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E-Boy Geschichte Teil 4 Als aus meinem Stil langsam Nähe wurde

E-Boy Geschichte zwei Männer

Ich glaube, ich hatte lange Angst davor, dass mich jemand nur wegen meines Looks mögen könnte.

Das klingt vielleicht seltsam, weil ich mir diesen Look ja selbst ausgesucht hatte. Die schwarzen Haare, die Ketten, die Ringe, der Nagellack, die dunklen Shirts, der Eyeliner, diese ganze Mischung aus Gaming-Zimmer, Anime-Poster, Nachtmusik und Internet-Melancholie. Ich wollte sichtbar sein. Ich wollte anders wirken. Ich wollte, dass man merkt, dass ich nicht einfach nur ein weiterer Typ in Jeans und grauem Hoodie bin, der sich möglichst unauffällig durch den Alltag schiebt.

Und trotzdem hatte ich Angst davor, dass jemand genau daran hängenbleibt.

Nicht an mir.

Sondern an der Verpackung.

Vielleicht kommt diese Angst daher, dass mein Stil für mich nie nur Mode war. Er war nie einfach: „Das sieht cool aus, also ziehe ich es an.“ Natürlich war es auch das. Ich liebe diesen Look. Ich mag schwarze Kleidung, silberne Details, die dunklen Nägel, das weiche Chaos in den Haaren, die Mischung aus hart und verletzlich. Aber darunter lag immer mehr. Jede Kette, jeder Ring, jeder kleine Strich Eyeliner hatte etwas mit dem Jungen zu tun, der früher nicht wusste, wohin mit seiner Sensibilität.

Mit zwölf versteckte ich mich im schwarzen Hoodie.
Mit fünfzehn lackierte ich mir heimlich die Nägel.
Mit siebzehn probierte ich Eyeliner aus und fühlte mich, als hätte ich gerade etwas Verbotenes getan.
Mit achtzehn ging ich in einer neuen Stadt zum ersten Mal wirklich so raus, wie ich mich innerlich schon lange gesehen hatte.
Und jetzt, mit zweiundzwanzig, saß ich manchmal vor dem Spiegel und dachte: Ich habe mich nicht neu erfunden. Ich habe mich nur endlich nicht mehr ständig gelöscht.

Nach dem Abend mit Niko im Park wurde alles ein bisschen stiller. Nicht schlechter. Nur stiller.

Wir schrieben weiter. Nicht ununterbrochen, nicht dieses nervöse Dauerfeuer, bei dem man alle zwei Minuten prüfen muss, ob der andere noch existiert. Eher ruhig. Ein Song hier, ein Foto vom Kaffee dort, ein dummer Kommentar über ein Meme, das eigentlich nicht lustig genug war, aber durch ihn trotzdem funktionierte. Und zwischen diesen kleinen Nachrichten entstand etwas, das schwerer zu greifen war als Flirt.

Vertrautheit vielleicht.

Das machte mir fast mehr Angst als Aufregung.

Aufregung kann man leichter einordnen. Man zieht sich gut an, trifft sich, lacht, geht spazieren, hält vielleicht eine Hand, fährt nach Hause und analysiert alles viel zu lange. Vertrautheit ist gefährlicher. Sie schleicht sich in den Alltag. Sie sitzt plötzlich mit am Schreibtisch, während man zockt. Sie steht neben einem, wenn man morgens vor dem Spiegel die Haare richtet. Sie taucht auf, wenn man im Laden an einer Kette vorbeigeht und denkt: Niko würde sagen, dass die zu dramatisch ist, und sie deshalb wahrscheinlich perfekt finden.

Es war Donnerstag, als er fragte, ob ich am Wochenende Lust hätte, einfach bei ihm vorbeizukommen. Kein Konzert, kein Spaziergang, kein Club, keine große Außenwelt. Nur Pizza, Musik, vielleicht irgendein schlechter Film.

Ich las die Nachricht und merkte sofort, wie mein Körper anders reagierte als bei unseren Treffen draußen.

Draußen hatte ich inzwischen eine Art Rolle gefunden, ohne dass es gespielt war. Ich wusste, wie ich mich bewege, wie ich aussehe, wie ich mich mit Kopfhörern um den Hals und Ketten über dem Shirt durch Straßen trage. Draußen war mein Stil auch Schutz. Ein Bild, das ich selbst kontrollierte.

Aber bei ihm zu Hause?

