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Sissi Geschichte: Lisa entdeckt ihren Mut Teil 4

Sissi Geschichte Lisa entdeckt ihren Mut Teil 4

Es war ein stiller Abend, einer von denen, an denen die Welt draußen ein wenig gedämpfter wirkte. Der Himmel hing schwer über den Dächern, die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem feuchten Asphalt, und in meinem Zimmer brannte nur die kleine Lampe auf dem Schreibtisch. Alles fühlte sich weich an, fast vorsichtig, als würde dieser Moment wissen, dass er nicht gestört werden wollte.

Ich hatte den ganzen Tag versucht, mich abzulenken. Ein bisschen Haushalt, ein bisschen Musik, ein paar Nachrichten auf dem Handy, ohne wirklich zu lesen, was dort stand. Doch egal, was ich tat, dieser eine Gedanke kam immer wieder zurück: Wie lange will ich eigentlich noch so tun, als wäre Lisa nur ein heimlicher Teil von mir?

Es war nicht mehr dieses flüchtige Gefühl, das kurz auftaucht und dann wieder verschwindet. Es war tiefer geworden. Ruhiger. Klarer. Nicht laut, nicht fordernd, aber da. So, als hätte sich in mir jemand auf einen Stuhl gesetzt, die Hände in den Schoß gelegt und würde geduldig warten, bis ich endlich hinschaue.

Und heute habe ich hingeschaut.

Nicht mit großen Plänen. Nicht mit dem Mut, alles auf einmal zu verändern. Sondern mit dieser kleinen, fast unscheinbaren Entscheidung, mir selbst nicht auszuweichen. Ich stand vor meinem Schrank und ließ die Hand über die Kleidung gleiten, die dort hing. Manche Sachen waren vertraut, praktisch, unauffällig. Andere hatten eine andere Bedeutung bekommen. Sie waren nicht einfach nur Stoff. Sie waren Möglichkeiten. Leise Fragen. Vielleicht sogar Antworten.

Ich nahm mir Zeit. Mehr als sonst. Ich wollte nichts erzwingen, wollte nicht wieder in diese innere Hektik fallen, bei der jeder Schritt sofort bewertet wird. Also atmete ich durch, zog die Schultern locker und erlaubte mir, einfach auszuprobieren. Nur für mich. Nur für diesen Abend. Niemand musste es sehen. Niemand musste es verstehen. Es reichte, dass ich es fühlte.

Als ich später vor dem Spiegel stand, war da zuerst diese alte Nervosität. Dieses kleine Zusammenzucken im Bauch, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Aber direkt danach kam etwas Neues. Ein warmes, fast schüchternes Gefühl. Ich sah mich an und dachte nicht: „Das darfst du nicht.“ Ich dachte: „Vielleicht darf ich das doch.“

Dieser Satz blieb lange in mir hängen.

Vielleicht darf ich das doch.

Vielleicht darf ich weich sein, ohne schwach zu sein. Vielleicht darf ich schön finden, was andere vielleicht nicht verstehen. Vielleicht darf ich einen Namen in mir tragen, der nicht alles erklärt, aber etwas Wichtiges berührt. Vielleicht darf Lisa existieren, ohne dass ich sofort eine perfekte Antwort für die ganze Welt bereithalten muss.

Es ist merkwürdig, wie sehr man sich manchmal selbst um Erlaubnis bitten muss. Als wäre das eigene Herz ein Raum, vor dessen Tür man jahrelang gestanden hat, obwohl man den Schlüssel längst in der Hand hielt. Heute habe ich diese Tür nicht weit geöffnet. Nur einen Spalt. Aber dahinter war kein Chaos. Keine Katastrophe. Nur Stille. Wärme. Und ein Teil von mir, der nicht mehr ganz so allein wirkte.

Am meisten überrascht hat mich, dass ich nicht traurig wurde. Ich hatte erwartet, dass wieder diese Schwere kommt, dieses Grübeln, dieses Hin und Her. Stattdessen war da eine vorsichtige Freude. Keine laute Freude, eher ein kleines Licht. So eins, das man mit beiden Händen schützt, weil man Angst hat, es könnte zu früh ausgehen.

Ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus. Unten ging jemand mit einem Hund vorbei, ein Auto fuhr langsam durch die Straße, irgendwo lachte jemand kurz auf. Die Welt lief einfach weiter. Niemand wusste, was in mir gerade passierte. Und genau das war seltsam beruhigend. Mein innerer Moment musste nicht groß sein, um wichtig zu sein. Er musste nicht angekündigt werden. Er durfte einfach passieren.

Ich dachte an all die Jahre, in denen ich so streng mit mir war. An die vielen Male, in denen ich ein Gefühl sofort weggeschoben habe, nur weil es nicht in das Bild passte, das ich von mir haben sollte. Heute verstand ich ein bisschen besser, wie müde mich das gemacht hatte. Dieses ständige Kontrollieren. Dieses ständige Verstecken vor mir selbst.

Vielleicht ist Mut nicht immer der große Schritt nach draußen. Vielleicht ist Mut manchmal nur, allein im Zimmer zu stehen und sich nicht mehr dafür zu verachten, was man fühlt. Vielleicht ist Mut, den eigenen Blick im Spiegel auszuhalten. Nicht perfekt. Nicht endgültig. Aber ehrlich.

Und genau dort beginnt für mich der vierte Teil dieser Sissi Geschichte. Nicht mit einem lauten Bekenntnis, sondern mit einem leisen Ja. Einem Ja zu Lisa. Einem Ja zu den Gefühlen, die ich nicht länger klein machen möchte. Einem Ja zu der Möglichkeit, dass ich mehr sein darf als die Version von mir, die immer nur funktionieren wollte.

Später machte ich mir noch einen Tee, wickelte mich in eine Decke und blieb eine Weile einfach sitzen. Mein Herz war ruhiger als sonst. Nicht frei von Angst, aber freier als gestern. Das reicht für heute. Vielleicht muss es nicht mehr sein.

Morgen werde ich wahrscheinlich wieder zweifeln. Vielleicht werde ich mich fragen, ob das alles zu viel ist, ob ich mich verrenne, ob ich nicht lieber wieder zurückgehen sollte in das Alte, Bekannte, Sichere. Aber heute weiß ich etwas, das ich gestern noch nicht so klar wusste: Dieses Gefühl ist nicht mein Feind. Es ist ein Teil von mir, der endlich gehört werden möchte.

Und während draußen der Regen leise gegen das Fenster klopfte, hatte ich zum ersten Mal seit Langem das Gefühl, dass ich nicht auf dem falschen Weg bin. Vielleicht langsam. Vielleicht vorsichtig. Vielleicht mit zitternden Schritten.

Aber nicht falsch.


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