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E-Boy Geschichte Teil 3 Zwischen Nachtbus und neuen Blicken

Ich glaube, manche Abende wirken erst später richtig nach.

Nicht sofort, nicht in dem Moment, in dem man noch mit Kopfhörern im Ohr durch die Nacht fährt und die Scheiben der Bahn das eigene Spiegelbild zurückwerfen. Nicht, wenn das Herz noch von Musik, Nähe und zu viel Cola schneller schlägt. Sondern erst am nächsten Morgen, wenn alles wieder still ist. Wenn das Zimmer nicht mehr violett leuchtet, sondern vom grauen Tageslicht geflutet wird. Wenn die Klamotten vom Vorabend über dem Stuhl hängen und aussehen, als hätten sie mehr erlebt als man selbst zugeben möchte.

So war es nach dem Konzert mit Niko.

Ich wachte viel zu spät auf, noch halb in meinen Gedanken von der Nacht davor. Mein Kopf war schwer, meine Haare standen in alle Richtungen, und ein kleiner schwarzer Rest Eyeliner hing noch unter meinem Auge, obwohl ich mir sicher war, mich abgeschminkt zu haben. Offenbar hatte mein Gesicht beschlossen, den Abend als Beweisstück zu behalten.

Auf meinem Handy war keine neue Nachricht.

Nur unser Chat von gestern.

Ich las ihn trotzdem nochmal.

Nicht, weil dort viel stand. Eigentlich waren es nur ein paar Sätze. Ich hatte geschrieben, dass ich zu Hause bin. Er hatte gefragt, ob der Zweiundzwanzigjährige in mir den Abend auch krass fand. Ich hatte Ja geschrieben. Mehr nicht. Keine großen Geständnisse, kein Herz-Emoji, keine übertriebenen Versprechen.

Und trotzdem fühlte sich dieser Chat an wie eine kleine offene Tür.

Ich blieb noch eine Weile im Bett liegen und dachte an seine Hand. Nicht auf diese kitschige Art, bei der man sofort Musik im Hintergrund hört und dramatisch aus dem Fenster schaut. Eher still. Verwundert. Als müsste mein Körper erst verstehen, dass das wirklich passiert war. Dass jemand meine Hand genommen hatte, mit den schwarzen Nägeln, den Ringen, den kleinen Unsicherheiten, und sie nicht komisch fand. Nicht zu viel. Nicht falsch. Einfach meine Hand.

Früher hatte ich oft gedacht, wenn ich irgendwann so aussehen würde, wie ich aussehen wollte, dann wäre alles gelöst. Dann würde ich mich selbstbewusst fühlen, automatisch. Als könnte man Unsicherheit einfach mit einer Kette, einem guten Haarschnitt und Eyeliner überschreiben. Aber so funktioniert es nicht. Stil kann eine Tür öffnen, aber durchgehen muss man trotzdem selbst. Und hinter der Tür wartet nicht immer sofort Freiheit. Manchmal wartet dort erstmal noch mehr Angst, weil man plötzlich wirklich gesehen wird.

Der Tag nach dem Konzert war ruhig. Ich trug nur eine Jogginghose und ein weites Shirt, keine Ketten, keinen Nagellack frisch gemacht, keinen perfekten Look. Nur ich, müde und etwas weichgespült vom Vorabend. Trotzdem fühlte sich etwas verändert an. Nicht äußerlich. Innerlich. Als hätte ich einen weiteren kleinen Beweis gesammelt, dass mein Weg nicht lächerlich war.

Mit zwölf hatte ich meinen schwarzen Hoodie gebraucht, um mich zu verstecken. Mit fünfzehn hatte ich einen einzigen Nagel lackiert und getan, als sei es ein Witz. Mit siebzehn hatte ich Eyeliner aufgetragen und wieder entfernt, weil ich Angst hatte, dass mein Gesicht plötzlich zu ehrlich wird. Mit achtzehn hatte ich eine neue Stadt genutzt wie einen Reset-Knopf. Und jetzt, mit zweiundzwanzig, saß ich da und merkte, dass ich nicht mehr nur ausprobieren wollte, wer ich sein könnte.

Ich war längst dabei, es zu leben.

