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Das zweite Glas Wein: Eine Dating-Geschichte mit zwei Männern

Dating-Geschichte mit zwei Männern

Ich hatte mir vorgenommen, dieses Date nicht zu überdenken.

Das war natürlich lächerlich.

Schon auf dem Weg zum Restaurant hatte ich innerlich ungefähr zwölf mögliche Versionen des Abends durchgespielt. In einer Version verstanden wir uns sofort, lachten über dieselben dummen Dinge und vergaßen die Zeit. In einer anderen Version redeten wir zwanzig Minuten über Berufe, Wetter und die Parksituation, bis einer von uns „Morgen früh raus“ als elegante Fluchtmöglichkeit benutzte. Und in der schlimmsten Version sah er mich an, lächelte höflich und merkte nach fünf Minuten, dass ich in echt weniger interessant war als in meinen Nachrichten.

Ich blieb vor dem Restaurant stehen und atmete einmal tief durch.

„Du bist ein erwachsener Mann“, murmelte ich. „Du kannst Pasta essen, ohne dein Leben zu hinterfragen.“

Dann sah ich durch das Fenster.

Er war schon da.

David saß an einem kleinen Tisch in der Ecke, ein Glas Wasser vor sich, die Jacke über die Stuhllehne gehängt. Er trug ein dunkelblaues Hemd, dessen Ärmel locker hochgekrempelt waren, und sah auf sein Handy. Nicht gelangweilt, eher konzentriert. Seine dunklen Haare waren etwas unordentlich, aber auf diese gute Weise, bei der man nicht wusste, ob es Absicht war oder einfach unfair gutes Genmaterial.

Ich hatte ihn vor zwei Wochen über eine Dating-App kennengelernt. Sein Profil war angenehm unaufgeregt gewesen. Kein „Partner in Crime gesucht“, keine Gym-Spiegel-Selfies, kein Satz darüber, dass er „kein Drama“ wolle, was meistens bedeutete, dass er selbst das Drama war. Nur ein paar Bilder, ein trockener Humor und die Info, dass er gerne kochte, schlecht Pflanzen am Leben hielt und Männer mochte, die über sich selbst lachen konnten.

Ich hatte ihm geschrieben: „Zwei von drei Punkten erfülle ich. Pflanzen fürchten mich.“

Er hatte geantwortet: „Dann sind wir entweder ein Match oder eine Gefahr für jede Gärtnerei.“

Seitdem hatten wir täglich geschrieben.

Und jetzt war er echt.

Viel zu echt.

Als ich eintrat, sah er auf. Für einen winzigen Moment wirkte sein Gesicht suchend, dann erkannte er mich. Sein Lächeln kam langsam, warm, nicht zu breit. Genau richtig.

Ich ging zu ihm.

„Hi“, sagte ich.

„Hi.“ Er stand auf, und wir umarmten uns kurz. Nicht steif. Nicht übertrieben. Eine dieser ersten Umarmungen, bei denen beide versuchen, die richtige Länge zu erraten.

Er roch nach frischem Hemd, etwas Holzigen und Regenluft.

Das machte die Sache nicht leichter.

„Schön, dich zu sehen“, sagte er.

„Ja“, sagte ich. „Also dich auch. Nicht mich. Ich sehe mich ja öfter.“

David lachte.

Gut.

Er lachte.

Der Abend war noch nicht verloren.

Wir setzten uns, und für die ersten Minuten waren wir beide ein wenig vorsichtig. Nicht unangenehm, nur tastend. Als müssten unsere echten Stimmen erst zu den Nachrichten passen, die wir schon kannten. Ich bestellte Rotwein, er Weißwein, und wir diskutierten kurz darüber, ob das schon ein unüberbrückbarer Charakterunterschied sei.

„Rotwein ist dramatischer“, sagte ich.

„Weißwein ist klarer.“

„Das klingt, als würdest du auch deine E-Mails farblich sortieren.“

„Tue ich.“

Ich sah ihn an. „Oh.“

„Zu früh für diese Information?“

„Nein, aber ich muss mein Bild von dir neu berechnen.“

„Und?“

„Attraktiv, aber gefährlich organisiert.“

Er grinste. „Damit kann ich leben.“

Nach dem ersten Glas wurde es leichter. Das Gespräch löste sich von den üblichen Fragen und fand seinen eigenen Rhythmus. David erzählte von seiner Arbeit in einer kleinen Agentur, von einem Chef, der ständig Meetings „kurz“ nannte und dann fünfundvierzig Minuten über Nebensätze sprach. Ich erzählte von meiner Fähigkeit, mich für neue Hobbys zu begeistern, um nach zwei Wochen festzustellen, dass ich offenbar hauptsächlich gerne Zubehör kaufe.

„Was war das letzte Hobby?“, fragte David.

„Aquarellmalerei.“

„Klingt schön.“

„Ich habe drei Pinsel, zwölf Farben und ein Bild, das aussieht wie ein trauriger Unfall in einem Blumenladen.“

Er lachte wieder. Dieses Mal noch echter. Sein Blick blieb danach kurz an mir hängen, als würde er nicht sofort zum nächsten Satz springen wollen.

