Zwei schwule Männer allein draußen im Wald

Als Milan an diesem Samstagmorgen den Kiesweg zum Waldrand entlanglief, hatte er nicht vor, jemanden kennenzulernen.
Er hatte überhaupt nicht vor, mit irgendeinem Menschen zu sprechen.
Die Woche war lang gewesen, unerquicklich und laut. Zu viele Nachrichten, zu viele Anrufe, zu viele kleine Dinge, die sich in seinem Kopf wie schlecht sortierte Schubladen gestapelt hatten. Sein Chef hatte am Donnerstag noch schnell zwei Projekte vorgezogen, seine Schwester hatte ihn am Freitagabend gefragt, warum er eigentlich immer so wirke, als würde er gleichzeitig fliehen und bleiben wollen, und sein Handy hatte ihm die ganze Zeit das Gefühl gegeben, die Welt wolle etwas von ihm, ohne je genau zu sagen, was.
Deshalb war er früh aufgestanden, hatte sich einen Kaffee gemacht, den er halb im Stehen ausgetrunken hatte, eine dunkle Jacke übergeworfen und war aus der Stadt hinausgefahren. Nicht an einen spektakulären Ort. Kein Instagram-Wald mit Panoramablick und Lichtungen wie aus einem Werbespot. Einfach in das alte Forstgebiet südlich der Stadt, mit seinen schmalen Wegen, moosigen Stämmen und diesem stillen, beinahe ernsten Grün, das jede unnötige Hektik verschluckte.
Milan mochte Wälder, weil sie nichts von ihm wollten.
Er war neunundzwanzig, lebte allein in einer Altbauwohnung mit zu hohen Decken und zu wenigen Pflanzen, arbeitete als Mediengestalter und hatte sich in den letzten Jahren eine erstaunliche Begabung darin angeeignet, beschäftigt auszusehen, wenn er sich eigentlich nur vor Nähe drückte. Nicht aus Arroganz. Nicht, weil er keine Männer mochte. Eher im Gegenteil. Sobald ihm jemand wirklich gefiel, wurde er vorsichtig bis zur Lächerlichkeit.
Seine Freunde nannten ihn wählerisch.
Seine Schwester nannte ihn feige.
Milan selbst nannte es lieber Selbstschutz, obwohl er längst ahnte, dass es dafür ein etwas schöneres Wort sein musste als das, was es in Wahrheit war.
Er bog vom breiteren Hauptweg auf einen schmaleren Pfad ab, der zwischen hohen Tannen verschwand. Es roch nach nasser Erde und Rinde. Das Licht fiel nur in dünnen Streifen durch die Kronen. Ab und zu knackte irgendwo ein Ast, weiter hinten rief ein Vogel, und sonst war da nur diese dichte, ruhige Waldstille, die einen gleichzeitig kleiner und aufgeräumter machte.
Genau deswegen war er hier.
Kein Smalltalk. Keine Erwartungen. Kein lästiges Hin und Her auf dem Handy mit Männern, die „mal schauen“ schrieben und dann doch nur Komplimente sammelten wie andere Leute Parktickets. Keine halbherzigen Dates in Bars, bei denen beide nach zehn Minuten wussten, dass sie sich niemals wiedersehen würden, aber höflich noch zwei Getränke bestellten.
Nur Wald.
Milan zog die Hände tiefer in die Jackentaschen und lief weiter.
Nach etwa zwanzig Minuten merkte er, dass er nicht mehr ganz sicher war, auf welchem Weg er sich befand. Das beunruhigte ihn nicht besonders. Es war hell, sein Akku war fast voll und zur Not führte im Wald am Ende ohnehin jeder Pfad wieder irgendwohin. Trotzdem blieb er kurz stehen und sah sich um.
Links ein umgestürzter Baum, dessen Wurzeln wie ein aufgerissenes dunkles Maul aus dem Boden ragten. Rechts dichter Farn. Vor ihm zwei Abzweigungen. Eine leicht abschüssig, die andere fast zugewachsen.
„Perfekt“, murmelte er. „Genau deshalb gehe ich allein in unübersichtliche Waldstücke. Weil ich hervorragende Entscheidungen treffe.“
„Dann sind wir schon zwei.“
Milan fuhr so abrupt herum, dass sein Schuh im feuchten Laub wegrutschte.
Ein Mann stand vielleicht zehn Meter hinter ihm am Rand des Weges, eine Hand an den Trägern seines Rucksacks, in einer dunkelgrünen Jacke, mit leicht zerzausten braunen Haaren und einem Gesicht, das auf eine völlig unfaire Weise gleichzeitig freundlich und attraktiv wirkte.