Am Nachmittag machte ich mich doch noch fertig. Nicht für ein Date, nicht für ein Konzert, nicht für ein Foto. Nur für mich. Ich duschte, föhnte meine Haare halbherzig, zog eine schwarze Hose und ein lockeres Shirt an, dazu eine silberne Kette. Der Eyeliner blieb heute weg, aber die Nägel lackierte ich neu. Schwarz, diesmal sauberer als früher. Ich mochte diesen Moment inzwischen. Dieses langsame, konzentrierte Streichen des Pinsels. Früher hatte meine Hand dabei gezittert. Heute war es fast meditativ. Ein kleines Ritual. Ein Zeichen: Ich entscheide selbst, wie ich aussehe.

Später ging ich raus, nur zum Kiosk und dann noch ein Stück durch die Stadt. Die Luft war kühl, aber angenehm. Es war einer dieser frühen Abende, an denen alles nach Alltag aussieht und sich trotzdem ein bisschen filmisch anfühlt, wenn man die richtige Playlist hört. Menschen gingen mit Einkaufstaschen an mir vorbei, Fahrräder klapperten über den Gehweg, irgendwo roch es nach Pommes und nassem Asphalt.

Ich merkte die Blicke, wie immer.

Manche waren kurz und neutral. Manche etwas länger. Einige vielleicht interessiert. Andere vielleicht irritiert. Früher hätte ich versucht, jeden Blick zu deuten, als würde davon mein Wert abhängen. Heute bemerkte ich sie noch immer, aber sie bestimmten nicht mehr alles. Ich hatte gelernt, dass fremde Menschen oft nur schauen, weil Menschen eben schauen. Nicht jeder Blick ist ein Urteil. Und selbst wenn doch, muss nicht jedes Urteil bei mir einziehen.

Das klingt souveräner, als ich mich fühlte.

Aber es stimmte ein bisschen.

Vor einem Schaufenster blieb ich stehen. Nicht absichtlich, eher weil meine Spiegelung mich kurz erwischte. Da stand ich: schwarze Haare, lockeres Shirt, Kette, dunkle Nägel, müder Blick, Kopfhörer um den Hals. Kein perfekter Social-Media-E-Boy, kein makelloser Anime-Charakter, keine Figur aus einem Musikvideo. Einfach ein junger Mann, der irgendwann beschlossen hatte, dass er weich und dunkel, sensibel und männlich, auffällig und unsicher zugleich sein darf.

Und plötzlich musste ich an den Zwölfjährigen denken, der ich einmal war.

Ich stellte ihn mir neben mir vor. Klein, unsicher, Kapuze tief im Gesicht, mit diesem vorsichtigen Blick, als würde er immer prüfen, ob er irgendwo falsch ist. Ich glaube, er hätte mich angestarrt. Vielleicht bewundert. Vielleicht verwirrt. Vielleicht hätte er gefragt, ob wir Ärger bekommen, wenn wir so rausgehen.

Und ich hätte ihm wahrscheinlich gesagt: manchmal Kommentare, manchmal Blicke, manchmal Angst. Aber keinen Ärger, der größer ist als das Gefühl, sich ständig selbst zu verstecken.

Auf dem Rückweg vibrierte mein Handy.

Niko.

Nur eine kurze Nachricht. Er schrieb, dass er gerade wieder den Song vom Konzert höre und dabei an gestern denken müsse. Kein großes Drama, kein Liebesgeständnis. Nur dieser kleine Satz, der meinen ganzen Abend heller machte, als ich zugeben wollte.

Ich antwortete erst zu Hause.

Nicht sofort. Nicht, weil ich Spielchen spielen wollte, sondern weil ich den Moment kurz behalten wollte. Ich wollte nicht direkt wieder in Chatblasen springen, nicht sofort etwas Witziges formulieren, nicht den Zauber in einen schnellen Spruch verwandeln. Also legte ich das Handy auf den Tisch, machte mir Tee und setzte mich an meinen Schreibtisch.

Mein Zimmer sah im Abendlicht anders aus als nachts. Weniger cool, weniger ästhetisch, ehrlicher. Die LED-Streifen waren aus, die Manga im Regal standen schief, auf dem Tisch lag noch ein Ring, den ich gestern gesucht und nicht gefunden hatte. Mein Gaming-Controller klemmte halb unter einem Hoodie, daneben stand ein leeres Glas. Es war nicht perfekt. Aber es war mein Raum. Genau wie mein Stil nicht perfekt war, aber meiner.

Ich öffnete die Kamera und sah mich auf dem Bildschirm. Früher hätte ich sofort nach dem besten Winkel gesucht, das Licht verändert, mein Gesicht kontrolliert, die Haare sortiert. Heute machte ich nur ein Bild. Ohne große Pose. Ohne Filter. Ich sah müde aus, aber echt.

