.“

Jonah sah ihn an. „Und trotzdem bist du gekommen.“

„Mein Freund ist hartnäckig.“

„Gut für ihn.“

„Und für dich?“

Jonah hielt seinen Blick. „Möglicherweise.“

Das machte Tarek viel zu warm. Nicht nur wegen des Drinks oder des Sommers. Es war eher dieses langsame, angenehme Steigen von Aufmerksamkeit, wenn man spürte, dass Flirten nicht nur auf einer Seite stattfand.

Ben kam mit zwei neuen Getränken zurück, stellte eines vor Tarek ab und setzte sich mit so übertriebener Unschuld, dass Tarek ihn am liebsten angestarrt hätte.

Jonah nahm das hin, als wäre es der natürlichste Lauf der Dinge. Und irgendwie war es das vielleicht auch. Das Gespräch wurde leichter, freier. Sie redeten über Reisen, über schlechte Musik in guten Bars, über peinliche erste Jobs. Jonah erzählte von einem Sommer, in dem er mit zwanzig als Kellner gearbeitet und beinahe täglich Tabletts fallen gelassen hatte. Tarek gestand, dass er früher dachte, er müsse immer besonders kontrolliert wirken, um ernst genommen zu werden.

„Und heute?“, fragte Jonah.

Tarek ließ den Eiswürfel in seinem Glas kreisen. „Heute weiß ich immerhin, dass Kontrolle meistens überschätzt wird.“

„Das klingt nach Fortschritt.“

„Eher nach Müdigkeit.“

Jonah lächelte kaum merklich. „Müdigkeit macht manche Menschen interessanter.“

„Ist das ein Kompliment?“

„Fragst du immer nach?“

„Nur wenn ich unsicher bin.“

Jonah lehnte sich ein wenig vor. „Dann ist es eins.“

Ben sah zwischen ihnen hin und her, stellte sein Glas ab und sagte plötzlich: „Ich muss kurz telefonieren.“

Tarek starrte ihn an. „Natürlich musst du das.“

„Leider ja“, sagte Ben, stand auf und war schon weg.

Jonah sah ihm nach. Dann zurück zu Tarek. „Er ist wirklich sehr subtil.“

Tarek lachte, diesmal ehrlich. „Gar nicht.“

„Mag ich.“

„Ich auch. Meistens.“

Sie blieben noch eine Weile auf der Terrasse. Irgendwann war die Stadt unter ihnen fast nur noch Licht und Wärme. Der Himmel war dunkel geworden, tiefblau über schwarz, und der Wind auf dem Dach hatte etwas Träges, das die nackten Arme kühl und die Gedanken langsamer machte.

Tarek merkte erst spät, wie selbstverständlich er aufgehört hatte, an alles andere zu denken. An die Arbeit. An den Morgen. An den Umstand, dass er eigentlich selten so schnell mit Fremden warm wurde. Oder vielleicht waren sie längst keine Fremden mehr. Nicht ganz.

„Willst du kurz mitkommen?“, fragte Jonah irgendwann.

Tarek sah auf. „Wohin?“

Jonah deutete Richtung Brüstung, hinter der sich ein kleinerer, dunklerer Bereich des Dachs befand, mit weniger Leuten und etwas Abstand vom Lärm.

„Da hinten ist es ruhiger. Man kann die Stadt besser sehen.“

Tarek hätte nein sagen können. Es wäre nicht einmal unnatürlich gewesen. Ein höfliches Vielleicht später, ein leichtes Ausweichen, ein weiterer Drink, noch etwas Luft zwischen sich und diesem Mann, der es in erstaunlich kurzer Zeit geschafft hatte, ihm die sorgfältig gepflegte Distanz aus der Haltung zu schrauben.

Stattdessen sagte er: „Okay.“

Der kleinere Teil der Dachterrasse lag ein wenig abseits. Nur zwei andere Leute standen dort ganz vorne am Geländer, leise redend, und weiter hinten brannte eine einzelne Lampe über einer dunklen Sitzecke. Die Luft war hier kühler, freier. Unten zog die Stadt in Lichtadern durch die Nacht.

Jonah stellte sein Glas auf die Mauer und lehnte sich mit den Unterarmen darauf. Tarek tat es ihm gleich. Für ein paar Sekunden sagten beide nichts.