Er war groß. Nicht einschüchternd groß, aber groß genug, dass Milan diesen Umstand sofort registrierte und sich dann dafür hasste.
Der Fremde hob beschwichtigend beide Hände. „Sorry. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Zu spät“, sagte Milan und fing sich wieder. „Ich dachte, ich bin hier allein.“
„Das dachte ich auch.“
Sie sahen sich einen Moment an. Es war kein unangenehmes Schweigen, aber auch kein besonders lockeres. Eher dieses erste Abtasten, wenn zwei Fremde gleichzeitig entscheiden, ob sie den anderen in Ruhe lassen oder weitersprechen wollen.
„Hast du dich verlaufen?“, fragte der Mann schließlich.
Milan verzog leicht das Gesicht. „Kommt darauf an, wie großzügig man das Wort auslegt.“
Ein kleines Grinsen erschien auf dem Gesicht des anderen. „Also ja.“
„Vielleicht.“
„Ich auch.“
Milan blinzelte. „Echt?“
„Echt. Ich bin einem Schild gefolgt, das entweder sehr alt oder böswillig war.“
Das brachte Milan wider Willen zum Lachen, nur kurz, aber deutlich genug, dass der andere sichtbar entspannter wurde.
„Na toll“, sagte Milan. „Zwei Genies im Wald.“
„Hat etwas Beruhigendes“, erwiderte der Mann. „Wenn einer von uns Panik bekommt, kann der andere so tun, als hätte er einen Plan.“
„Und wer übernimmt welchen Part?“
„Ich sehe gut aus unter Druck“, sagte der Fremde trocken. „Das qualifiziert mich für die Plan-Rolle.“
Milan hob eine Braue. „Aha. Bescheiden bist du auch.“
„Nur an Wochenenden nicht.“
Jetzt musste Milan wirklich lachen. Der andere lächelte, diesmal offener.
„Ich bin übrigens Levin“, sagte er.
„Milan.“
Sie gaben sich nicht die Hand, was Milan im Nachhinein seltsam fand, weil es normalerweise der natürliche nächste Schritt gewesen wäre. Vielleicht lag es daran, dass es sich im Wald übertrieben förmlich angefühlt hätte. Vielleicht auch daran, dass es mit Händen oft schnell konkret wurde, und das hier war bisher nur eine zufällige Begegnung.
Eine auffällig interessante zufällige Begegnung, korrigierte eine Stimme in seinem Kopf.
Levin nickte in Richtung des linken Pfades. „Ich glaube, da hinten müsste irgendwann wieder ein breiter Weg kommen. Zumindest, wenn ich die Karte vorhin richtig verstanden habe.“
„Und wenn nicht?“
„Dann irren wir stilvoll weiter.“
Milan sah an ihm vorbei in den Wald. Dann wieder zu ihm. Es war absurd, aber die Vorstellung, diesen fremden Mann jetzt einfach stehenzulassen und allein weiterzugehen, kam ihm plötzlich seltsam unerquicklich vor.
„Na gut“, sagte er. „Stilvoll verirren klingt besser als einsam.“
„Das ist die richtige Einstellung.“
Sie gingen los.
Anfangs war das Gespräch noch vorsichtig, locker und ein wenig sprunghaft. Levin fragte, ob Milan öfter hier sei. Milan antwortete, dass er meistens dann in den Wald flüchtete, wenn ihm Menschen zu viel wurden. Levin meinte, das sei ein ausgezeichnetes Motiv, er selbst gehe gern laufen oder wandern, je nachdem, ob er gerade Ruhe oder Bewegung brauche. Er sei eigentlich nur hier, weil ein Freund ihm die Route empfohlen habe und verschwiegen hätte, dass sein Orientierungssinn ungefähr auf Zimmerpflanzen-Niveau liege.
„Zimmerpflanzen finden wenigstens das Licht“, sagte Milan.
„Stimmt. Ich finde meistens nur Probleme.“
Levin war vielleicht ein Jahr oder zwei älter als Milan, schwer zu schätzen. Er hatte eine Stimme, die angenehm tief war, aber nicht geschniegelt. Mehr so, als würde sie leicht nachklingen. Seine Bewegungen wirkten ruhig, unaufgeregt, und gleichzeitig war da etwas an ihm, das Milan schon nach wenigen Minuten auffiel. Etwas Offenes. Eine Art, präsent zu sein, ohne sich aufzudrängen.
„Was machst du beruflich?“, fragte Levin, während sie unter tief hängenden Ästen hindurchgingen.