Diesmal löschte ich es nicht.

Danach schrieb ich Niko zurück, dass ich den Song auch im Kopf habe. Mehr nicht. Ich wollte nicht zu viel schreiben. Ich hatte Angst, den Moment zu groß zu machen, obwohl er schon groß war. Vielleicht ist das mein altes Problem: Ich kann Nähe entweder herunterspielen oder innerlich sofort ein ganzes Zukunftsszenario daraus bauen. Dazwischen zu bleiben, einfach im Jetzt, fällt mir schwer.

Aber vielleicht lernt man genau das mit zweiundzwanzig.

Nicht alles muss sofort definiert werden.

Nicht jeder schöne Abend muss direkt eine Geschichte mit festem Ende bekommen.

Nicht jede Hand, die einen hält, muss sofort Liebe bedeuten.

Aber sie kann trotzdem wichtig sein.

In den nächsten Tagen dachte ich viel darüber nach, was Niko gesagt hatte. Ob mein Style Schutz oder Ausdruck ist. Diese Frage blieb hängen wie ein Song, den man nicht abschütteln kann. Ich glaube, die ehrliche Antwort ist: beides. Mein schwarzer Hoodie schützt mich noch immer manchmal. Meine Ketten sind nicht nur Schmuck, sondern auch eine Art Haltung. Meine Haare im Gesicht sind manchmal Absicht, manchmal Versteck. Mein Eyeliner macht mich sichtbarer, aber auch stärker, weil ich selbst entscheide, dass man meine Weichheit sehen darf.

Vielleicht ist das kein Widerspruch.

Vielleicht darf Ausdruck auch Schutz sein.

Vielleicht muss nicht alles, was einen schützt, eine Mauer sein. Manchmal ist es eher ein Mantel. Etwas, das man trägt, bis man warm genug ist, um darunter freier zu atmen.

Am dritten Abend nach dem Konzert verabredeten Niko und ich uns wieder. Nicht groß. Kein Konzert, keine Bühne, keine laute Musik. Nur ein Spaziergang durch die Stadt und danach vielleicht Bubble Tea. Ich tat nach außen so, als wäre das total entspannt. Innerlich fing mein Kopf natürlich sofort wieder mit seiner schlechten Theaterproduktion an.

Was ziehe ich an?
Ist es ein Date?
Ist es nur ein Treffen?
Soll ich Eyeliner tragen?
Zu viel? Zu wenig?
Was, wenn der Konzertabend nur wegen der Stimmung schön war?
Was, wenn wir nüchtern im Alltag plötzlich nicht mehr funktionieren?

Ich hasse, wie schnell aus Vorfreude ein kleiner Verwaltungsakt der Angst wird.

Am Ende entschied ich mich für eine dunkle, weite Hose, ein enges schwarzes Longsleeve, darüber ein oversized Shirt mit Print, Ketten, Ringe und sauber lackierte Nägel. Der Eyeliner wurde dezenter als beim Konzert. Meine Haare fielen gut, was ich als seltenes Zeichen des Universums wertete.

Als ich Niko an der Haltestelle sah, war er nicht dramatisch anders als sonst. Hoodie, Jacke, lockige Haare, müder Blick, der aber warm wurde, als er mich erkannte. Und genau das beruhigte mich. Kein großes Aufspielen, keine seltsame Veränderung, kein „Was sind wir jetzt?“. Nur ein Mensch, den ich mochte, und der offenbar gern Zeit mit mir verbringen wollte.

Wir liefen lange durch die Stadt. Es gab weniger Dialoge als beim ersten Treffen. Nicht, weil es unangenehm war, sondern weil wir beide nicht ständig reden mussten. Manchmal kommentierten wir Dinge im Vorbeigehen: einen Hund mit viel zu viel Selbstbewusstsein, ein hässliches Plakat, eine Gruppe Jugendlicher, die aussah, als käme sie direkt aus einem schlechten Musikvideo. Aber viel passierte einfach zwischen den Sätzen.

Unsere Schultern berührten sich ab und zu. Keiner wich sofort aus. Einmal streifte seine Hand meine, und ich spürte wieder dieses kleine elektrische Ziehen. Doch diesmal wartete ich nicht darauf, dass er fragt. Ich bewegte meine Finger langsam näher, bis sie seine berührten. Es war fast nichts. Und trotzdem war es für mich ein Schritt.