Es war kein unangenehmes Schweigen. Eher ein konzentriertes.

„Das ist wirklich schön“, sagte Tarek schließlich.

Jonah nickte. „Ja.“

„Fast zu schön für eine spontane Idee.“

„Ich gebe ungern schlechte Kulissen ab.“

Tarek drehte den Kopf zu ihm. „War das von Anfang an dein Plan?“

„Welcher Teil?“

„Dich an unseren Tisch setzen. Mit mir sprechen. Dann so tun, als wäre das alles völlig ungezwungen.“

Jonah sah ihn an, nicht ertappt, eher amüsiert. „Ich habe mich an den Tisch gesetzt, weil er frei war.“

„Aha.“

„Und mit dir gesprochen, weil du interessant aussahst.“

„Interessant?“

„Du standest vorhin an der Brüstung, als würdest du gleichzeitig hier sein wollen und jederzeit verschwinden können.“

Tarek schwieg.

Jonah fuhr mit dem Daumen am Glasrand entlang. „Das fand ich gut.“

Tarek lächelte schief. „Du klingst, als würdest du selten zögern.“

„Ich zögere dauernd. Ich lasse es mir nur nicht immer anmerken.“

„Das beruhigt mich nicht.“

„Muss es auch nicht.“

Wieder diese Ruhe. Wieder dieses Gefühl, dass um sie herum alles existierte, aber nicht mehr wirklich Gewicht hatte. Tarek spürte, wie er Jonah ansah und wie unerquicklich wenig Lust er hatte, damit aufzuhören.

Jonah bemerkte es natürlich.

„Du schaust mich jetzt schon eine Weile so an“, sagte er leise.

„Wie denn?“

„Als würdest du etwas abwägen.“

Tarek drehte den Blick kurz zur Stadt. „Vielleicht tue ich das.“

„Und?“

„Und ich komme zu keinem besonders vernünftigen Ergebnis.“

Jonah trat nicht näher. Er blieb einfach dort stehen, offen genug, dass Tarek jeden nächsten Schritt selbst hätte gehen können.

„Vernünftig ist selten das Spannendste“, sagte er.

Tarek lachte ganz leise. „Du machst es einem nicht leicht.“

„Das höre ich öfter.“

„Bestimmt mit Absicht.“

Jonah schwieg kurz. Dann fragte er: „Willst du etwas Ehrliches hören?“

Tarek nickte.

„Als ich vorhin rübergeschaut habe, dachte ich zuerst nur, dass du gut aussiehst. Dann hast du gelacht, und ich wusste sofort, dass ich den Abend lieber in deiner Nähe verbringe als irgendwo sonst auf dieser Terrasse.“

Tarek spürte augenblicklich, wie seine sorgfältig aufgebaute Fassung weicher wurde. So etwas traf ihn immer dann am stärksten, wenn es ohne Pathos gesagt wurde. Ohne große Geste. Einfach klar.

„Das ist ziemlich direkt“, murmelte er.

Jonah lächelte nur. „Ich habe nie behauptet, schwierig zu sein.“

„Nein“, sagte Tarek. „Nur gefährlich.“

Jonahs Blick wurde wärmer. „Für dich?“

Tarek antwortete nicht sofort. Stattdessen stellte er sein Glas ebenfalls auf der Mauer ab und verschränkte die Arme locker vor der Brust, eher um nicht aus Versehen etwas zu Deutliches zu tun.

„Vielleicht“, sagte er dann.

„Ist das schlimm?“

„Kommt darauf an.“

„Worauf?“

Tarek drehte den Kopf ganz zu ihm. „Ob ich mir das nur einbilde.“

Jonah sah ihn an, so direkt, dass Tarek für einen Moment das Gefühl hatte, der Rest der Welt wäre in den Hintergrund gerückt.

„Nein“, sagte Jonah ruhig. „Das bildest du dir nicht ein.“

Da war er. Der Satz, der alles änderte.

Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber klar genug, dass Tarek sofort wusste, dass er sich nicht mehr in Höflichkeit verstecken konnte. Dass dieses Flirren zwischen ihnen nicht nur Sommernacht, gute Aussicht und zwei Drinks zu viel war. Es war echt. Klein vielleicht. Neu auf jeden Fall. Aber echt.