„Ich gestalte Kampagnen, Webseiten, viel visuelles Zeug“, sagte Milan. „Meistens sitze ich zu lange vor Bildschirmen und diskutiere mit Leuten darüber, warum Beige keine revolutionäre Markenfarbe ist.“
Levin grinste. „Das klingt überraschend aggressiv.“
„Es ist härter, als man denkt.“
„Ich bin Lehrer.“
Milan sah ihn an. „Wirklich?“
„Was soll das heißen?“
„Du wirkst nicht wie einer.“
„Wie wirkt denn ein Lehrer?“
„Ich weiß nicht. Etwas müder vielleicht.“
Levin lachte. „Gib mir Montagmorgen und zwei kaputte Drucker. Dann kriegst du den kompletten Effekt.“
„Welche Fächer?“
„Deutsch und Geschichte.“
„Okay“, sagte Milan langsam, „das passt irgendwie doch.“
„Danke, glaube ich.“
„Das war als Kompliment gemeint.“
Levin warf ihm einen Blick zu, halb neugierig, halb amüsiert. „Dann nehme ich es.“
Der Weg führte eine Weile bergab, dann über eine kleine, feuchte Senke mit glitschigen Wurzeln. Milan setzte den Fuß etwas schief auf und wäre beinahe ausgerutscht, fing sich aber in letzter Sekunde. Levin reagierte schneller, als Milan denken konnte, und packte ihn am Unterarm.
Nur kurz. Nicht dramatisch. Aber lange genug, dass Milan die Wärme seiner Hand spürte.
„Alles gut?“, fragte Levin.
„Ja“, sagte Milan etwas zu schnell.
Levin ließ los, sah ihn aber einen Moment länger an, als nötig gewesen wäre. „Wenn du dir hier was brichst, muss ich dich tragen. Und ich kenne dich noch nicht gut genug, um einzuschätzen, ob du dabei charmant oder unerträglich wärst.“
Milan schnaubte. „Definitiv unerträglich.“
„Immerhin ehrlich.“
Sie gingen weiter, doch irgendetwas hatte sich mit dieser kleinen Berührung verschoben. Vorher waren sie zwei sympathische Fremde gewesen, die zufällig denselben Weg suchten. Jetzt war da ein feiner, kaum sichtbarer Faden zwischen ihnen. Nicht groß genug, um daraus sofort eine Geschichte zu machen. Aber deutlich genug, dass Milan ihn bei jedem Blick aus dem Augenwinkel spürte.
Nach einer halben Stunde fanden sie noch immer keinen breiten Forstweg. Dafür entdeckten sie eine Lichtung, die eher ein unaufgeräumter Zwischenraum zwischen den Bäumen war, mit einem umgestürzten Stamm am Rand und einem alten, halb vermoosten Hinweisschild, dessen Pfeile in drei Richtungen zeigten, aber keine der Beschriftungen mehr lesbar war.
„Sehr hilfreich“, sagte Milan.
„Vielleicht ist es Kunst“, meinte Levin.
„Eine Installation namens Orientierung ist eine Illusion?“
„Würde ich mir anschauen.“
Levin setzte den Rucksack ab und zog eine Wasserflasche heraus. „Pause?“
Milan nickte und setzte sich auf den Stamm. Er war überrascht, wie selbstverständlich sich das anfühlte. Als würden sie nicht erst seit knapp einer Stunde nebeneinander herlaufen. Levin reichte ihm die Flasche. Milan zögerte einen Augenblick, nahm sie dann und trank.
„Danke.“
„Gern.“
Eine Weile hörten sie nur dem Wind zu, der durch die Kronen strich. Die Luft war kühl, aber nicht unangenehm. Es war diese Art von Kälte, die die Haut wach machte.
„Du bist allein hier raus?“, fragte Levin.
„Ja. Du auch.“
Levin nickte. „Ja.“
„Kein Date, keine Wandergruppe, keine Selbstfindung?“
„Selbstfindung hoffe ich zu vermeiden“, sagte Levin trocken. „Die trifft einen immer dann, wenn man am wenigsten Lust drauf hat.“
Milan lächelte. „Wahre Worte.“
Levin setzte sich neben ihn, nicht zu nah, aber auch nicht unnötig weit weg. „Und du? Warum allein?“
Milan sah nach vorn in die Bäume. Solche Fragen mochte er normalerweise nicht, zumindest nicht von Fremden. Aber Levin fragte nicht neugierig im Sinne von Ich will dich ausfragen. Eher offen, als könne Milan selbst entscheiden, wie weit er die Tür aufmachen wollte.