Das fühlte sich näher an.

Weniger Bühne. Weniger Kulisse. Mehr echtes Leben.

Ich sagte trotzdem zu.

Am Samstag brauchte ich länger als gewöhnlich, um mich fertig zu machen. Nicht, weil ich besonders auffällig aussehen wollte. Im Gegenteil. Ich wollte nicht wirken, als hätte ich mich für ein großes Ereignis gestylt, obwohl es nur Pizza und Film war. Gleichzeitig wollte ich natürlich gut aussehen. Diese Art von „mühelos gut“, die in Wahrheit viel Mühe kostet und deshalb eine der größten Lügen der Menschheit ist.

Am Ende trug ich eine schwarze, lockere Hose, ein enges Longsleeve und darüber ein weiches, oversized Shirt mit dunklem Print. Zwei Ketten, aber nicht alle. Ringe, aber nur drei. Schwarzer Nagellack frisch, Eyeliner sehr dezent. Meine Haare ließ ich absichtlich etwas unordentlich, was ungefähr zwanzig Minuten gedauert hat. Ein grandioser Widerspruch, aber immerhin ein ästhetischer.

Auf dem Weg zu Niko merkte ich, dass ich nervöser war als erwartet. In der Bahn sah ich mein Spiegelbild im Fenster. Nacht draußen, mein Gesicht halb im Licht, halb im Dunkeln. Ich sah aus wie ich. Vielleicht ein bisschen ernster. Vielleicht ein bisschen weicher.

Früher hatte ich immer geglaubt, dass Dating für Menschen wie mich entweder kompliziert oder lächerlich sein müsse. Als wäre ich zu viel für etwas Normales und zu unsicher für etwas Wildes. Aber mit Niko war es bisher weder das eine noch das andere. Es war langsam. Manchmal unbeholfen. Manchmal witzig. Manchmal so zart, dass ich kaum wusste, wohin mit dem Gefühl.

Er wohnte in einer kleinen Wohnung im dritten Stock. Das Treppenhaus roch nach Waschmittel, altem Holz und irgendwo entfernt nach Essen. Ich blieb vor seiner Tür kurz stehen, atmete einmal tief durch und klingelte.

Als er öffnete, war er barfuß, trug eine schwarze Jogginghose und einen grauen Hoodie. Seine Locken waren noch chaotischer als sonst. Er sah nicht aus wie jemand, der einen perfekten Abend inszenieren wollte. Er sah aus wie jemand, der wirklich dort wohnte.

Und genau das machte ihn schöner.

Seine Wohnung war kleiner als ich erwartet hatte, aber warm. Nicht warm im Sinne von teuer eingerichtet. Eher im Sinne von ehrlich. Ein Schreibtisch mit Laptop und halb aufgeräumten Kabeln. Ein Regal mit Büchern, Games, ein paar Figuren und einer Pflanze, die aussah, als kämpfe sie tapfer gegen ihr Schicksal. An der Wand hingen Konzertposter und ein paar Fotos, nicht viele. Auf dem Sofa lag eine Decke, daneben ein Controller, als hätte er ihn vor fünf Minuten noch benutzt.

Ich mochte es sofort.

Nicht, weil es besonders cool war.

Sondern weil es nicht versuchte, cool zu sein.

Ich setzte mich aufs Sofa, erst ein bisschen zu gerade, wie ein Gast, der beweisen will, dass er keine Möbel beschädigt. Niko machte Musik an, irgendeine ruhige Playlist mit Gitarren, Beats und Stimmen, die nach Nacht klangen. Dann bestellten wir Pizza. Die Entscheidung dauerte viel zu lange, weil wir beide so taten, als hätten wir starke Meinungen, aber am Ende doch einfach zwei Sorten nahmen, die fast jeder nimmt.

Während wir warteten, wurde ich langsam ruhiger.

Es gab keine Blicke von Fremden. Keine Straße. Keine Bahnstation. Keine Außenwelt, die mich einordnen wollte. Nur Niko, seine Wohnung, gedämpftes Licht und ich mit meinen schwarzen Nägeln auf seinem Sofa.

Das Komische war: Ohne die Außenwelt fühlte ich mich nicht weniger sichtbar.

Eher mehr.