„Okay“, sagte Tarek leise.

Jonah hob minimal die Brauen. „Okay gut? Oder okay problematisch?“

Tarek musste lächeln. „Beides.“

Jonah nickte, als sei das eine durchaus vernünftige Antwort.

Sie schwiegen wieder. Und in diesem Schweigen passierte mehr als in manchem ganzen Gespräch. Tarek spürte die Kühle des Nachtwinds auf der Haut, die Wärme des Drinks in sich und darüber hinweg diese andere, langsamere Wärme, die ganz eindeutig von dem Mann neben ihm ausging.

„Ich habe in letzter Zeit niemanden kennengelernt, mit dem ich mich nach einer Stunde schon so wenig allein fühle“, sagte Tarek plötzlich.

Er wusste nicht einmal genau, warum er es aussprach. Vielleicht, weil die Nacht weich genug war. Vielleicht, weil Jonah nicht wie jemand wirkte, der mit Ehrlichkeit leichtfertig umging.

Jonah drehte sich ein Stück mehr zu ihm. „Das ist ein ziemlich gutes Kompliment.“

„Es war nicht als Kompliment geplant.“

„Noch besser.“

Tarek lachte leise und senkte kurz den Blick. „Du bist unerträglich.“

„Nur mit den richtigen Leuten.“

„Aha. Exklusiv unerquicklich also.“

„So ungefähr.“

Die beiden Leute am Geländer gingen weg. Nun waren sie allein auf diesem kleinen Teil des Dachs. Nur die Lampe hinten, die Stadt vor ihnen und das tiefe, sommerwarme Dunkel dazwischen.

Jonah hob langsam die Hand, strich sich einmal durchs Haar und sagte dann so ruhig, als frage er nach der Uhrzeit: „Darf ich noch etwas Ehrliches sagen?“

Tarek nickte.

„Ich denke seit ein paar Minuten darüber nach, dich zu küssen.“

Tarek atmete ein. Mehr passierte im ersten Moment nicht. Keine große Bewegung. Kein Zurückweichen. Nur dieser kurze, fast elektrisierende Stillstand, wenn ein Gedanke, den man selbst längst hatte, plötzlich laut wird.

„Das ist sehr ehrlich“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Und wenn ich sage, dass ich denselben Gedanken hatte?“

Jonahs Mund zuckte. „Dann wäre das überraschend praktisch.“

Tarek schüttelte mit einem kurzen Lachen den Kopf. „Du klingst, als würdest du über Wetter reden.“

„Nein“, sagte Jonah. „Beim Wetter bin ich weniger nervös.“

Das überraschte Tarek. Nicht die Nervosität selbst. Sondern dass Jonah sie zugab. Es machte ihn augenblicklich echter. Nahbarer. Gefährlicher.

„Du bist nervös?“, fragte Tarek.

„Ja.“

„Sieht man nicht.“

„Gut.“

Tarek sah ihn an. Dann sagte er leise: „Mir schon.“

Das veränderte etwas in Jonahs Blick. Eine kleine Verschiebung, aber deutlich genug.

Er trat einen halben Schritt näher. Nicht mehr.

„Dann sollte ich vielleicht aufhören zu reden“, murmelte er.

Tarek nickte kaum merklich. „Vielleicht.“

Der Kuss kam langsam. Genau das war es, was ihn so intensiv machte. Jonah gab ihm jeden Augenblick die Möglichkeit, zurückzugehen, und gerade deshalb tat Tarek es nicht. Als Jonahs Hand ganz leicht an seine Wange glitt, war da erst nur Wärme. Dann der erste vorsichtige Kontakt, weich und ruhig. Kein Hastiges, nichts Ungeklärtes. Eher ein Ankommen.

Tarek küsste zurück, erst behutsam, dann mit dieser wachsenden Sicherheit, die aus dem Wissen kam, dass er sich wirklich nicht getäuscht hatte. Jonah trat noch ein wenig näher, bis Tarek die Wärme seines Körpers spüren konnte, obwohl die Nachtluft kühl war. Für ein paar Sekunden war alles andere weg. Die Terrasse. Die Musik. Der Lärm. Sogar das Denken.

Als sie sich lösten, blieb Jonah nah genug, dass Tarek seinen Atem spürte.