„Weil allein manchmal leichter ist“, sagte Milan schließlich. „Keine Erwartungen. Keine komischen Gespräche. Kein Eindruck, den man hinterlassen muss.“
Levin nickte langsam, als würde er die Antwort nicht nur hören, sondern irgendwo abgleichen.
„Und ist es leichter?“
Milan zog die Schultern leicht hoch. „Kurzzeitig. Langfristig vermutlich nicht.“
Levin lächelte kaum merklich. „Das klingt nach Erfahrung.“
„Leider ja.“
Wieder Stille. Diesmal weicher.
Levin drehte die geschlossene Flasche in seinen Händen. „Ich glaube, ich bin eher das Gegenteil. Ich gehe zu schnell auf Leute zu. Nicht immer laut, aber direkt. Und hinterher denke ich manchmal, dass ich es vielleicht langsamer hätte angehen sollen.“
„Weil?“
„Weil ich dann oft schon etwas fühle, während der andere noch überlegt, ob er meinen Nachnamen überhaupt wissen will.“
Milan warf ihm einen kurzen Blick zu. „Das klingt unerquicklich.“
„Ist es auch.“
Etwas an der Art, wie Levin das sagte, machte Milan still. Vielleicht, weil er plötzlich begriff, dass die Offenheit dieses Mannes nicht bloß Leichtigkeit war. Sie hatte einen Preis.
„Dann sind wir offenbar sehr unterschiedlich“, sagte Milan.
Levin sah ihn an. „Oder sehr gleich, nur in entgegengesetzter Richtung.“
Milan hätte darauf etwas Kluges sagen können. Stattdessen schaute er zu lange in Levins Gesicht. Zu seinen Augen. Zu dem schmalen Schatten von Bart an seinem Kinn. Zu seinem Mund, der selbst im Ruhezustand aussah, als wäre er kurz davor, zu lächeln oder etwas Unverschämtes zu sagen.
Levin merkte es natürlich.
„Du schaust mich schon eine Weile so an“, sagte er ruhig.
Milan blinzelte. „Wie denn?“
„Als hättest du gerade einen Gedanken, den du nicht laut sagen willst.“
Milan lachte leise, um Zeit zu gewinnen. „Vielleicht habe ich mehrere.“
„Das macht’s nur interessanter.“
Die Luft zwischen ihnen veränderte sich. Es war nicht viel. Nur ein halber Ton tiefer, ein wenig dichter. Milan spürte plötzlich sehr deutlich, wie nah Levin tatsächlich saß.
„Und du?“, fragte Milan. „Hast du auch Gedanken, die du nicht laut sagst?“
Levin neigte den Kopf leicht. „Ja.“
„Zum Beispiel?“
Levin sah kurz in den Wald hinaus, dann wieder zu Milan. „Zum Beispiel, dass ich normalerweise nicht im Wald mit einem attraktiven Mann auf einem Baumstamm sitze und hoffe, dass der Tag noch länger dauert.“
Milan war dankbar, dass es im Wald niemanden gab, der sehen konnte, wie warm sein Gesicht wurde.
„Das war ziemlich direkt“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Du hast vorhin nicht zu viel versprochen.“
„Womit?“
„Dass du unter Druck gut aussiehst.“
Levin lachte, richtig diesmal, und dieser Klang ging Milan unerwartet tief unter die Haut.
„Okay“, sagte Levin. „Dann du. Eine ehrliche Sache.“
Milan hob die Brauen. „Nur eine?“
„Vorläufig.“
Milan atmete aus und blickte auf seine Hände. Es wäre so leicht gewesen, jetzt auszuweichen. Irgendeinen Witz zu machen, das Ganze in halb ironischen Flirt zu verwandeln, bis es ungefährlich genug wirkte. Genau das tat er sonst immer.
Stattdessen hob er den Blick wieder.
„Ehrlich?“, sagte er. „Ich finde es gefährlich angenehm, dass du hier bist.“
Levin sagte nichts sofort. Aber irgendetwas in seinem Gesicht wurde weicher.
„Gefährlich angenehm“, wiederholte er. „Das gefällt mir.“
„Mir macht es eher Sorgen.“
„Warum?“
Milan lächelte schief. „Weil ich seit Monaten keinem Mann mehr begegnet bin, mit dem ich nach einer Stunde im Wald lieber weiterlaufe, statt mir eine Ausrede auszudenken.“
Levin sah ihn an, lange genug, dass Milan sich fragte, ob er gerade zu viel gesagt hatte.