Ich merkte, wie ich ruhiger wurde.

Das war gefährlich.

Nicht, weil David etwas falsch machte. Sondern weil er so viel richtig machte, ohne sich anzustrengen. Er hörte zu. Fragte nach. Machte Witze, aber nicht auf Kosten anderer. Und wenn ich sprach, sah er mich an, als wäre er wirklich da. Nicht halb im Gespräch, halb beim nächsten besseren Match.

Als das Essen kam, war die erste Nervosität fast verschwunden. Fast. Ich nahm einen Bissen Pasta und verbrannte mir natürlich direkt die Zunge, weil ich offenbar nicht in der Lage war, mich romantisch zu verhalten und gleichzeitig Temperatur zu prüfen.

David bemerkte es sofort.

„Zu heiß?“

Ich schüttelte tapfer den Kopf. „Nein. Alles unter Kontrolle.“

„Du leidest.“

„Elegant.“

„Sehr.“

Ich griff nach meinem Wasser und trank einen Schluck, während er versuchte, nicht zu lachen. Was ihm nicht gelang.

„Du darfst lachen“, sagte ich.

„Danke. Ich wollte höflich sein.“

„Das ist beim ersten Date grundsätzlich verdächtig.“

„Dann bin ich ab jetzt weniger höflich.“

„Bitte nicht komplett.“

„Ich finde ein Mittelmaß.“

„Sehr erwachsen.“

Er hob sein Glas. „Auf erwachsene Mittelmäßigkeit.“

Ich stieß mit ihm an. „Und verbrannte Zungen.“

„Und schlechte Pflanzenväter.“

„Das ist ein harter Titel.“

„Verdient?“

„Leider.“

Wir lachten beide, und plötzlich war dieser Abend nicht mehr etwas, das ich bestehen musste. Er wurde etwas, das einfach passierte. Weich. Warm. Ungeplant.

Nach dem Essen gingen wir noch spazieren. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Straßen glänzten noch. Die Stadt hatte dieses späte Licht, bei dem Schaufenster, Laternen und Autolichter sich auf dem nassen Asphalt spiegeln und alles ein bisschen filmischer aussieht, als es im Alltag normalerweise darf.

David lief neben mir, die Hände in den Manteltaschen.

„Warst du nervös vorher?“, fragte er.

Ich sah zu ihm. „Sehr.“

Er lächelte. „Gut.“

„Gut?“

„Ich auch.“

„Du wirkst nicht nervös.“

„Ich habe jahrelange Übung darin, innerlich Chaos zu sein und äußerlich Wasser zu bestellen.“

Ich blieb fast stehen. „Das ist erschreckend nachvollziehbar.“

„Dann haben wir schon mal etwas gemeinsam.“

Wir liefen weiter, etwas langsamer jetzt.

„Ich finde erste Dates schwierig“, sagte ich. „Man will ehrlich sein, aber nicht zu viel. Locker, aber nicht desinteressiert. Interessant, aber nicht so, als hätte man vorher Stichpunkte gemacht.“

David sah mich von der Seite an. „Hattest du Stichpunkte?“

„Nein.“

Er hob eine Augenbraue.

„Vielleicht mentale.“

„Was stand drauf?“

Ich tat so, als müsste ich überlegen. „Nicht zu schnell reden. Nicht über Pflanzen traumatisieren. Nicht erwähnen, dass ich vorher dreimal das Outfit gewechselt habe.“

David lächelte. „Dreimal?“

„Viermal, aber eins zählt nicht. Das war nur ein Fehlversuch.“

„Fürs Protokoll: Das aktuelle Outfit war eine gute Entscheidung.“

Ich sah geradeaus, damit er nicht sofort sah, wie sehr mich das freute.

„Danke.“

„Gern.“

„Du sagst Komplimente sehr ruhig.“

„Soll ich dramatischer werden?“

„Bitte nicht. Dann glaube ich dir weniger.“

„Dann bleibe ich ruhig.“

Wir kamen an einen kleinen Platz mit einem Brunnen, der nachts abgeschaltet war. Ein paar Menschen standen vor einer Bar, irgendwo fuhr ein Fahrrad vorbei, und aus einem geöffneten Fenster kam Musik. Nichts Besonderes. Und doch fühlte sich alles in diesem Moment besonders an.

David blieb neben mir stehen.

„Darf ich etwas Ehrliches sagen?“

Mein Herz wurde sofort wachsam. „Ja.“

„Ich hatte vor heute Angst, dass es in echt nicht passt.“

Ich nickte langsam. „Ich auch.“

„Nicht wegen dir“, sagte er schnell. „Mehr, weil Nachrichten manchmal eine eigene kleine Welt bauen. Und dann sitzt man sich gegenüber und merkt, dass die echte Person nicht in diese Welt passt.“

„Und?“, fragte ich leise.

David sah mich an. Sein Gesicht war offen, aber ein bisschen vorsichtig. Vielleicht hatte er genauso Angst vor meiner Antwort wie ich vor seiner.

„Du passt besser“, sagte er.