„Okay“, sagte Jonah leise. „Jetzt verstehe ich das mit der Gefahr.“

Tarek lachte atemlos. „Zu spät.“

Jonah lächelte. „Ja.“

Sie küssten sich noch einmal. Kürzer. Vertrauter, obwohl das eigentlich unmöglich schnell ging. Danach lehnte Tarek die Stirn ganz kurz gegen Jonahs Schulter, mehr aus einem plötzlichen Übermaß an Gefühl als aus Müdigkeit. Jonah hob eine Hand an seinen Rücken, ruhig, nicht besitzergreifend, einfach da.

Es war absurd, wie richtig sich das anfühlte.

Nach einer Weile gingen sie zurück zur größeren Terrasse. Ben sah sie schon von weitem kommen und schaffte es mit bewundernswerter Anstrengung, keine einzige Grimasse zu ziehen. Tarek wusste sofort, dass er später dafür büßen würde.

„Alles gut bei euch?“, fragte Ben unschuldig.

„Wir haben die Aussicht angesehen“, sagte Jonah.

Ben nickte. „Natürlich.“

Tarek trat ihm unter dem Tisch gegen den Knöchel. Ben nahm das ohne Protest hin, vermutlich, weil er innerlich bereits vor Genugtuung platzte.

Später wurde es spät. Die Musik war lauter, die Luft milder, die Drinks weniger wichtig. Jonah blieb. Tarek blieb auch. Ben verabschiedete sich irgendwann mit dem Satz: „Ich sehe, mein Werk ist getan“, kassierte dafür einen vernichtenden Blick von Tarek und verschwand gut gelaunt im Aufzug.

Danach war es wieder einfacher.

Jonah und Tarek standen noch lange an der Brüstung, redeten über alles, was plötzlich näher klang als noch vor ein paar Stunden. Über Reisen, die man wirklich machen wollte statt nur zu erwähnen. Über schlechte Angewohnheiten. Über Familien. Über die seltsame Art, wie manche Sommerabende einen überrumpelten.

„Ich hatte heute nicht vor, jemanden kennenzulernen“, sagte Tarek irgendwann.

Jonah sah ihn an. „Ich auch nicht.“

„Und jetzt?“

Jonah nahm einen Schluck Wasser und antwortete erst dann. „Jetzt hoffe ich ziemlich deutlich, dass dieser Abend nicht einfach so endet und wir dann so tun, als wäre er nur nett gewesen.“

Tarek spürte bei dem Satz etwas tief in sich weich werden. Gerade weil Jonah nicht groß inszenierte. Nicht verführte um des Effekts willen. Sondern weil er klar war.

„Das würde ich auch ungern“, sagte Tarek.

Jonah lächelte langsam. „Gut.“

Es war fast zwei Uhr, als sie schließlich den Aufzug nach unten nahmen. Das Gebäude war unten still, die Straße dagegen noch warm vom Tag. Ein paar Leute lachten an der Ecke, ein Taxi rollte vorbei, irgendwo fuhr noch eine Straßenbahn.

„Wo musst du hin?“, fragte Jonah.

Tarek nannte seinen Stadtteil.

„Gar nicht so weit von mir“, sagte Jonah.

„Ist das praktisch oder verdächtig?“

„Das darfst du entscheiden.“

Sie gingen zusammen bis zur nächsten Kreuzung. Nicht schnell, nicht mit dem Pflichtgefühl eines Abschieds, eher in dem Tempo von Menschen, die beide noch keine Lust auf das Ende des Abends hatten.

An einer Ampel blieb Tarek stehen. Jonah auch. Das rote Licht färbte kurz die nasse Straße, dann sprang es wieder auf Gelb.

„Ich mag diesen Moment nie“, sagte Tarek.

„Welchen?“

„Wenn es eigentlich schön war und man plötzlich wieder normale Dinge sagen soll.“

Jonah nickte leicht. „Dann sag keine normalen Dinge.“

Tarek sah ihn an. Die Nacht war längst stiller geworden. Vielleicht lag genau darin ihre Ehrlichkeit.

„Okay“, sagte er. „Dann sage ich, dass ich dich morgen wiedersehen will.“

Jonahs Blick wurde für einen kurzen Augenblick so offen, dass Tarek es fast körperlich spürte.