Dann sagte Levin leise: „Gut. Dann sind wir schon wieder bei zwei.“
Es hätte einer dieser Momente sein können, in denen alles kippt. In denen einer zu viel sagt, der andere einen halben Schritt zurückgeht und die Stimmung sich höflich rettet. Aber genau das passierte nicht. Im Gegenteil. Es wurde still zwischen ihnen, und in dieser Stille lag etwas so deutlich Unausgesprochenes, dass Milan kurz den Kopf senken musste.
„Ich glaube“, sagte Levin nach einem Moment, „wir sollten entweder weitergehen oder anfangen, sehr komplizierte Dinge zuzugeben.“
„Weitergehen klingt sicherer.“
„Schade.“
Milan grinste. „Hab ich mir gedacht.“
Sie standen auf und gingen tiefer in den Wald.
Der Weg wurde schmaler und führte irgendwann an einem kleinen Bach entlang, kaum mehr als ein breites, klares Rinnsal über Steine und dunkles Holz. An einer Stelle lag ein schiefer Stamm darüber, offenbar als improvisierte Brücke.
„Na wunderbar“, sagte Milan. „Jetzt sterbe ich doch noch spektakulär.“
„Dafür ist das Outfit zu gut“, sagte Levin.
„Das ist dein ernsthafter Beitrag?“
„Ich könnte dir die Hand anbieten.“
Milan sah den Stamm an. Dann Levin. „Und wenn ich ablehne?“
„Dann beobachte ich mit Würde, wie du dich blamierst.“
„Sehr solidarisch.“
Levin trat zuerst auf den Stamm und balancierte hinüber, erstaunlich lässig. Auf der anderen Seite drehte er sich um und streckte tatsächlich die Hand aus.
Milan musterte ihn. „Das genießt du.“
„Sehr.“
Milan setzte einen Fuß auf das Holz, dann den anderen. Es war weniger schlimm, als es aussah, aber natürlich auch nicht stabil genug, um ihn völlig ruhig werden zu lassen. In der Mitte zögerte er kurz, und Levin sagte nur: „Komm.“
Nicht laut. Nicht drängend. Einfach ruhig.
Milan nahm seine Hand.
Der Rest des Wegs über den Bach war lächerlich kurz, aber Levins Griff blieb noch einen Moment bestehen, als Milan schon sicheren Boden unter den Füßen hatte. Beide merkten es. Keiner zog die Hand sofort zurück.
Milan hob langsam den Blick. Levin stand so nah vor ihm, dass der Wald um sie herum plötzlich merkwürdig fern wirkte.
„Du hältst mich immer noch fest“, sagte Milan.
Levin ließ seine Hand nicht los. „Stört dich das?“
Milan spürte seinen Puls in den Fingern. „Nein.“
Levin nickte ganz leicht, als sei das wichtig. Dann ließ er los. Nicht abrupt. Eher widerwillig.
Sie gingen weiter, aber langsamer als vorher.
Später fanden sie tatsächlich einen breiteren Weg, der zurück in Richtung Parkplatz führen musste. Beide blieben fast gleichzeitig stehen, als hätten sie denselben Gedanken.
„Das ist vermutlich die Zivilisation“, sagte Levin.
„Sieht so aus.“
„Unpraktisch.“
Milan steckte die Hände in die Taschen. „Ein bisschen.“
Sie gingen trotzdem weiter. Der Weg war jetzt einfacher, aber das Gespräch schwerer, weil beide wussten, dass diese seltsame kleine Blase aus Wald und Zufall bald enden würde.
„Darf ich etwas Unverschämtes sagen?“, fragte Levin irgendwann.
Milan sah ihn an. „Du fragst immerhin vorher.“
„Ich glaube, es wäre eine ziemlich miserable Entscheidung, wenn wir uns nach diesem Tag nicht wiedersehen.“
Milan lachte leise, mehr aus Nervosität als aus Leichtigkeit. „Du machst es einem nicht besonders einfach, vorsichtig zu bleiben.“
„Das ist vermutlich Teil meines Problems.“
„Und wenn Vorsicht mein Problem ist?“
Levin blieb stehen. Milan auch.
Vor ihnen bog der Weg nach rechts, und zwischen den Stämmen schimmerte bereits das hellere Licht des Waldrands. Sie waren fast zurück.
„Dann“, sagte Levin langsam, „würde ich dir nicht sagen, dass du irgendetwas musst. Nur dass ich dich gern wiedersehen möchte. Sehr sogar. Und dass ich den Rest des Tages vermutlich an genau diesen Bach, diesen Baumstamm und daran denken werde, wie du mich angeschaut hast, als wir auf der Lichtung saßen.“
Milan atmete ein. Es fühlte sich an, als wäre der ganze Wald plötzlich enger geworden.
