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Sissi Geschichte: Lisa und die ersten neuen Gefühle Teil 3

Sissi Geschichte Lisa und die ersten neuen Gefühle Teil 3

Heute war einer dieser Tage, an denen ich gemerkt habe, dass sich etwas in mir verändert hat. Nicht plötzlich, nicht laut, nicht wie ein Gewitter. Eher leise. So, als würde irgendwo in mir ein Fenster geöffnet werden, durch das zum ersten Mal seit langer Zeit frische Luft hereinkommt. Ich weiß gar nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Vielleicht ist es dieses Gefühl, wenn man sich selbst ein kleines Stück näherkommt und gleichzeitig Angst hat, dass genau dieses Stück alles verändern könnte.

Seit meinem letzten Eintrag denke ich viel über mich nach. Über Lisa. Über die Seite in mir, die ich so lange versteckt, weggeschoben oder klein geredet habe. Manchmal fühlt es sich immer noch ungewohnt an, diesen Namen aufzuschreiben. Lisa. Und doch ist da jedes Mal ein warmes Ziehen in meiner Brust, wenn ich ihn lese. Als würde dieser Name nicht einfach nur ein Name sein, sondern ein Versprechen. Ein Versprechen an mich selbst, ehrlicher zu werden.

Heute Nachmittag war ich allein zu Hause. Draußen war es grau, dieser typische Himmel, der alles ein bisschen langsamer macht. Ich hatte mir Tee gekocht, die Vorhänge halb zugezogen und Musik angemacht, ganz leise im Hintergrund. Eigentlich wollte ich nur aufräumen, aber irgendwann stand ich vor meinem Spiegel und blieb einfach stehen. Ich sah mich an und hatte diesen Gedanken: „Was wäre, wenn ich heute nicht gegen mich kämpfe? Was wäre, wenn ich einfach mal freundlich zu mir bin?“

Also habe ich mir Zeit genommen. Keine große Verwandlung, kein dramatischer Moment wie in einem Film. Nur kleine Dinge. Ein weicher Pullover. Ein bisschen Pflege fürs Gesicht. Die Haare anders gelegt. Und dann dieser Blick in den Spiegel, der mich kurz ganz still gemacht hat. Ich sah nicht perfekt aus. Nicht wie jemand aus einem Magazin. Aber ich sah irgendwie echter aus. Weicher. Ruhiger. Mehr nach mir.

Es ist komisch, wie viel Macht so kleine Momente haben können. Früher hätte ich sofort angefangen, mich zu bewerten. Zu streng, zu nervös, zu unsicher. Ich hätte jeden Gedanken zerlegt, bis nichts Schönes mehr übrig geblieben wäre. Aber heute war da für einen Augenblick kein Urteil. Nur Neugier. Und vielleicht sogar ein bisschen Stolz. Nicht laut, aber spürbar.

Ich glaube, das ist der Punkt, an dem meine Sissi Geschichte gerade steht. Nicht bei großen Entscheidungen, nicht bei endgültigen Antworten, sondern bei kleinen ehrlichen Augenblicken. Bei der Frage, ob ich mir erlauben kann, mich selbst kennenzulernen, ohne mich sofort dafür zu schämen. Bei dem Wunsch, Lisa nicht länger nur als geheimes Bild in meinem Kopf zu behalten, sondern als Teil von mir anzunehmen.

Später habe ich mein Tagebuch aufgeschlagen und erst lange nichts geschrieben. Ich habe nur den Stift in der Hand gehalten und auf die leere Seite geschaut. Es war fast so, als würde diese Seite auf mich warten. Als würde sie sagen: „Du musst nicht alles erklären. Fang einfach an.“ Und genau das habe ich getan. Ich schrieb: „Heute war ich Lisa ein kleines bisschen näher.“ Danach musste ich lächeln.

Dieses Lächeln war anders. Nicht aufgesetzt, nicht für andere, nicht höflich. Es kam einfach. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal nicht das Gefühl hatte, eine Rolle spielen zu müssen. Vielleicht, weil ich gemerkt habe, dass Veränderung nicht immer bedeutet, jemand völlig Neues zu werden. Manchmal bedeutet Veränderung nur, endlich aufzuhören, sich selbst ständig wegzudrücken.

Natürlich ist da noch Angst. Ich will nicht so tun, als wäre plötzlich alles leicht. Manchmal frage ich mich, was andere denken würden. Ob sie lachen würden. Ob sie mich weniger ernst nehmen würden. Ob sie mich anders ansehen würden. Diese Gedanken kommen immer wieder, und manchmal sind sie ziemlich laut. Aber heute waren sie nicht stärker als ich. Heute waren sie nur Gedanken. Nicht die Wahrheit.

Am Abend habe ich noch einmal in den Spiegel geschaut. Das Licht war warm, die Wohnung ruhig, und für einen kurzen Moment fühlte ich mich nicht zerrissen. Ich fühlte mich nicht fertig, nicht angekommen, nicht völlig sicher. Aber ich fühlte mich ehrlich. Und das ist vielleicht mehr wert, als ich bisher verstanden habe.

Vielleicht geht es in meiner Geschichte gar nicht darum, sofort mutig zu sein. Vielleicht geht es darum, jeden Tag ein kleines bisschen weniger vor mir selbst davonzulaufen. Heute habe ich das geschafft. Nur ein kleines Stück. Aber dieses kleine Stück fühlt sich an wie ein Anfang.


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