Kurz darauf nahm er meine Hand.

Nicht mit großem Moment. Nicht mit Ansage. Einfach so, als wäre es richtig.

Wir gingen weiter. Hand in Hand. Durch Straßen, die ich kannte, die sich aber plötzlich verändert anfühlten. Als hätte jemand eine neue Ebene darübergelegt. Dieselben Läden, dieselben Ampeln, dieselben Menschen, aber ich war anders darin. Sichtbarer. Weniger allein. Nicht mehr nur der Typ, der seinen Stil als Schutzschild trägt, sondern jemand, der neben einem anderen Menschen gehen kann, ohne die Hand wegzuziehen.

Ich merkte, dass ich nicht die ganze Zeit stark wirken musste.

Das war vielleicht das Schönste.

Bei Niko musste ich nicht dauerhaft cool sein. Ich musste nicht diese perfekte, geheimnisvolle E-Boy-Fassade halten. Ich durfte lachen, wenn etwas dumm war. Ich durfte kurz unsicher werden. Ich durfte still sein. Ich durfte gut aussehen wollen und trotzdem zugeben, dass mich ein Blick manchmal trifft. Ich musste nicht entweder hart oder weich sein.

Ich durfte beides sein.

Später saßen wir mit Bubble Tea auf einer Bank in der Nähe eines kleinen Parks. Es war schon dunkel, aber die Laternen machten das Licht weich. Der Tee war zu süß, meine Finger kalt, seine Hand warm. Ich lehnte mich irgendwann ein Stück zurück und sah in den Himmel, obwohl man kaum Sterne sah. Nur Wolken, Stadtlicht und dieses dunkle Blau, das nachts alles ein bisschen unwirklich macht.

Ich dachte daran, wie lang der Weg hierher gewesen war. Von zwölf bis zweiundzwanzig. Zehn Jahre, in denen ich immer wieder kleine Entscheidungen getroffen hatte, die nach außen vielleicht banal wirkten. Einen Hoodie tragen. Haare wachsen lassen. Einen Nagel lackieren. Ein Foto nicht löschen. Mit Eyeliner rausgehen. Auf ein Konzert gehen. Eine Hand halten.

Von außen sind das keine großen Heldengeschichten.

Aber innen waren es Revolutionen.

Jede einzelne.

Und vielleicht besteht Erwachsenwerden nicht aus einem großen Moment, in dem man plötzlich weiß, wer man ist. Vielleicht besteht es aus vielen kleinen Momenten, in denen man aufhört, sich für einzelne Teile von sich zu entschuldigen.

Als ich später nach Hause kam, zog ich die Ketten ab, legte die Ringe in die kleine Schale und betrachtete meine Hände. Der schwarze Lack glänzte noch. An einem Finger war eine winzige Macke, wahrscheinlich vom Öffnen des Bubble-Tea-Bechers. Ich mochte diese Macke. Sie machte den Abend real.

Ich stellte mich vor den Spiegel und sah mich lange an.

Nicht prüfend.

Nicht suchend.

Eher dankbar.

Da war kein fertiger Mensch. Kein perfekter E-Boy, kein perfekter Mann, kein perfekt geformtes Ich. Da war jemand, der noch immer lernt. Jemand, der manchmal Angst hat und trotzdem rausgeht. Jemand, der früher dachte, anders zu sein sei gefährlich, und heute langsam merkt, dass es noch gefährlicher gewesen wäre, sich selbst nie kennenzulernen.

Niko schrieb später noch, dass der Abend schön war.

Ich antwortete, dass ich das auch fand.

Dann legte ich das Handy weg.

Diesmal blieb es liegen.

Nicht, weil mir seine Nachricht egal war. Sondern weil ich den Abend nicht festhalten musste, als würde er sonst verschwinden. Er war passiert. Er war in mir. In meinen Händen, in meinem Blick, in dieser kleinen Ruhe, die ich selten habe.

Vielleicht werde ich morgen wieder unsicher sein. Vielleicht werde ich wieder zu lange vor dem Spiegel stehen und mich fragen, ob der Eyeliner zu viel ist. Vielleicht wird es Tage geben, an denen ich den Hoodie wieder wie eine Rüstung brauche.

Aber heute nicht.

Heute fühlt er sich nicht wie eine Rüstung an.

Heute fühlt er sich an wie Zuhause.

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