„Du bist wirklich schlecht in vorsichtigen Formulierungen.“
„Ja“, sagte Levin. „Dafür ganz gut in ehrlichen.“
Milan sah ihn an und wusste, dass dies der Moment war, an dem sein übliches Muster beginnen würde. Freundlich lächeln. Nummern tauschen. Später vielleicht schreiben. Erst mal Abstand gewinnen. Nichts zu schnell ernst nehmen.
Nur wollte er es diesmal nicht.
Vielleicht lag es am Wald. Vielleicht an der Tatsache, dass Zufälle manchmal eine eigene Autorität hatten. Vielleicht an Levin selbst, an dieser seltenen Mischung aus Direktheit und Ruhe, die Milan nicht bedrängte, sondern ihm das Gefühl gab, dass Ehrlichkeit hier kein Risiko, sondern eine Einladung war.
„Okay“, sagte Milan leise.
Levin hob die Brauen ein wenig. „Okay was?“
Milan trat einen halben Schritt näher. „Okay. Ich will dich auch wiedersehen. Und ich habe heute ungefähr seit dem Bach darüber nachgedacht, wie es wäre, dich zu küssen.“
Levin sah ihn an, ohne sofort zu antworten. Seine Augen wurden dunkler, wacher, als hätte jemand ein Licht hinter ihnen angeknipst.
„Seit dem Bach erst?“, fragte er.
Milan grinste leicht. „Sei nicht übermütig.“
Levin trat noch näher. Jetzt war kaum noch Luft zwischen ihnen.
„Nur, damit ich mich korrekt verhalte“, sagte er leise. „Ist das eine theoretische Überlegung oder eine aktuelle Bitte?“
Milan spürte, wie sein Herz ihm jede Würde nahm.
„Eher eine aktuelle Möglichkeit“, murmelte er.
Levin hob langsam eine Hand an Milans Wange. So langsam, dass Milan jede Sekunde hätte zurückweichen können. Tat er aber nicht. Er blieb einfach stehen und ließ zu, dass diese warme Hand sein Gesicht berührte, als wäre das das Natürlichste der Welt.
Der erste Kuss war weich. Fast vorsichtig. Aber genau deshalb traf er Milan so unmittelbar. Nichts daran war fordernd. Es war eher ein leises Ankommen, ein kurzes Innehalten inmitten der Bäume, als hätten beide gleichzeitig begriffen, dass dieser Tag längst kein Zufall mehr war.
Milan küsste zurück. Nicht zögerlich, nur still. Levin zog ihn näher, die andere Hand an seiner Hüfte, und der zweite Kuss wurde tiefer, wärmer, ein wenig weniger vernünftig.
Als sie sich trennten, blieb Levin so nah, dass ihre Stirnen sich fast berührten.
„Das“, sagte Levin, noch leicht atemlos, „war eine ausgezeichnete aktuelle Möglichkeit.“
Milan lachte leise. „Arrogant.“
„Glücklich.“
„Das auch.“
Sie standen einen Moment einfach da. Mitten im Wald. Zwei erwachsene Männer, die vor ein paar Stunden noch Fremde gewesen waren und jetzt so aussahen, als hätten sie irgendetwas gefunden, ohne danach gesucht zu haben.
„Wir sollten langsam wirklich zurück“, sagte Milan irgendwann, obwohl seine Stimme verriet, dass er das nicht ernst meinte.
„Ja.“
Keiner bewegte sich.
Dann küsste Levin ihn noch einmal, kürzer dieses Mal, beinahe spielerisch, und erst dann gingen sie weiter.
Am Parkplatz war es seltsam hell. Autos, Stimmen in der Ferne, das Klacken einer Kofferraumklappe. Die gewöhnliche Welt wirkte nach diesen Stunden zwischen Bäumen fast ein wenig aufdringlich.
Milan blieb neben seinem Wagen stehen. Levin vor seinem, zwei Plätze weiter. Für einen Moment sahen sie sich einfach an, als müssten sie beide erst wieder lernen, wie man in der normalen Realität spricht.
„Also“, sagte Levin schließlich. „Jetzt kommt vermutlich der Teil mit Nummern, damit wir nicht auf Waldmagie angewiesen sind.“
„Waldmagie ist kein verlässliches Kommunikationsmittel“, sagte Milan.
„Leider.“
Sie tauschten Handys. Milan tippte seine Nummer ein und bemerkte, wie dumm glücklich ihn allein dieser banale Vorgang machte. Levin schrieb ihm sofort, damit er auch seine hatte.
Das Handy in Milans Hand vibrierte.
Levin. Der Mann vom Bach.