Weil ich nicht mehr gegen Blicke ankämpfte, blieb plötzlich Raum für die Frage, wie ich mich eigentlich wirklich fühle. Und die Antwort war nicht nur „gut“. Sie war komplizierter. Ich fühlte mich wohl, aber verletzlich. Schön, aber unsicher. Cool angezogen, aber innerlich weich wie ein schlecht geschützter Browser-Tab.

Wir sahen keinen Film sofort. Wir redeten erst. Weniger in klaren Dialogen, mehr in diesem fließenden Hin und Her, das irgendwann entsteht, wenn zwei Menschen nicht mehr krampfhaft Themen suchen müssen. Er erzählte von seinem Bruder, der ihn früher immer wegen seiner Musik aufgezogen hatte. Ich erzählte von meinem ersten schwarzen Nagellack und wie ich damals so getan hatte, als wäre es eine Wette gewesen. Wir lachten darüber, aber es war kein Lachen, das die Vergangenheit klein machte. Eher eins, das sie kurz umarmte.

Als die Pizza kam, aßen wir direkt aus den Kartons auf dem Couchtisch. Sehr ästhetisch. Sehr erwachsen. Sehr „zwei Menschen, die offiziell keine Ahnung haben, wie man Date-Abende elegant gestaltet“. Aber gerade das gefiel mir. Ich musste nichts darstellen. Niemand musste eine perfekte Szene liefern.

Später lief dann doch ein Film. Irgendwas Düsteres, visuell stark, inhaltlich wahrscheinlich überbewertet. Ich bekam nur die Hälfte mit, weil ich viel zu sehr darauf achtete, wie nah Niko neben mir saß. Erst war zwischen uns noch Abstand. Dann wurde die Decke geteilt, weil es angeblich etwas kühl war. Dann berührten sich unsere Knie. Dann blieben sie so.

Ich dachte daran, wie viele Jahre ich Nähe nur aus Geschichten, Videos, Chats und heimlichen Fantasien kannte. Wie oft ich mir vorgestellt hatte, dass jemand neben mir sitzt und mich nicht trotz meines Styles mag, sondern auch wegen der Dinge, die darunter liegen. Nicht wegen der perfekten Pose, sondern wegen der Unsicherheit, die ich nicht ganz verstecken kann. Nicht wegen des schwarzen Nagellacks allein, sondern wegen des Jungen, der lange gebraucht hat, um ihn draußen zu tragen.

Irgendwann spürte ich Nikos Hand neben meiner auf der Decke.

Er fragte diesmal nicht laut.

Er bewegte nur seine Finger ein kleines Stück, langsam genug, dass ich ausweichen konnte, wenn ich wollte.

Ich wich nicht aus.

Unsere Hände fanden sich fast von allein. Es war nicht neu. Wir hatten schon Händchen gehalten. Auf der Mauer, im Park, auf der Bank. Aber hier, auf seinem Sofa, im Halbdunkel, fühlte es sich anders an. Weniger wie ein Moment, den man später erzählen könnte. Mehr wie etwas, das einfach passierte, weil es zwischen uns Platz bekommen hatte.

Meine Ringe waren kühl. Seine Hand war warm.

Ich lehnte mich irgendwann ein bisschen zurück, und meine Schulter berührte seine. Dann legte ich meinen Kopf für einen Moment gegen ihn. Nur kurz, dachte ich. Nur testen, ob sich das richtig anfühlt.

Es fühlte sich richtig an.

Also blieb ich.

Der Film lief weiter. Irgendjemand auf dem Bildschirm sagte dramatische Dinge in schlecht beleuchteten Räumen. Ich bekam kaum etwas davon mit. Mein ganzes Bewusstsein war auf diese schlichte Tatsache gerichtet: Ich sitze hier. Ich bin angelehnt. Ich werde nicht weggeschoben. Ich muss nichts erklären.

Das war vielleicht der intimste Moment bisher.

Nicht, weil so viel passierte.

Sondern weil nichts passieren musste.

Ich habe früher oft gedacht, Nähe müsste aufregend sein, schnell, eindeutig, wie in Clips oder Serien. Ein Kuss im Regen. Eine dramatische Beichte. Ein Moment, der alles verändert. Aber vielleicht ist Nähe manchmal viel stiller. Vielleicht ist sie eine Decke, eine kalte Pizza, ein halber Film, eine Hand auf deiner Hand und das Gefühl, dass du gerade nicht performen musst.

Nach einer Weile drehte ich den Kopf leicht und merkte, dass Niko mich ansah.

Nicht prüfend.