„Gut“, sagte er leise. „Weil ich dich sonst gefragt hätte.“

Tarek lächelte. „Sehr selbstsicher.“

„Nur erleichtert.“

Sie küssten sich noch einmal an der Kreuzung, diesmal mitten im gelblichen Licht der Straßenlaterne, ohne Dachterrasse, ohne Aussicht, ohne Kulisse. Und vielleicht war gerade das der Moment, in dem Tarek zum ersten Mal begriff, dass es nicht die Nacht allein war, die alles so gut gemacht hatte. Sondern Jonah.

Am nächsten Tag trafen sie sich wieder. Dann zwei Tage später. Dann am Sonntagmorgen zum Kaffee, noch halb verschlafen, in einem kleinen Laden mit Tischen draußen auf dem Gehweg. Daraus wurde eine Woche, dann zwei. Es gab einen Filmabend, der in zu viel Reden und zu wenig Film endete. Ein Abendessen, bei dem Jonah kochte und behauptete, er könne improvisieren, was sich als charmant unpräzise Wahrheit herausstellte. Einen Spaziergang am Fluss. Einen verregneten Nachmittag in Jonahs Wohnung, in dem sie mehr aus dem Fenster sahen als hinausgingen.

Mit jeder Begegnung geschah etwas, das Tarek nicht erwartet hatte. Es wurde nicht enger im schlechten Sinn. Es wurde leichter. Nicht perfekt, nicht kitschig, einfach vertrauter. Die vorsichtige Seite in ihm meldete sich noch manchmal. Natürlich. Aber Jonah schien nie gegen sie zu kämpfen. Er war einfach da, bis sie von selbst leiser wurde.

Ein paar Wochen später standen sie wieder auf derselben Dachterrasse.

Diesmal nicht zufällig. Diesmal verabredet.

Die Luft war noch wärmer als beim ersten Mal. Die Stadt glühte unter ihnen, und irgendwo hinter den Häusern zuckten ferne Wetterlichter durch eine dunstige Sommernacht.

Jonah reichte ihm ein Glas. „Gin Tonic. Ich habe dir vertraut.“

Tarek lachte sofort. „Die Dreistigkeit.“

„Ich bin ein mutiger Mann.“

Tarek lehnte sich an die Brüstung und sah ihn an. „Weißt du eigentlich, dass ich an dem Abend fast nicht gekommen wäre?“

Jonah trat neben ihn. „Dann hätte ich mich vermutlich über eine seltsam unerklärliche schlechte Laune gewundert.“

„Sehr dramatisch.“

„Sehr ehrlich.“

Tarek schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Es fühlt sich immer noch ein bisschen unwirklich an.“

„Welcher Teil?“

Tarek blickte auf die Stadt hinunter. „Dass ich an diesem Abend eigentlich nur wegen Ben hier war. Und plötzlich standest du da. Und alles, was davor eher still war, war auf einmal nicht mehr still.“

Jonah sah ihn an. „Du meinst, du warst plötzlich nicht mehr allein.“

Tarek lächelte langsam. „Ja.“

Jonah stellte sein Glas ab, trat näher und legte eine Hand an seinen Nacken. Diese Geste war inzwischen vertraut, und gerade deshalb traf sie Tarek noch immer jedes Mal.

„Gut“, sagte Jonah leise. „Ich habe nämlich nicht vor, daran so bald etwas zu ändern.“

Tarek küsste ihn, bevor er antworten konnte. Langsam. Warm. Mit all dem, was in den Wochen zwischen ihnen gewachsen war. Unter ihnen lag die Stadt, offen und hell und sommertrunken. Über ihnen hing der Himmel schwer und dunkel. Und zwischen all dem standen sie, zwei Männer, die an einem ganz normalen Freitagabend etwas gefunden hatten, das sich zuerst wie Flirten und dann wie viel mehr angefühlt hatte.

Als sie sich lösten, musste Tarek lächeln.

„Ben hatte leider recht“, murmelte er.

Jonah hob eine Braue. „Womit?“

„Dass ich auf Pause gedrückt habe.“

„Und jetzt?“

Tarek strich mit dem Daumen über Jonahs Handgelenk. „Jetzt nicht mehr.“

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