Milan musste grinsen. „Sehr bescheidene Kontaktbezeichnung.“
„Ich arbeite mich langsam hoch.“
„Wozu?“
Levin trat näher, steckte sein Handy ein und sah ihn mit diesem Blick an, der inzwischen schon viel zu vertraut wirkte.
„Zu etwas, das nicht nach Zufall klingt.“
Milan hätte jetzt am liebsten sofort Ja gesagt zu allem, was auch immer dieses Etwas sein könnte. Stattdessen fragte er: „Hast du heute noch was vor?“
Levin lächelte, als hätte er gehofft, dass diese Frage kommt. „Jetzt gerade?“
„Mhm.“
„Eigentlich wollte ich später einkaufen, Wäsche machen und ein halb kaputtes Regal ignorieren.“
„Klingt dramatisch.“
„Ich lebe gefährlich.“
Milan steckte die Hände in die Jackentaschen, um nicht zu offensichtlich zu wirken. „Es gibt ungefähr zehn Minuten von hier ein Café am See. Nicht schick, aber gut. Falls du dieses wilde Samstagsprogramm verschieben kannst.“
Levin sah ihn an, dann langsam auf den Autoschlüssel in Milans Hand, dann wieder hoch.
„Willst du mit mir wirklich vom Wald direkt in ein zweites Date stolpern?“
Milan zuckte leicht mit den Schultern. „Vielleicht. Solange du nicht anfängst, mich wieder auf wackelige Baumstämme zu lotsen.“
„Nur metaphorisch.“
„Das klingt nicht beruhigend.“
„Ist aber romantisch.“
Milan lachte. „Du bist unerträglich.“
„Vorhin klang das noch anders.“
„Vorhin war ich kurz orientierungslos.“
Levin grinste. „Und jetzt?“
Milan sah ihn an, ließ sich einen Moment Zeit und sagte dann ruhig: „Jetzt weiß ich ziemlich genau, wohin ich will.“
Etwas in Levins Gesicht veränderte sich. Keine große Geste. Nur dieser kleine, echte Ausdruck, der mehr sagte als jede Schlagfertigkeit.
„Dann fahr vor“, sagte er leise. „Ich folge dir.“
Das Café am See war klein, hell und beinahe zu gemütlich für zwei Männer, die sich erst seit ein paar Stunden kannten und trotzdem schon so wirkten, als seien sie auf dem besten Weg, etwas miteinander anzufangen, das über einen schönen Zufall hinausging.
Sie setzten sich ans Fenster. Draußen glitzerte das Wasser zwischen kahlen Ästen. Drinnen roch es nach Kaffee, warmer Milch und frisch gebackenem Kuchen. Die Bedienung brachte ihnen zwei Tassen und später noch Apfelkuchen, obwohl beide eigentlich nur Kaffee wollten. Milan behauptete, es sei die Schuld des Waldes. Levin meinte, er suche nur Ausreden, um den Nachmittag zu verlängern.
Beides stimmte.
Das Gespräch änderte sich erneut. Es war nun weniger vorsichtig, weniger tastend. Sie erzählten sich mehr. Nicht alles, aber genug, um aus dem Flirt langsam etwas Echtes zu machen.
Levin sprach von seiner Arbeit, von Schülern, die ihn an den Rand der Verzweiflung und dann wieder zum Lachen brachten. Von seiner letzten Beziehung, die nicht im Streit, sondern in einer langen, ruhigen Erschöpfung geendet hatte. Davon, dass er sich vorgenommen hatte, Menschen wieder offener zu begegnen, auch wenn er sich damit manchmal verletzlicher machte, als ihm lieb war.
Milan erzählte von seiner Schwester, die ihn durchschaute wie niemand sonst. Von seinem Vater, der Gefühle immer in praktische Sätze verpackte. Von seinem ewigen Reflex, Rückzüge zu planen, bevor überhaupt etwas anfangen konnte.
„Und warum?“, fragte Levin irgendwann.
Milan drehte die Tasse leicht zwischen den Händen. „Weil es einfacher ist, etwas selbst klein zu halten, als zuzusehen, wie es später kleiner wird.“
Levin nickte langsam. „Das verstehe ich.“
„Aber?“
„Aber ich glaube, man verpasst dabei manchmal den Moment, in dem etwas eigentlich größer werden wollte.“
Milan sah ihn an. Lange. Ehrlich. Ohne den Schutz eines Witzes dazwischen.
„Du sagst solche Sätze öfter, oder?“
Levin lächelte. „Nur, wenn ich hoffe, dass sie ankommen.“
„Tun sie leider.“
„Leider?“
„Es ist unerquicklich, wenn jemand attraktiv ist und dann auch noch Dinge sagt, gegen die man innerlich nicht gut argumentieren kann.“
Levin lachte so warm, dass die Frau am Nebentisch kurz lächelnd hersah.