Nicht mit diesem Blick, bei dem man sich plötzlich wie eine Aufgabe fühlt.

Er sah mich an, als wäre er selbst ein bisschen überrascht, dass ich da war.

Und ich glaube, ich sah ihn genauso an.

Wir küssten uns nicht sofort. Es war eher ein langsames Annähern, als würde der Moment selbst erst fragen, ob er bleiben darf. Mein Herz schlug viel zu laut. Ich merkte, wie mein Atem flacher wurde. Ich hätte etwas Witziges sagen können, um die Spannung zu brechen. Das tue ich oft. Humor als Fluchtweg. Aber diesmal sagte ich nichts.

Ich blieb.

Als unsere Lippen sich berührten, war es nicht wie beim ersten Konzertabend, nicht wie eine spontane elektrische Entladung nach Musik und Nachtluft. Es war ruhiger. Wärmer. Ein Kuss, der nicht beweisen musste, dass er mutig ist. Einer, der eher sagte: Wir sind hier. Wir dürfen das.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Wahrscheinlich kürzer, als es sich anfühlte. Danach lehnte ich meine Stirn kurz gegen seine Schulter und musste leise lachen, weil ich emotional überfordert war und mein Körper offenbar keine bessere Lösung fand.

Niko lachte auch. Nicht über mich. Mit mir. Das machte es leichter.

Der Rest des Abends blieb weich. Wir redeten noch ein bisschen, aber nicht mehr viel. Manchmal reicht es, wenn Worte nicht alles erklären müssen. Ich blieb noch eine Stunde, vielleicht länger. Die Zeit wurde ungenau. Draußen war es längst dunkel, die Stadt leuchtete durch sein Fenster, und ich fühlte mich auf eine Art ruhig, die ich nicht oft kenne.

Als ich später ging, stand ich im Treppenhaus und merkte, dass ich nicht sofort mein Handy rausnehmen wollte. Ich wollte nicht sofort alles festhalten, nicht sofort analysieren, nicht sofort in Text verwandeln. Ich wollte den Abend einfach in mir tragen, wie man eine Jacke trägt, die noch nach jemand anderem riecht.

In der Bahn nach Hause sah ich wieder mein Spiegelbild.

Diesmal wirkte ich nicht wie jemand, der sich fragt, ob er richtig ist.

Ich sah aus wie jemand, der gerade einen Ort gefunden hat, an dem er kurz nicht kämpfen musste.

Zu Hause zog ich meine Ringe ab und legte sie in die Schale auf dem Schreibtisch. Ich wischte den Eyeliner ab, langsam, vorsichtig. Ohne Make-up sah ich jünger aus. Verletzlicher. Weniger wie die Version von mir, die draußen Blicke aushält. Aber ich erschrak nicht davor.

Vielleicht ist das der nächste Schritt.

Nicht nur zu lernen, dass ich mit Stil gesehen werden darf.

Sondern auch, dass ich ohne perfekte Hülle nicht verschwinde.

Ich setzte mich aufs Bett, noch im schwarzen Shirt, und sah auf meine Hände. Der Nagellack war an einer Stelle leicht abgesplittert. Früher hätte mich das genervt. Heute mochte ich es. Dieser kleine Makel war wie ein Beweis, dass der Abend echt gewesen war. Pizza, Sofa, Decke, Kuss, Heimweg.

Niko schrieb später nur:

„Ich fand heute schön.“

Ich antwortete:

„Ich auch. Sehr.“

Mehr brauchte es nicht.

Ich glaube, Teil 4 meiner Geschichte ist nicht der Teil, in dem etwas Großes passiert. Kein großer Streit, kein dramatisches Coming-out, kein perfekter Filmkuss unter Neonlicht. Es ist der Teil, in dem ich merke, dass ich mich nicht die ganze Zeit interessant machen muss, um interessant zu sein. Dass ich nicht immer der ästhetische, dunkle, geheimnisvolle E-Boy sein muss, damit jemand bleibt.

Manchmal darf ich einfach auf einem Sofa sitzen, Pizza essen, einen mittelmäßigen Film verpassen und meinen Kopf an jemanden lehnen.

Und vielleicht ist genau das viel größer, als es klingt.

Denn mit zwölf wollte ich mich im Hoodie verstecken.

Mit zweiundzwanzig trage ich ihn manchmal immer noch.

Aber heute war er keine Rüstung.

Heute war er nur weich

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