Das war kein lautes Kompliment. Kein übertriebener Satz. Aber genau deshalb traf es mich so.

Ich spürte, wie etwas in mir weich wurde.

„Du auch“, sagte ich.

Er lächelte. Nicht triumphierend. Eher erleichtert.

Wir standen eine Weile da und sagten nichts. Ich merkte, dass unsere Schultern sich fast berührten. Nur fast. Diese winzige Distanz, die plötzlich viel Bedeutung bekommt, wenn man jemanden gerne mag.

David zog eine Hand aus der Manteltasche.

Nicht demonstrativ.

Einfach so.

Seine Hand hing zwischen uns, offen genug, dass ich sie hätte nehmen können, aber nicht so deutlich, dass ich mich gedrängt fühlte.

Ich sah kurz darauf.

Dann nahm ich sie.

Seine Finger waren warm.

Er verschränkte sie mit meinen, ruhig, als wäre das keine große Sache. Als hätte mein Herz nicht gerade beschlossen, sich wie ein völlig übermotivierter Teenager aufzuführen.

„Okay?“, fragte er.

Ich nickte. „Ja.“

„Gut.“

Wir gingen weiter, jetzt Hand in Hand. Das war so schlicht und gleichzeitig so viel. Zwei Männer auf einer nassen Straße, irgendwo zwischen Restaurant und U-Bahn, nicht mehr ganz Fremde, noch nicht vertraut, aber für diesen Moment mutig genug, nebeneinander sichtbar zu sein.

„Ich mag das“, sagte David nach einer Weile.

„Spazieren?“

„Auch.“

„Händchenhalten?“

„Sehr.“

Ich lächelte. „Ich auch.“

An der U-Bahn-Station blieben wir stehen. Mein Zug würde in vier Minuten kommen. Vier Minuten sind nach einem guten Date eine Frechheit. Viel zu kurz für alles, was noch in der Luft hängt, und viel zu lang, wenn man nicht weiß, ob man sich küssen soll.

David sah auf die Anzeigetafel, dann zu mir.

„Ich würde dich gern wiedersehen“, sagte er.

„Ich dich auch.“

„Gut.“

„Sehr gut.“

Wir lächelten beide, ein bisschen verlegen. Ich mochte das. Dass er nicht plötzlich glatt und souverän war. Dass auch er diesen Moment spürte und nicht ganz wusste, wohin mit den Händen, obwohl eine davon noch immer meine hielt.

„Darf ich dich küssen?“, fragte er.

Mein Herz wurde ruhig.

Nicht kleiner. Nicht kälter. Ruhig.

Als hätte genau diese Frage alles sicherer gemacht.

„Ja“, sagte ich.

David trat ein wenig näher. Der Kuss war sanft, fast vorsichtig. Keine große Szene, kein perfekter Filmwinkel, kein Feuerwerk. Nur seine Hand in meiner, seine Lippen warm und weich, und dieser kleine Moment mitten an einer U-Bahn-Station, der sich trotzdem anfühlte, als hätte die Welt kurz die Lautstärke heruntergedreht.

Als wir uns lösten, lächelte er.

„Das war schön“, sagte er.

„Sehr.“

Mein Zug fuhr ein.

Natürlich.

Romantik hat offenbar kein Verständnis für Fahrpläne.

Ich stieg ein, blieb aber an der Tür stehen. David stand draußen auf dem Bahnsteig, eine Hand in der Manteltasche, die andere hob er kurz zum Abschied.

Kurz bevor die Türen sich schlossen, sagte er: „Schreib mir, wenn du zu Hause bist.“

Ich nickte.

Dann fuhr der Zug los.

Ich setzte mich, sah mein Spiegelbild im Fenster und erkannte dieses dumme, weiche Lächeln auf meinem Gesicht.

Zu Hause schrieb ich ihm:

„Bin angekommen. Keine Pflanzen verletzt.“

Seine Antwort kam eine Minute später.

„Gut. Dann kann Date zwei stattfinden.“

Ich grinste.

„Schon geplant?“

„Ich dachte an Buchladen, Kaffee und eine Pflanze, die wir gemeinsam nicht töten.“

Ich lachte leise in meiner Wohnung, allein, aber nicht einsam.

Dann tippte ich:

„Riskant. Aber ich bin dabei.“

Seine Antwort:

„Dann war Date eins wohl erfolgreich.“

Ich sah lange auf diese Nachricht.

Date eins.

Nicht Treffen.

Nicht vielleicht.

Date eins.

Als hätte dieser Abend einen Anfang markiert, ohne gleich zu viel zu versprechen.

Ich legte das Handy neben mich, lehnte mich zurück und dachte an Davids ruhige Stimme, an das zweite Glas Wein, an nasse Straßen, warme Hände und diesen Kuss an der U-Bahn.

Vielleicht beginnt etwas Schönes genau so.

Nicht perfekt.

Nicht dramatisch.

Sondern mit zwei Männern, die beide ein bisschen nervös sind, beide versuchen, nicht zu viel zu hoffen, und trotzdem lange genug bleiben, um zu merken:

Manchmal passt jemand in echt besser als in jeder Nachricht.

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