Am Ende saßen sie bis in den späten Nachmittag dort. Als sie zahlten und hinaustraten, war das Licht schon tiefer geworden, goldener, weicher. Sie gingen noch ein Stück am Wasser entlang, diesmal ohne Verlaufen, ohne Unsicherheit, ohne die Ausrede, nur zufällig denselben Weg zu haben.
An einer kleinen Holzbrücke blieb Levin stehen.
„Weißt du“, sagte er, „streng genommen habe ich dich heute erst im Wald kennengelernt. Aber es fühlt sich schon jetzt so an, als wäre der Tag länger gewesen als nur ein Tag.“
Milan lehnte sich mit den Unterarmen aufs Geländer. „Ja.“
„Macht dir das Angst?“
Milan dachte kurz nach. Dann ehrlich: „Ein bisschen.“
Levin nickte. „Mir auch.“
„Und trotzdem stehst du hier sehr ruhig.“
Levin sah zur Seite zu ihm. „Weil Angst nicht automatisch heißt, dass etwas falsch ist.“
Dieser Mann, dachte Milan, war wirklich unerquicklich.
„Das ist wieder so ein Satz“, murmelte er.
„Ich weiß.“
Milan drehte sich zu ihm. „Dann sag ich jetzt auch einen.“
„Bitte.“
Milan atmete ein. „Ich möchte nicht, dass dieser Tag einfach nur eine schöne Geschichte bleibt, die man irgendwann erzählt. So nach dem Motto: Weißt du noch, damals im Wald.“
Levin sah ihn sehr aufmerksam an.
„Sondern?“, fragte er.
„Sondern lieber etwas, das danach erst richtig anfängt.“
Einen Augenblick lang sagte Levin gar nichts. Dann trat er zu ihm, legte eine Hand an seinen Nacken und küsste ihn mitten auf dieser kleinen Brücke, während hinter ihnen das Wasser dunkel wurde und vor ihnen der Tag langsam in Abend überging.
Milan schloss die Augen und dachte, dass die Welt manchmal vollkommen unnötige Umwege brauchte, um einen genau an den Ort zu bringen, an dem man eigentlich längst hätte sein wollen.
Als sie sich trennten, lächelte Levin. Nicht breit. Nicht geschniegelt. Einfach echt.
„Gut“, sagte er. „Dann fangen wir jetzt richtig an.“
Und genau das taten sie.
Nicht schnell. Nicht perfekt. Aber mit dieser seltenen Mischung aus Neugier, Anziehung und einem stillen Einverständnis, dass es sich lohnte, weiterzugehen. Sie schrieben sich noch am selben Abend. Trafen sich zwei Tage später wieder. Dann am Wochenende darauf. Erst im Kino, dann beim Kochen, dann bei einem Spaziergang, der nicht mehr zufällig war.
Und irgendwann, Wochen später, standen sie erneut im Wald.
Nicht, weil sie sich verirren wollten. Sondern weil manche Orte etwas in sich trugen, das man wiederfinden wollte.
Levin blieb an derselben kleinen Bachstelle stehen, sah auf den Stamm hinunter und grinste.
„Hier also“, sagte er.
„Hier also“, bestätigte Milan.
„Der große Moment meiner heldenhaften Hilfsbereitschaft.“
„Du warst unerträglich selbstzufrieden.“
„Und du sehr schön nervös.“
Milan trat zu ihm, schob die Hände in die Jackentaschen und musterte ihn mit gespielter Strenge. „Du weißt, dass du seit diesem Tag noch arroganter geworden bist.“
Levin legte eine Hand auf sein Herz. „Nein. Nur verliebter.“
Milan wollte etwas Schlagfertiges erwidern. Stattdessen blieb er still.
Levin merkte es sofort. „Was?“
Milan sah ihn an, den Mann, der damals fremd zwischen Bäumen gestanden hatte und inzwischen so selbstverständlich zu seinem Leben gehörte, dass sich allein der Gedanke an ein Davor merkwürdig leer anfühlte.
„Nichts“, sagte Milan leise. „Ich finde nur, dass es immer noch ein ziemlich gutes Wunder ist.“
Levin trat näher. „Welcher Teil?“
Milan lächelte. „Dass zwei schwule Männer allein im Wald offenbar nicht nur eine gute Geschichte sind.“
Levin küsste ihn langsam. „Sondern?“
Milan legte eine Hand an seinen Nacken. „Ein verdammt guter Anfang.“

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